552.
Altbekannte Motive behandelt die folgende Erzählung (Pann, S. 347 ff.): Der Hodscha sieht einmal, wie in einem Hofe ein Diener einem reich geschmückten Esel die Fliegen abwehrt, während der Eigentümer des Esels vergnügt zusieht; er geht hin, umarmt und küßt den Esel und sagt: »Schade, daß er nicht reden kann.« Auf die erstaunte Frage des Eigentümers antwortet er: »Freilich kann ich ihn reden lehren, noch dazu in vier fremden Sprachen.« Daraufhin bekommt er den Esel mit nach Hause und dazu ein schönes Stück Geld, damit er das verwöhnte Tier ordentlich pflege; in einem Jahre soll der Unterricht beendet sein. Nasreddins Frau ist mit dem Geschäfte nicht zufrieden, aber er tröstet sie, daß in dem Jahre entweder der Besitzer oder der Esel oder er selber sterben könne, und das Geld habe er ja schon. Am nächsten Tage beginnt er mit dem Unterrichte, indem er dem Esel mit Stockschlägen beibringt, auf einen Wink mit der Hand den Kopf zu heben oder zu senken. Als das Jahr um ist, bringt Nasreddin den Esel zu seinem Herrn, der eine Menge Gäste eingeladen hat. Auf die Frage Nasreddins, ob er wie die andern Esel brällen wolle, hebt der Esel den Kopf zum Zeichen der Verneinung, und so beantwortet er noch eine Reihe ähnlicher Fragen. Den Einwand des Besitzers, daß der Esel noch immer nicht spreche, beantwortet Nasreddin dahin, daß der Esel noch ein kleines Kind sei, das schon alles verstehe, aber zu reden erst noch lernen werde. Der Herr des Esels gibt mit Freuden wieder Geld her, aber nun ändert Nasreddin sein Verfahren; er gibt dem Esel, dem er das Essen abgewöhnen will, täglich weniger Futter, bis er endlich verendet. Als er dann dem Eigentümer des Esels dessen Tod meldet, veranstaltet ihm der voll Trauer ein schönes Begräbnis.
In den Hauptzügen deckt sich diese Geschichte mit La Fontaines Fabel Le charlatan, zu der man Robert, Fables inédites des XIIe, XIIIe et XIVe siècles, Paris, 1825, II, S. 54 ff. vergleiche. Um einen Bären handelt es sich bei Lodovico Carbone, Facezie, ed. Abd-el-Kader Salza, Livorno, 1900, S. 58 ff., Nr. 83, um einen Affen in der 88. Novelle von Des Periers (zit. Ausg. S. 300 ff.): D’un singe qu’avoit un abbé, qu’un Italien entreprint de faire parler, und um einen Elephanten in folgenden Fassungen: Guicciardini, Detti et fatti, Venetia, 1581, S. 21: Cosa opportuna, et utile, godere il beneficio del’tempo: Le tombeau de la melancholie, (1. Ausg. 1625), Paris, 1639, S. 214 ff.: Gentille inuention d’vn Gentilhomme François pour sauver sa vie; Democritus ridens, S. 42; Roger Bon temps en Belle humeur, S. 369: Bon tour d’Anthoine Martinus; Das kurtzweilige Leben von Clement Marodt ‚ (1. deutsche Ausg. 1660), Gedruckt im Jahre 1663, S. 29 ff.; (Henry Daudiguier) Histoire des amours de Lysandre et de Calisto, (1. Ausg. Leyden, 1650), Amsterdam, 1670, S. 433. Die Geschichte ist noch heute lebendig, wie Roseggers Bearbeitung zeigt.
Älter scheint die Erzählung von dem Esel zu sein, der lesen lernen soll: Stricker, Der Pfaffe Amis, v. 181 ff. (Lambel, Erzählungen und Schwänke, Leipzig, 1872, S. 25 ff., 13 und 16); Poggio, fac. 250: Facetum hominis dictum asinum erudire promittentis, (Noël, II, S. 257 ff.); Brant, Esopi appologi, Basileae, 1501, Bl. B_ 7 a; Eulenspiegel, Hist. 29 (Neudruck, S. 44 ff.; Lappenberg, S. 40 ff. und 246); Camerarius, Fabellae Aesopicae, Tubingae, Ex. off. Morhardi, 1538, Bl. 86 a: Rex et subditus ‚: H. Sachs, IV, S. 308; Fr. Delicado, La Lozana Andaluza, Paris, 1888, II, S. 277 ff.; Seb. Mey, Fabulario, Valencia, 1613, fáb. 47 (Menéndez y Pelayo, Origenes, II, S. CX ff.); Tales and Quicke Answeres, Nr. 99: Of hym that vndertoke to teache an asse to rede, (Hazlitt, I, S. 115); Prym-Socin, Tûr ’Abdín, II, S. 291 ff. (hier handelt es sich um ein Kamel). Lesen und schreiben soll der Esel lernen bei Abstemius, Hecatomythium secundum, fab. 33: De grammatico docente asinum, ( Aesopi Phrygis et aliorum Fabulae, Venetiis, 1539, Bl. 61 b ) und Waldis, Esopus, IV, Nr. 97 (hg. v. Kurz, II, S. 270 ff. und Anm. S. 184). Vgl. weiter Levêque, Les mythes et les légendes de l’Inde et de la Perse, Paris, 1880, S. 560 ff., ZVV, VII, S. 95 ff. und Archivio, XXI, S. 358.
