Aus Furcht vor den Häschern und aus Furcht vor den Schrecknissen von Tsi-nan-fu floh Wang-lun nach Norden. Er überschritt die Grenzen von Schan-tung, durchquerte die Ebene von Tschi-li im Herbst und erreichte, dem schmalen Hun-ho folgend, unter heftigen Schneestürmen den Schutz der Nan-kuberge im nordwestlichen Tschi-li. Er mied jede Stadt. Meist war er allein. Er hungerte viel; verdiente, wenn die Not groß wurde, durch Lastentragen, Kohleschleppen, ein paar Cent; aber er hielt es nirgends aus. Auch widerte ihn jede längere Arbeit an. Er kannte von Haus aus nicht die pflanzliche Geduld seiner Landsleute. Er bettelte.

Als es kalt wurde und der Herbstregen durch seinen zerfetzten Kittel sickerte, tat er sich mit zehn Wegelagerern zusammen; sie warteten drei Tage und Nächte vor der Kreisstadt Tu-ngan, bis eine wenig bedeckte Karawane mit Ziegeltee ganz in der Frühe ankam. Sie zogen den brüllenden Kaufleuten die wattierten Überjacken aus, ließen sie sonst mit höflichem Spott weiter ziehen.

Den ganzen Winter verlebte er auf diesem Gebirge. Es wimmelte von Einsiedeleien, kleinen und größeren Klöstern; der heilige Berg Wu-tai-schan war nahe. Den ganzen Winter über herrschte ein lärmendes Treiben auf den breiteren Straßen und den schmalen Wegen. Von den nördlichen Pässen strömten die Menschen mit Pferden, Packeseln, Kamelen. Sie brachten Geschenke, Opfergaben nach dem südlicher gelegenen Berg, dessen Klöster sich auf gewaltigen kahlen Felsmauern erhoben; die gelben Steinwände fielen schroff ab; auf ausgehauenen Serpentinen wanden sich die Züge hinauf in die dünne Luft.

An einem nicht breiten Fluß mit tobenden Schnellen hielt sich Wang-lun die harten Monate auf. Der Fluß durchbrach die Granitmassen, ungeheure braune Flächen stiegen senkrecht nieder; vor dem gebieterischen Wasser legten sie sich in sanfter Neigung um. Wenig Geröll ragte über der schwarzen Fläche hervor; darum kreiselten die Wellen weiß mit Gischt. Weiter nach Osten, wo der Fluß der empfangenden Ebene zudrang, wichen die Felsen auseinander, mit neuen Vorlagerungen; ganz fern senkte sich alles.

An einer Felsstraße, unter einem überhängenden Block, dessen Rücken mit immergrünen Tannen bestanden war, wohnte Wang-lun bei einem Einsiedler. Kein Regen, kein Schnee fiel in ihre geschützte Hütte; die eisigen Winde glitten pfeifend aus den Schlünden vorbei. An wärmeren Tagen ging er tiefer herunter, wo an dem Fluß die kleinen Wassermühlen arbeiteten, Pochwerke, in denen Sandsteinhämmer in feste Mörser fielen, um das Holz und den Talkstein für Kerzen zu pochen. Da unten saßen Bettler, entlaufene Verbrecher, Faulenzer, Wegelagerer. Wang führte ein Doppelleben. Er ging unruhig hin und her und saß, auf irgend etwas wartend, bald hier bald da. Nur sekundenweise, mit einem Zusammenpressen des breiten Mundes, einem Runzeln der niedrigen Stirn, dachte er an Tsi-nan-fu, an die mauerumzogene Stadt der Tausende. Nur in dem eindringlichen Blick, der oft ganz inhaltslos haftete, stand etwas von einer kleinen getünchten Mauer, einem Säbelblitzen, einem langen langen Sitzen in einem finsteren Wegeschrein für obdachlose Geister. Sein rechtes Auge, das sich unter einem auffällig tief hängenden Oberlid bewegte, drehte sich in leichten Zuckungen und schielte nach außen.

Im übrigen hatte er schon in der Ebene seine freche, unbehinderte Lustigkeit wiedergewonnen. Er trug sich vorübergehend mit dem Plan, in die Gilde der Dachdecker einzutreten. Er erlangte bei seinen Gefährten am Pochwerk leicht die Oberhand. Daß er kräftig und unverbraucht war, hätte ihm in diesem gewalttätigen Kreise allein nicht viel geholfen. Den Ausschlag gab seine spielende Art Menschen zu behandeln. Er hatte dies bei seinem alten Toh gelernt: demütig und schmeichelnd zuzuhören, unaufdringlich auszuforschen, leicht schon im Wiederholen das Gehörte zu retuschieren, unmerklich und mit wunderlicher Offenheit, die eine Ehrlichkeit vortäuschte, eigene Wünsche zu unterschieben.

