Die Weltlage, welche der Reformator begreiflicherweise mit aufmerksamem Auge verfolgte, war eine seltsame und für Luthers Empfinden geradezu erschreckliche. Das stete Vordringen der Türken, das seinem christlich-deutschen Herzen schwer weh that, die Verbindung christlicher Mächte, wie Frankreichs und, wenigstens indirekt, Venedigs und des Papstes mit dem Erbfeind der Christenheit erschien wie drohende Vorzeichen des Jüngsten Tages. Dazu das Verhalten des Kaisers und seines Bruders, des Königs Ferdinand, das deutlich darauf ausging, die Protestanten hinzuhalten, sie, wie einstens die Husiten, mit einem Brocken Zugeständnis abzuspeisen, wenn man aber einmal freie Hand hätte, mit Gewalt, wie Luther fürchtete — verbunden mit Papst und Teufel, Türke und Hölle, über sie herzufallen. Das alles erfüllte ihn mit bangen Sorgen. Er weissagte an seinem letzten Geburtstag richtig: „Bei meinem Leben wird es, ob Gott will, keine Not haben und guter Friede in Germania bleiben; aber wenn ich nun tot bin, da wird alsdann das Beten hoch vonnöten sein. Unsere Kinder werden noch müssen den Spieß in die Hand nehmen; denn es wird übel zugehen in Deutschland. Das Konzil zu Trient ist sehr zornig und meinet es sehr böse mit uns. Darum betet zu Gott mit Fleiß.“[524]

Noch verdrießlicher aber und sorgenerregender waren für Luther mit Recht die Streitigkeiten in den eigenen Reihen. Darüber sagte er seinen Freunden beim letzten Geburtstagsfest: „Ich fürchte mich nicht vor den Papisten, das sind des mehren Teils grobe Esel; aber unsere Brüder werden dem Evangelium Schaden thun, die von uns ausgegangen sind, aber nicht von uns sind.“ Da standen sich Kurfürst und Herzog von Sachsen wegen Landbesitz feindlich gegenüber im sogenannten „Fladenkrieg“ (weil um Ostern 1542). Herzog Moriz, welchem Luther Verräterei zutraute, entzog sich dem evangelischen Bunde von Schmalkalden. Wohl waren — bis auf den „geistlichen Türken“, den Mainzer Erzbischof — die alten Feinde Luthers: Herzog Georg und Kurfürst Joachim I. gestorben und das Herzogtum Sachsen und Kurbrandenburg zum Protestantismus übergetreten und sogar das Erzbistum Köln dazu bereit; aber in Berlin traten der „Grickel und der Jäckel“ (Agricola und Schenk) auf mit ihren gesetzesstürmerischen Lehren; in Köln wollte man die Luther so unsympathische schweizerische „Sakramentiererei“ einführen und der große Vermittler Butzer und der milde Melanchthon, welche diese Kölner Reformation übernommen hatten, wurden Luther höchst verdächtig und das ganze Werk ärgerlich — es scheiterte ohnedies durch die Gewaltthat des Kaisers. In Luthers Umgebung wuchs, nachdem die alten Mitarbeiter der Reformation am Abgang waren, ein neues Geschlecht heran, das mit epigonenhafter Uebertreibung die Gegensätze schärfte oder allerlei Kleinigkeiten und Aeußerlichkeiten aufbauschte, wie die Zeremonien, Auslegung der Offenbarung Johannes, Verbot von alten Osterbräuchen und andere „Geislein“ „herfürgucken“ ließen, die sie führen wollten, um sich wichtig zu machen; auch der alte Streit mit den Schweizern flammte wieder auf[525].

