Und plötzlich hörte er fern auf der Straße ein
Glöcklein tönen. Er sprang auf. Das Glöckchen tönte. Er kniff die Augen zusammen und hielt sich die Ohren zu. Das Glöckchen tönte noch immer. Er wollte hinunterlaufen, Sinowi, Solomowna, den Kutscher und alle Dienstboten zusammenrufen. Und das Glöckchen hörte nicht auf zu läuten.
Und plötzlich kam ihm das Eckzimmer verändert vor: an der Stelle, wo der Spiegel hing, gähnte eine offene Tür. Er trat in diese Tür, und sie schloß sich sofort hinter ihm.
Es war ein unendlich langer Korridor. Es kam ihm vor, als habe er das alles schon einmal gesehen, die vielen Marmorplatten mit erhabenem Ornament, den Mosaikboden aus weißen und roten Steinen. Es war heiß, schwül und feucht.
Er ging durch den Korridor und wußte, daß er ihn zu Ende gehen müsse. Und als er das Ende erreicht hatte und eine reichverzierte Tür aus getriebenem Eisenblech öffnete, sah er sich vor einer zweiten Tür. Er machte auch diese Tür auf. Dann kam eine dritte Tür. Und so folgte eine Tür auf die andere: wenn er die eine öffnete, so war gleich eine andere dahinter. Und wie er so immer weiterging und eine Tür nach der andern aufmachte, sagte ihm das Gefühl, daß er wenigstens einen Augenblick stehenbleiben oder sich umschauen müsse, daß er sonst verloren sei. Er konnte aber weder stehenbleiben noch den Kopf heben, noch zurückblicken; es war ihm, als ob ihn jemand führte und ein anderer ihn von hinten vorwärtsstieße.
Und als er endlich ganz bestürzt, sinnlose Worte stammelnd, lachend und schimpfend, die letzte Tür aufmachte — er glaubte, daß es die letzte Tür sei —, hatte er plötzlich das Gefühl, als ob man ihn mit irgendeinem spitzen Gegenstand in den Rücken stieße, und er fiel hin. Im Fallen sah er, wie die Sterne, die trüben Sterne von Krutowrag, immer greller leuchtend und wie von einem Sturmwind getrieben, ihm entgegenflogen. Es war aber umgekehrt: die Sterne standen still, und er flog, von einem Sturmwind erfaßt, ihnen entgegen . . .
»Ich malte Kreidekreuze über die Türen und Fenster«, berichtete später Solomowna, »als mich plötzlich Sinowi rief der Viehwärter Nasar sei gekommen, um etwas Weihwasser vom Dreikönigstag zu holen. Wie ich in die Küche hinausgehe, höre ich plötzlich, wie jemand die Balkontür zuschlägt. Und da denke ich mir: wie leicht kann da ein Unglück geschehen! Es sind ja unruhige Zeiten, und es treibt sich genug Gesindel herum. Und dann höre ich die Tür noch einmal krachen. Und ich sage zu Prokofi Konstantinowitsch: ›Prokofi Konstantinowitsch‹, sage ich, ›hören Sie es?‹ — ›Ich höre‹, sagt er, ›wie der Wind die Tür zuschlägt.‹ Und kaum hat er das gesagt, als die Tür zum drittenmal kracht; alle Fensterscheiben zitterten, so laut krachte es! Ich renne in den Saal: die Balkontür steht wirklich offen. Und ich rufe Sinowi: ›Wo ist der Herr?‹ Der Herr ist aber nirgends zu sehen. Der Wind weht so stark
herein, daß wir zu zweit die Tür gar nicht zumachen können. Der Wind reißt sie immer wieder auf, er heult im ganzen Hause und bläst alle Lichter aus. ›Gnädiger Herr!‹ schreie ich. Aber er ist nirgends zu sehen.«
Am Morgen des Dreikönigstages fand man Wersenew im Weiher: die Fußspuren führten von der Balkontür direkt dorthin.
Der Böse hatte ihn wohl verwirrt. Er war nachts zum Weiher gegangen, und das Eis war unter ihm gebrochen. Bis an die Brust war er in den Schlamm eingesunken, und während der Nacht hatte es ihn noch tiefer hereingezogen. So war er in seinem weißen Schlafrock, stehend, den Kopf im Schnee, erfroren.