Die Strolche, mit denen er tagelang hockte, schwankten in ihrer Auffassung über ihn. Ein paar jüngere nahmen ihn nicht für voll; sie hielten ihn für einen Halbnarren mit entsetzlicher Gewandtheit, eine Art Affenmenschen. Wang wurde bösartig, wenn man seine Späße mißverstand, ließ seine Liebenswürdigkeit wie eine Maske fallen, stieß schlimme Drohungen aus; daß er aber dann sich finster zurückzog, tagelang die Gesellschaft mied, bewies ihnen seine Verworrenheit. Die älteren scheuten ihn. Sie nörgelten nicht an seiner kindischen Verspieltheit; ihnen fielen die nicht seltenen Minuten seiner unheimlichen Entrücktheit auf. Sie hatten ein Gefühl von Ehrfurcht vor solchen Dingen. Sie spürten ein schweres Leiden in ihm, und sie hielten Leiden für eine Fähigkeit, eine Gabe. In den niedrigen Leuten schwang der alte Geist des Volkes; mehr als in den Literaten strömte in den Gestrandeten, viel Erfahrenen das tiefe Grundgefühl: „Die Welt erobern wollen durch Handeln, mißlingt. Die Welt ist von geistiger Art, man soll nicht an ihr rühren. Wer handelt, verliert sie; wer festhält, verliert sie.“ Wang bot ihnen ein heimatliches Gefühl. Sie hingen ihm auf ihre Art an, besorgten sich um ihn brüderlich, um den Stärksten unter ihnen fast mütterlich.

Das feine Klappern der Pochhämmer, das gleichmäßige Gischen des Flusses scholl zu der Einsiedelei hinauf. An der Bergstraße, in deren Wand bei jeder Biegung des Weges eine fromme Inschrift eingegraben war, saß Wang-lun bei Ma-noh.

Zu Ma-noh war er eines Tages betteln gegangen. Wang hatte geglaubt, einen bärtigen Mann in Nachsinnen zu finden, der ihm mit sanften Worten von seinen Vorräten abgab. Statt dessen prallte eine hohe Stimme gegen ihn, wie er die Stiege betrat. Am Eingang der Hütte riß eine Hand an seinem Ärmel, zog ihn herum. Ein spitzes Gesicht fuhr dicht an seines, in einem schwer verständlichen Dialekt wurde gefragt was er wolle. Seine scharfen Augen konnten sich inzwischen an das Halbdunkel gewöhnen. Ma-noh trug einen Mantel aus kleinen bunten Flicken, die wie Fischschuppen übereinander standen. Es war ein kleiner etwas gebückter Mann, der sich wie ein verschrobener Alter gebärdete, ein verblüffend junges frisches Gesicht zeigte, schlanke gebogene Nase, feiner Mund mit Rednerfalten, unsichere Augen, die vor jedem Gegenstand zurückwichen wie aufschlagende Gummibälle. Er pfiff mehr als er sprach. Beim Anblick der Umgebung klopfte Wang das Herz; sie erinnerte ihn an den dunklen Tempel des Musikfürsten Hang-tsiang-tse in einer fernen Stadt. Als er ein paar demütige Phrasen leierte, Ma-noh ihm ein Stück Ziegenkäse in die Hand drückte, stand er noch gefesselt herum, tat Fragen nach den Götterbildern, die auf einem kleinen Regal standen. Ma stellte sich mit dem Rücken vor sie, sprach hastig, was Wang nicht verstand. Der neugierige höfliche Bettler fragte gelassen weiter, erzählte eine erlogene Geschichte von einem Priester in Ki; der Einsiedler sprang, machte eine verwunderte Miene über die Kenntnisse des Strolches. Schließlich erzählte Wang, er sei eine Stunde von hier ansässig, bei einem Pochwerk beschäftigt, bat den weisen Herrn, ihm von der Kraft seiner Götter Kunde geben zu wollen, denn er sei mit seinen Göttern unzufrieden. Widerwillig lud Ma-noh den ungewöhnlichen Gast zum Teetrinken ein.

Und dies war der Anfang ihrer Bekanntschaft.