Eines Tages fiel nun Nasreddin unglücklicherweise in einen Brunnen und begann um Hilfe zu schreien. Die Schüler kamen schnell hinzugelaufen und ließen ein Seil hinab; er packte das Seil und sie zogen ihn herauf. Schon hätten sie nur noch einen Ruck zu tun gehabt, daß der Hodscha seiner schlimmen Lage ledig gewesen wäre, da nieste er, naß und erkältet, wie er war. Sie ließen das Seil los, klatschten in die Hände und riefen, wie aus einem Munde: »Zum Wohlsein!«
Und der arme Hodscha plumpste wieder in den Brunnen hinunter.
478.
DEr Hodscha wurde gefragt: »Wann wird das Gebären und Sterben aufhören?«
Er antwortete: »Wenn Paradies und Hölle voll sein werden.«
479.
IM Schreiben war der Hodscha nie recht geschickt gewesen. Er las und schrieb zwar ein wenig, aber was er wußte, hatte er nicht aus dem Buche, sondern das machte seine natürliche Begabung; und es war auch eine Zeit, wo er gar nichts geschriebenes lesen konnte, weil er es erst lernte. Gerade damals brachten ihm nun die Bauern einen Bescheid des Kadis, damit er ihnen vorlese, was drinnen stehe. Er nahm den Bescheid und betrachtete ihn lange; da er aber seine Unwissenheit vor den Bauern nicht eingestehn wollte, so sagte er: »Also seht einmal, Leute, was euch der Kadi schreibt. Diese langen Buchstaben sagen, daß ihr ihm Heu bringen sollt, und diese runden sprechen von Eiern. Da ihr demnach wißt, was der Kadi schreibt, so bringt ihm Heu und einige Hundert Eier.«
Die Bauern taten dies, und der Kadi nahm alles und schwieg.
Wieder brachten die Bauern dem Hodscha einen Bescheid des Kadis und baten ihn, ihn ihnen vorzulesen. Er nahm die Schrift und sagte zu ihnen, als er die langen und die runden Buchstaben gesehn hatte: »Bringt dem Kadi Holz und viel weiße Zwiebeln.«
Die Bauern brachten auch das, und der Kadi war zufrieden. Er nahm alles und fragte sie: »Wer hat euch denn den Bescheid vorgelesen?« Und sie sagten, daß es der Hodscha Nasreddin gewesen sei.