Ja, auf Melanchthon selbst, seinen alten Freund und Mitarbeiter, wurde Luther mißtrauisch gemacht wegen allerlei Abweichungen vom „echten“ Luthertum und es entstand eine gefährliche Spannung zwischen den beiden Männern und ihren Familien, bis die Mißstimmung endlich durch Luther selbst beigelegt wurde, so daß der Reformator doch bis ans Ende seines Lebens mit ihm als dem treuesten Freunde verkehrte[526]. Mit seinen Kollegen von der juristischen Fakultät, namentlich seinem alten Freunde Hier. Schurf, bekam Luther einen bösen Span wegen der heimlichen Verlöbnisse, welche die „garstigen Juristen“ mit einem Rückfall ins kanonische Recht für giltig erklärten, Luther aber verwarf[527]: er hatte die Gefährlichkeit der Sache an Melanchthons Sohn er fahren, der sich — noch unmündig — von einem Mädchen hatte fangen und ohne Wissen und Willen seiner Eltern ihr ein Eheversprechen gegeben hatte, worüber M. Philipp und sein Weib „schier verschmachtet“ wären, wenn Luther es nicht abgewendet hätte. Und er selber mußte es erfahren in seiner eigenen Familie, indem seiner Schwester Sohn sich ungehorsamerweise ohne der Freundschaft Rat verlobte. Er hatte infolgedessen zu klagen, daß das „Meidevolk in Wittenberg gar kühn“ geworden sei und die Eltern ihre Söhne von der Universität zurückforderten, weil man ihnen da Weiber an den Hals hänge[528].

Die alten Hausgenossen und Freunde waren in alle Welt zerstreut; aber in ihren Anfechtungen, Verdrießlichkeiten, Bedenken wandten sie sich an ihren „heiligen Vater Luther“. So hatte er zu schlichten, zu raten und zu trösten — und das richtete ihn selber auf. Aber er hatte auch manchen Aerger und manchen Schmerz[529]. Da plagte ihn M. Stiefel mit seinen Grillen über den Jüngsten Tag, oder der Stadthauptmann Metzsch mit seinem übeln Wandel und seiner rücksichtslosen Niederlegung von vielen Wohnhäusern zum Festungsbau, wodurch die kleine, volkreiche Stadt noch enger wurde und die armen Studenten noch elender wohnen mußten. Einer nach dem andern von den Zeitgenossen ging aus dem Leben. So schon 1538 der treue Hausmann. Dann Luthers letzter Klostergenosse Brisger, endlich auch Spalatin (1545). Schon vorher (1542) war seine und Käthes liebenswürdige, heitere Freundin, Käthe Jonas, verschieden, deren Erscheinung ihm immer erfreulich und tröstlich gewesen[530]; vor allem aber der Sonnenschein des Hauses, das gute Magdalenchen. Der Sohn und ein Neffe waren eine zeitlang fort in Torgau. In dieser Zeit starb auch der Gatte seiner Nichte Lene, geb. Kaufmann; und diese machte ihm dann schweren Verdruß durch ihre zweite Heirat mit dem jugendlichen Mediziner Ernst Reuchlin (Ende 1545).

Das Jahr 1544 war wieder ein Krankheitsjahr in Wittenberg und im Lutherhaus. Um Ostern lagen alle Kinder an den Masern und die kleine Margarete bekam davon ein schweres Fieber, an dem sie zehn Wochen lebensgefährlich darniederlag und von dem sie sich bis in den Dezember hinein gar nicht erholen wollte. Was gab es da für Käthe an Sorgen und Mühen[531]!

Aber auch der Hausvater selbst war jetzt immer krank: bald fehlte ihm dies, bald jenes; alle seine Leiden stellten sich mit Macht ein in dem abgearbeiteten Körper und der erschöpfte Lebensgeist war nicht mehr recht widerstandsfähig gegen die mancherlei Angriffe auf die verschiedenen Organe. Die Hausärzte und die kurfürstlichen Leibärzte doktorten an ihm herum; der Hof schickte Arzneien; die Gräfin von Mansfeld wollte ihn in die Kur nehmen. Es war ein alter (noch jetzt bestehender) Glaube, daß großer Fürsten und Herren Arznei, die sie selbst gäben und applizierten, kräftig und heilsam seien, sonst nichts wirkten, wenn's ein Medikus gäbe[532]. Das meiste und beste that freilich Frau Käthe.

