»Was bist du für eine Kuh!« sagte Petka vorwurfsvoll zu seinem geliebten Braunchen. »Warum hast du das Geld gefressen? Die Stachelbeeren sind so schön rot und behaart, und das Schokoladeneis schmeckt so herrlich . . . hundert Portionen!«
Petka dachte im Gehen immer an sein Fünfzehnkopekenstück, das unwiederbringlich verloren war. Es gab nur noch eine Möglichkeit: Großmutter alles zu gestehen. Sie wird ihm dann vielleicht ein neues geben. Aber wo sollte Großmutter eines hernehmen? Das Geld wächst nicht auf der Straße, pflegt Großmutter zu sagen. Sie hat ja auch nur ein paar Silbermünzen; Kopekenstücke hat sie genug . . . Petka ging am Kursker Bahnhof und an dem verwahrlosten Rjabowschen Hause, wo, wie er glaubte, die goldenen Zimmer immer leer und unbewohnt standen, vorbei. Er ging zur Eliaskirche auf dem Woronzow-Feld.
Die ganze Wedenskaja-Gasse war mit Gras belegt, das ganze Pflaster mit frischgemähtem Gras bestreut. Da war Gras von den Chludows dabei, und von den Naidjonows und von Myslin, und wie alle die reichen Gemeindemitglieder sonst noch hießen. Die Füße glitten im Grase aus, und
Petka brachte es fertig, sich ein paar grüne Grasflecke auf seine Hose zu machen. Im Gras lagen auch vereinzelte Blumen, und die Blumen dufteten nach Wiesen und brachten ihm die Wallfahrten in Erinnerung. Petka unternahm jeden Sommer mit seiner Großmutter Wallfahrten. Petka dachte nicht mehr an das aufgefressene Fünfzehnkopekenstück und schloß die Augen: ganz klar, ganz deutlich fühlte er die Erde und das Gras unter seinen Füßen; er fühlte sich plötzlich in die Gegend von Swenigorod versetzt, auf einen Feldweg, wo Glockenblumen blühen, auf einen Waldweg, wo der Kuckuck ruft, zum Sawwa-Kloster zum Nikola-Ugrjescha, und vom Nikola-Ugrjescha zum Troiza-Sergius-Kloster.
Die Leute eilten schon zur Kirche; andere blieben auf dem Bürgersteig und suchten sich ein Plätzchen, wo sie bequem stehen und zusehen konnten. Das Läuten klang immer näher, es schien schon aus der nächsten Nähe, von der Troiza-Grjasi-Kirche zu kommen. Nein, Petka hatte sich getäuscht, es war noch sehr weit: man läutete erst bei Kosmas und Damian.
Auf dem Morosowschen Zaun stand noch niemand. Vor dem Tore waren nur die Hausmeister versammelt, unter ihnen der Morosowsche Kutscher in einer Plüschweste, das schwarze Haar mit Butter eingefettet. Auch Petka wird sich einmal, wenn er groß ist, das Haar mit Butter einfetten, und es wird dann ebenso schön schwarz sein wie das Haar des Morosowschen Kutschers; jetzt
aber benetzte es ihm Großmutter, wenn er aus der Badestube heimkommt, mit Kwaß.
Petka kletterte auf den Zaun hinauf und hielt Ausschau nach der Prozession und der Großmutter.
›Es wird sich schon irgendwo auf dem Hofe finden‹, dachte er ab und zu an sein unglückseliges Geldstück. ›Es kann gar nicht verlorengehen!‹
Vom Geld kamen seine Gedanken wieder auf die Prozession, und er horchte, in welcher Kirche gerade geläutet wurde; von der Prozession kamen sie auf den Morosowschen Kutscher, vom Kutscher auf das Gras und die Wallfahrten; so schweiften die flüchtigen Gedanken des kleinen Petka, des Petuschok,[1)] wie Großmutter den Jungen zu nennen pflegte.