Die „Erzköchin“ verstand den leiblichen Bedürfnissen ihres Mannes gerecht zu werden; sie wußte, was seinem Geschmack entsprach und was seiner Gesundheit zuträglich war. Luther wußte auch, was das heißt, und daß „das ein gemarterter Mann sei, dess' Weib und Magd nichts wissen in der Küche: es ist das erste Unglück, woraus viele Uebel folgen.“ Aber auch das Gesinde thut's nicht, sondern, wie Luther in sein Hausbuch schreibt: „Der Frauen Augen kochen wohl.“[465]
Luther liebte, als ein echtes Bauernkind und mit gesundem Appetit gesegnet, recht derbe Hausmannskost. Ueppige Speise machte ihm Beschwerden. Er lobte sich eine reine, gute, gemeine Hausspeise: Brathering und Erbsen war ihm ein Lieblingsgericht[466]. Aber seine Gattin erkannte bald, daß dem Doktor bei seiner sitzenden Lebensweise, bei seiner angestrengten geistigen Thätigkeit und namentlich, weil er in den Tagen seines unnatürlichen Kloster- und Junggesellenlebens seine Natur sehr verdorben hatte und durch Verdauungsstörungen an schweren Schwindelanfällen litt, — daß diese derbe Kost ihm wenig zuträglich sei und sie namentlich mit anderer Pflanzenkost, besonders Obst, nachhelfen müsse, und überhaupt war sie auf Wechsel in der Speise bedacht[467]. So hatte sie denn in ihrer Speisekammer, in Keller und Speicher nicht nur Erbsen und Hirsen, Grütze, Graupen und Reis vorrätig, da gab es auch Kraut, Kohl, Mohren, Rüben und Obst; die einheimischen Mispeln liebte Luther mehr denn alle welschen Feigen, und die Pfirsiche schätzte er besonders hoch und fast den Weintrauben gleich. Da wurden im Kloster nicht nur Ochsen und Schweine geschlachtet, auch Gänse und Enten, Hühner, Tauben und Krammetsvögel, frische und dürre Fische und Krebse kamen als Leckerbissen auf den Tisch. Wildbret war Hochzeitsbraten; Luther fand es aber mit seinem schwarzen Fleisch zu „melancholisch“. Zwar hielt Käthe selber Rinder und Hühner, pflanzte allerlei Frucht und Gemüse, zog Obst, buk das tägliche Brot und sott Bier; aber vieles mußte noch dazu gekauft werden, oder man erhielt es geschenkt, namentlich sorgte der Hof für Wildbret und die Freunde für schönes Obst: Borsdorfer, Gold- und Blutäpfel. Frau Käthe aber würzte die Speisen mit Salz, Pfeffer, Safran, mit Mohn, „Zippel“ (Cipola, Zwiebel), Petersilien, Kümmel und Karbey, schmälzte mit Butter und süßte mit Honig und Zucker. Zum Nachtisch war immer Obst da: Aepfel, Birnen, Pfirsiche und Nüsse; in der Kirschenzeit hing auch ein Kirschenast über der Tafel[468].
Daher schmeckte dem Doktor nichts besser als seine hausgemachten Speisen und Getränke und nirgends ist es ihm wohler, als daheim an seinem wohlbestellten Tisch. Lieber als die gepreßten Käse, welche Lauterbach fern aus Pirna herschickt, sind ihm „unsre Käse von einfachem Stoff und einfacher Form“. Das von Jonas geschenkte Bier findet er schlecht, während er jenem das Bier von seiner Käthe anpreist als ein erprobtes Heilmittel gegen das Steinleiden; ja er nennt es geradezu die „Königin aller Biere“. Bei Hof gedenkt er an seinen „freundlichen lieben Herrn“ Käthe, wie gut Wein und Bier daheim habe; dort müsse er einen bösen Trunk thun oder von den dicken schweren Brot essen, das ihm so schlecht bekomme[469].
Und wie sehnte sich Luther immer von den Unbequemlichkeiten der Reise und fremder Herberge nach seinem gemütlichen Heim und dem behaglichen warmen Bett!
Käthe befolgte also die alte Regel, welche Luther so gerne jungen Ehefrauen einschärfte: „Halt dich also gegen deinen Mann, daß er fröhlich wird, wenn er auf dem Wiederwege des Hauses Spitzen sieht.“[470]
Freilich hatte Frau Käthe auch in Beziehung auf die Verköstigung ihres Gatten mit dessen Eigensinn zu kämpfen, denn der Doktor genoß oft mehrere Tage lang gar nichts, oder er aß nur einen Bratfisch und ein Stück Brot; wenn er ganz ungestört studieren wollte, nahm er einen Bissen Brot und zog sich in sein Studierstüblein, seine alte Mönchszelle, ein und kam gar nicht zum Essen und — zum Schlafen. So schloß er sich einmal, um den 22. Psalm zu erklären, mit Brot und Salz ein und kam drei Tage nicht zum Vorschein. Da wurde Frau Käthe doch ängstlich zu Mute, sie pochte und rief an der Thür. Keine Antwort. Sie ließ nun den Schlosser kommen und die Thüre aufbrechen. Da rief er unwillig: „Was wollt ihr? Meint ihr, es sei was Schlechtes, was ich vorhabe? Weißt Du nicht, daß ich muß wirken, so lang es Tag ist; denn es kommt die Nacht, da niemand wirken kann!“ Ein andermal (1541) hatte sie ihre liebe Not mit dem eigensinnigen Patienten, der bei seiner „Anfechtung“ vierzehn Tage nicht schlafen konnte und nichts essen und nichts trinken wollte[471].