Zu dem Troste, daß in der gestellten Frist der eine oder der andere sterben kann, vgl. Chauvin, VIII, S. 117 ff.
Der Zug, daß einem Esel oder Pferde das Essen abgewöhnt, werden soll, kehrt auch heute noch oft in Schwänken wieder; er findet sich aber schon im Philogelos, wo die 9. Facetie lautet:
Σχολαστικὸς θέλων τὸν ὄνον αὐτοῦ διδάξαι μὴ τρώγειν, οὐ παρέβαλεν αὐτῷ τροφάς. ἀποθανόντος δὲ τοῦ ὄνου ἀπὸ λιμοῦ, ἔλεγε· μεγάλα ἐζημιώθην· ὅτε γὰρ ἔμαθε μὴ τρώγειν, τότε ἀπέθανε.
553.
Interessant ist ein griechisches, »Märchen« in den schon zitierten 52 Παραμύθια; es ist das 23. (S. 54 ff.): Ἡ γυναῖκα τοῦ Ναστραδὶν Χότζα, dessen wesentlicher Inhalt in einer breitern Fassung in den Νεοελληνικὰ Ἀνάλεκτα, II, Athen, 1874, S. 103 ff. als 33. der Λημώδη παραμύθια Νάξου wiederkehrt: Die Frau Nasreddins ist in den Arzt des Dorfes verliebt. Da er auf ihre Blicke und sonstigen stummen Liebeswerbungen nicht achtet, schickt sie ihm endlich durch ihre Magd eine Torte, worein sie einen Zettel gesteckt hat. Der Hodscha begegnet der Magd, nimmt ihr die Torte ab, ißt diese mit einem Freunde auf, liest den Zettel, übergibt der Magd einen andern, des Inhalts, daß er in der Dunkelheit kommen werde, und befiehlt ihr, der Frau zu sagen, sie habe ihren Auftrag ausgerichtet und der Arzt sende ihr diese Antwort. Ganz glückselig richtet die Frau alles her zum Empfange des Geliebten. Inzwischen geht der Hodscha zu dem Arzte und läßt sich von ihm ein stark wirkendes Abführmittel geben; in der Dunkelheit geht er dann in sein Haus. Seine Frau, die ihn erwartet hat, hält ihn, weil beide gleich dick sind, für den Arzt, und sie begeben sich sofort ins Bett. Nun beginnt auch schon das Abführmittel zu wirken: der angebliche Arzt besudelt nicht nur Bett und Zimmer, sondern auch die liebeshungrige Frau und macht sich endlich unter ihren Verwünschungen davon. Nach einigen Tagen kommt der Hodscha zurück, und sein erstes ist, daß er den Arzt zum Essen einlädt. Seinem der Magd erteilten Auftrage gemäß, fehlt auf dem Tische bald ein Löffel, bald eine Gabel, bald ein Glas, so daß er mehrmals Gelegenheit hat, das Zimmer zu verlassen und die Zornesausbrüche seiner Frau gegen den Arzt zu belauschen, dem sie schließlich einen Löffel Reis ins Gesicht wirft. Der Arzt entfernt sich, indem er dem Hodscha sein Bedauern ausspricht, daß sein Weib nicht recht bei Sinnen sei. Sie ist aber von ihrer Leidenschaft geheilt und liebt fortan ihren Hodscha so wie früher den Arzt.
Mit geringfügigen Abweichungen wird diese Geschichte in einer Novelle Bandellos erzählt, nämlich der 35. des I. Teiles: Nuovo modo di castigar la moglie ritrovato da un Gentiluomo veneziano ‚; die Novelle Bandellos ist die Quelle der 1. Histoire in den Amans trompez, Amsterdam, 1696, S. 3 ff.: De Camille, et du Docteur du ‚ Cil, die wieder nach Tittmanns Einleitung zum II. Bande der Simplicianischen Schriften, Grimmelshausens, Leipzig, 1877, S. XIX ff. die Quelle der Erzählung im 5. bis 8. Kapitel des II. Teiles des Vogelnests, S. 174 ff. ist.