Im Jahre 1541 war Luther lange Zeit so schwach, daß er nicht eine Stunde angestrengt lesen und sprechen konnte; er mußte daheim bleiben und da seine Hausgottesdienste halten. Einmal schrieb er auch an die arzneikundige verwitwete Gräfin Dorothea von Mansfeld, welche auch gern dem „lieben togktor“ geholfen hätte. Denn die Schmerzen waren entsetzlich, so daß er jammerte: „Sterben will ich, aber diese Qualen sind gräßlich.“[533] Im folgenden Jahre machte er sein Testament, „satt dieses Lebens, oder daß ich's richtiger sage, dieses herben Todes“. „Ich habe mich ausgearbeitet und ausgelebt. Der Kopf ist kein nutz mehr. Ich bin müde erschöpft, bin nichts mehr.“[534] Im April 1543 klagt er: „Wie oft bin ich in diesem Jahre schon gestorben! Und doch lebe ich noch, eine unnütze Last der Erde.“ Am 13. und 14. Juli 1543 wurde er wiederholt so ohnmächtig, daß er zu sterben meinte und seinen Hans von Torgau holen lassen wollte. Aber Frau Käthe hatte gelernt, ihn zu ermutigen und redete ihm die Todesgedanken aus. Anfangs 1515 hatte er einen Krankheitsanfall mit ähnlichen Erscheinungen, wie sie ein Jahr später seinen Tod herbeiführten, Leichenkälte und die beängstigenden Beklemmungen auf der Brust. Er konnte lange keine Predigt und keine Vorlesung halten und mußte selbst in einem Wägelchen sich zur Kirche fahren lassen, um die Predigt zu hören[535]. „Ich glaube, meine wirkliche Krankheit ist das Alter, dann meine Arbeiten und heftigen Gedanken, besonders aber die Schläge Satans.“ „Daß ich am Haupte untüchtig bin, ist nicht Wunder; das Alter ist da; der Krug geht solange zu Wasser, bis er einmal zerbricht.“ „Ich bin träg, müde, kalt, das heißt alt und unnütz; ich habe meinen Lauf vollendet und es bleibt nichts übrig, als daß der Herr mich zu meinen Vätern versammle.“ Bei seinen gräßlichen Qualen wünscht er, wenn nicht sanft, so doch tapfer zu sterben[536].

Und bei all' diesen Leiden und Qualen sollte der alte Mann noch für drei arbeiten, so war er geplagt von Fürsten und Stadträten, von Freunden und Amtsgenossen und Beichtkindern mit Briefschreiben, Bücherschreiben, Vorlesungen, Predigten und Beratungen, „Bedenken“, Trostschreiben; so daß er klagt: „Da sitze ich alter, abgelebter, fauler, müder, frostiger und noch dazu einäugiger Mann und schreibe. Hoffte ich doch, man sollte mir Abgestorbenen nun die Ruhe gönnen, die ich mir, denkt mich, verdient habe. Aber als hätte ich niemals etwas gethan, geschrieben, geredet und ausgeführt, muß ich so viel reden, thun und ausführen, daß ich mir keinen Rat weiß. Ich bin so beschäftigt, daß ich gar selten Muße habe, zu lesen oder für mich zu beten, was mir beschwerlich ist.[537]

Freilich brach oft der angeborene Humor bei Luther durch, und das frohe Gottvertrauen blieb wohl die Grundstimmung seines Wesens. Aber bei seinem zur Schwermut neigenden Temperament und Gesundheitszustand pflegte der alternde Mann doch vorwiegend die Schattenseiten aller Erscheinungen zu sehen und nur selten konnte er sich sagen: „Ich lasse das Antlitz unsrer Gemeinden nicht trauervoll zurück, sondern blühend, durch reine und heilige Lehre mit vielen vortrefflichen und lauteren Geistlichen, von Tag zu Tage wachsend.[538]

So war ihm Zeit und Welt widerwärtig geworden. „Welt ist Welt, war Welt und wird Welt sein.“ Und er wünschte sich weg daraus. Er hoffte und wünschte, daß das Weltende nahe sei oder doch sein Lebensende. „Komm', lieber jüngster Tag!“ seufzt er am Schluß eines Briefes an Käthe, und an Frau Jörger schließt er (1544) ein Schreiben: „Es sollt ja nunmehr die Zeit da sein meiner Heimfahrt und Ruhe; bittet für mich um ein seliges Stündlein.“[539]