Freilich zu anderer Zeit war Luther auch aufgelegt zu einem festlichen Schmaus oder einem kleinen Gelage im Freundeskreise, denn er meinte: „Darf unser Herrgott große Hechte und Rheinwein schaffen, so darf ich sie auch essen und trinken; es ist dem lieben Gott recht, wenn du einmal aus Herzensgrund dich freuest oder lachest.“ Da wußte nun Frau Käthe ihrem Manne den Geburtstag, den Doktorstag, den Thesentag u.a. festlich zu schmücken. „Das Königreich“ wurde am 3. Mai mit einem Mahle gefeiert, „da wurden Psalmen gesungen, Evangelien gesagt, der Katechismus, Gebete, wie einem jeglichen aufgelegt war; darauf mußte das Hausgesinde antworten.“ An St. Niklas wurden die Kinder beschenkt; am Neujahr auch das Gesinde. Besonders aber Weihnachten wurde festlich begangen und die Kinder freuten sich darauf und die Eltern mit ihnen. Frau Käthe aber sorgte dafür, daß allerlei Gutes und Schönes ins Zimmer und auf den Tisch kam[472].
Ganz vorzüglich bewährte sich aber Frau Käthe als Krankenpflegerin. Da zeigte sie alle ihre Erfahrung, Geschicklichkeit und Energie. Und was es alles für Krankheiten in einer so großen Familie gab, läßt sich denken. Da waren nicht bloß die Kinder und Schüler, welche allerlei Kinderkrankheiten, zum Teil tödliche, durchmachten; da schleppte Luther noch alle kranken Freunde und Freundinnen ins Schwarze Kloster, so daß es nach seinem eigenen Ausdruck oft genug ein „Spital“ war[473].
Der langwierigste und schwierigste Patient war freilich der Doktor selber[474]. Krank war er eigentlich von Anfang an, und immer neue Krankheiten kamen zu den alten: Ruhr, Fieber, schmerzliche Hautausschläge und Geschwüre, Rheuma, Hüftenweh und Brustbeschwerden. Er hatte insbesondere einen bösen Pfahl im Fleisch: den Stein, der ihn wie „Faustschläge des Satans“ plagte; sodann verursachten ihm seine Verdauungsstörungen Beengungen, Blutandrang nach dem Haupt, Kopfweh, Ohrensausen und Schwindel, Krämpfe und Ohnmachten: Anfälle, vor denen er als „Anfechtungen des Teufels“ sich heftig fürchtete und die ihn oft mit tiefer Schwermut erfüllten[475]. Da galt es, eine geduldige und fröhliche Krankenpflegerin sein. Und Frau Käthe verstand ihren Patienten zu behandeln, besser als die großen Doktoren, die Herren Aerzte; sie wußte, wie man den Kranken behandeln mußte mit Nahrung und Arzneimitteln; sie hielt ihn vom Wein ab und sott ihm leibreinigendes Bier; sie rieb ihm das Bein mit heilkräftiger Salbe und Aquavitä ein und erwärmte ihm den Leib mit heißen Tüchern: sie erquickte ihn mit Kraftküchlein und allerlei Säften; sie kannte eine wirksame Wurzel gegen den Stein und zahlreiche Hausmittel: sie schabte ihm Bernstein von einem alten Rosenkranz und löste ihm die weißen Bernsteinstückchen auf, welche der Herzog von Preußen als Mittel gegen den Stein schickte[476]. Nach dem Zeugnis ihres Sohnes, des nachherigen berühmten Arztes Paul Luther, war sie eine halbe Doktorin. Dieser sagte in seiner Antrittsrede zu seiner Professur in Jena: „Meine Mutter hat nicht allein in Frauenkrankheiten durch Rat und Heilung vielen geholfen, sondern auch Männer oft von Seitenschmerzen befreit.“[477] Ihr vertraute sich daher Luther auch lieber an, als „unsers Herrgotts Flickern“, den Aerzten und den Apothekern. Als Luther zu Schmalkalden tödlich erkrankte und die Aerzte ihm Arzneien gaben, „als ob er ein großer Ochs wäre“, und der schwäbische Carnifex (Schinder, Folterknecht) meinte: „Ei, lieber Herr Doktor, Ihr habt einen guten, starken Leib, Ihr habt wohl noch zuzusetzen; Ihr müßt, bei Gott! leiden, wenn man Euch angreift“ — da dachte er an seine Hausfrau und ihre wohlthuenden Hausmittel und begehrte, trotz aller Schrecken solcher Fahrt, nichts wie heim[477].
Luther hatte den Grundsatz: „Ich esse, was mir schmeckt und leide darnach, was ich muß. Ich frage auch nach den Aerzten nichts; will mir mein Leben, so mir von ihnen auf ein Jahr gestellt ist, nicht sauer machen, sondern in Gottes Namen essen und trinken, was mir schmeckt.“ So berichtet der Arzt Ratzeberger, Leibarzt der Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg, der mit ihr nach Wittenberg floh, dann des Grafen von Mansfeld und zuletzt des Kurfürsten von Sachsen Leibarzt — auch zu Zeiten Luthers eigener Arzt[478]: