Da blieb er angewurzelt unten vor der Leiter stehen. Er konnte nicht von der Stelle. Seine Filzschuhe waren in einen dicken Brei eingetreten, der bis über seine Knöchel quoll. Er ächzte; arbeitete sich, an der Leiter klimmend, hoch, indem er seine Schuhe stecken ließ. Seine Wut machte ihn zäh bei der Anstrengung und fast sinnlos. Als er in bloßen Füßen mit verklebten Hosen frei im Hofe stand, warf er den Beutel mit Gewalt an die Tür der Kammer des Bonzen. Er schrie durch die nächtliche Stille laut zu dem Klingeln der rollenden Käsch: „Da hast du deinen Dreck, du Sohn einer Schildkröte.“ Trommelte gegen die dünne Holzwand des Hauses mit den Fäusten, bis sich eine sanfte Stimme drin vernehmen ließ: „Was will denn der Liebling? Womit beschenkt er den Sohn einer Schildkröte zur Nacht?“

„Heraus soll der Sohn einer Schildkröte, heraus soll er kommen. Ich will ihm zeigen, was Gemeinheit und Niedrigkeit ist. Du sollst mir meine Schuhe bezahlen und meine Hosen.“

„Aber der stürmische Liebling hat schon den Preis bekommen für seine Schuhe und seine Hosen.“

„Komm heraus, sage ich, du Schwätzer, du Dicker, du Gauner, ich will dir zeigen, was bezahlen heißt bei mir!“

Während noch der frierende Wang-lun im Hofe tobte, kleidete sich Toh-tsin feierlich an bei einer Öllampe, steckte den Teekessel an, öffnete die Tür nach dem Hof mit großer Ruhe. Wang wollte gegen ihn anstürmen, konnte wegen seiner verklebten Hosen nur in Schrittchen und unter Schmerz vorwärts. Toh leuchtete ihm mit der Lampe entgegen, verbeugte sich unaufhörlich. Dem großen Burschen, der die Lächerlichkeit seiner Lage fühlte, standen vor Wut und Schmerz die Tränen in den Augen. Toh wich vor ihm aus, wies auf das warme Ofenbett, auf das sich Wang wimmernd legte.

Eine Tasse heißen Tee, die ihm sein Wirt unter vielem Zeremoniell bot, soff er in zwei Zügen aus, während Toh seinen Priestermantel zurückschlug, einen Zeugbausch mit einer stark duftenden Flüssigkeit tränkte und langsam die Pechmasse von Wangs Beinen abrieb. Zwischendurch lief er auf den Hof mit der Lampe. „Es könnte doch ein Dieb kommen und uns unser Geld stehlen“, meinte er, als er mit dem Beutel zurückkam und wieder die Türe schloß. Er bot Wang ein paar Hosen und gute Filzschuh. Der Fischersohn aus Hun-kang-tsun saß am Tisch des freigebigen Mannes, hieb in Wassermelonen und schluckte Tasse auf Tasse. Es wogte in ihm auf und ab, aber der Tee war heiß und die Melonen saftig.

Toh-tsin entpuppte sich im Gespräch als eben so großer Menschenkenner wie Schelm. Sein besiegter Gegner legte den verpflasterten Kopf bald auf eine, bald auf die andere Seite in Bewunderung dieser mannigfaltigen Durchtriebenheit. Toh-tsin hatte sich wie berechnet einen zuverlässigen Gehilfen gefangen.

So waren die merkwürdigen Beziehungen zwischen beiden in Freundschaft ausgeartet.

Das Geschäft Toh-tsins war sehr einfach. Er hatte zur Verwaltung den Tempel einer sehr armen Gesellschaft, der Musikanten. Sie bezahlten ihm für seine Dienste einen unbedeutenden Betrag und stellten ihm die Kammer zur Benutzung; er mußte sich im Grunde seinen Unterhalt durch Verkauf von Räucherwerk, Messenlesen selbst verdienen, und alles war auf seine Tüchtigkeit gestellt. In einem anderen Stadtteil Tsi-nan-fus befand sich noch eine Halle für den Musikfürsten; und wenn Tohs Gott den Leuten ihre Wünsche nicht erfüllte, so zogen sie schmähend und beschwerdeführend in die andere Halle und brachten Tohs Gott in Mißkredit.

Wang-lun und Toh-tsin trieben jetzt das Geschäft gemeinsam. Wang wurde Ausrufer und Zeuge des Bonzen. Wenn sie zusammen vormittags durch die Straßen und über die wimmelnden Märkte zogen, ging der riesige Wang im grünen Kittel dem Priester voran, trug die beiden meterlangen Posaunen an ihren Schlünden; in die Mundstücke blies von Zeit zu Zeit Toh-tsin hinter ihm; zwei brüllende tiefe Töne fuhren schrecklich aus den Schlünden unter die auseinanderweichenden Menschen. Vor den Börsen der Seidenhändler, der Porzellanverkäufer priesen sie laut die enormen besonderen Fähigkeiten ihres Gottes; die Lose in seiner Halle gaben die sichersten Rezepte bei allen Krankheiten; eine Messe vor ihm gelesen sei ebenso wirksam wie billig. Es galt den Heiligen von Zeit zu Zeit aufzufrischen, ihm neue sensationelle Fähigkeiten zuzuschieben; so riefen sie den Spürsinn des Musikfürsten bei der Aufdeckung von Verbrechen, Diebstählen aus. Wurden sie dann wirklich irgendwo hinzugezogen, so forschten sie beim Herumtragen einer kleinen Statue des Hang-tsiang-tses nur die Gelegenheit aus, stahlen etwas später und gruben mit Hilfe des Spürsinns Hang-tsiang-tses an einem entfernten Platze den größten Teil der Beute wieder aus. Es versteht sich, daß bei ertragreichen Diebstählen der Gott sie im Stich ließ.