„Ich will euch nichts von ihr erzählen, denn die alten Herren wissen alles selbst. Wenn der Tiger heult, dringt der Wind in die Täler. Die Mandschus, die harten Tataren, die aus ihren nördlichen Bergen geradewegs von der Fuchsjagd über unser schwaches Land gefallen sind, werden nicht bis zum Eintritt der Ewigkeit über uns leben. Unser Volk ist arm und schwach, aber wir sind viel und überleben die stärksten. Ihr wißt, was man macht, wenn man am Meere wohnt und die sieben ruhigen Jahre sind vorbei, die Regenzeit und der Nordweststurm ist vorbei, das Unglück ist geschehen, was man macht, wenn man noch lebt? Bauen, Dämme bauen, Tag und Nacht, Pfähle rammen, den Lehm häufen, Ruten, Stroh dazwischen, Weiden anpflanzen. Die klugen Männer werden mich unbescheiden nennen, wenn ich sie in dem fremden Hause frage, welche Dämme sie gebaut haben, weil sie sich doch vor der Springflut fürchten und weil sie die Wasser aus dem Lande zurückdrängen wollen? Aber andere haben langsam und leise den Lehm in den Händen zusammengetragen, haben Stroh gestohlen von dem und dem, zu einer Zeit, wo keiner auf sie achtete, haben heimlich feine Weidenschößlinge gesetzt und sie geschützt. Es gehen schon unsichtbar Wälle und Dämme durch das Land, mit Schleusen und Abzügen, die wir schließen, wenn der Augenblick gekommen ist: das Wasser kann nicht zum Meer zurück, das Land ist nicht ersoffen; wir verdunsten unter dem Feuer langsam das Wasser wie die Salzpfänner und behalten die Körner zurück. Ich bin aus Po-schan; wir haben nicht soviele Fruchtbarkeit wie am gelben Sandfluß; aber bei uns blüht zwischen den Kohlen seit langer Zeit eine Blume, heimlich, aber wohl geschützt: die Weiße Wasserlilie.“

Keiner der Männer saß mehr an der Erde; „die Weiße Wasserlilie“ stießen sie erregt aus, um Chu sich stellend, klopften ihm freudig die Hände, blitzten ihn aus ihren schwarzen Augen an. Sie waren entzückt über die Verwandlung des trotteligen Katers. Sie lachten mannigfach, befriedigt leise, meckernd und mit Herausforderung, wie Hornsignale klar und triumphierend; Ma-noh glucksend, aber unsicher. Ihre Lippen waren naß, die Münder voll Speichel. Unter ihren Backen glühten dünne Heizplatten. Der Magen schlingerte sanft hin und her.

„Wir sind, alte Herren, zur Beratung hier. Jeder kann beitragen, soviel er im Kopf hat. Wang hat geredet, was ihm mit einem ernsten Su-koh in Tsi-nan-fu begegnete. Ich bin nicht weit her von Tsi-nan, aus Po-schan. Ich habe nicht gewartet, bis mich ein flinker Freund rächen brauchte, und hätte vielleicht nicht gleich einen so raschen gefunden. Steht hinter meiner Straße auch schon die kleine getünchte Mauer, die für mich bestimmt war. Hat die leblose Hand des Himmelssohns schon den roten Todeskreis hinter meinen Namen gemalt. Das Urteil war schon fertig, das nötig gewesen ist, meinen Mund zu versperren.“

Der Alte wollte weiter stammeln; Wang unterbrach ihn. Er nahm ihn stark bei der Schulter, preßte ihn neben sich auf den Boden. Wang streichelte dem Alten die Wangen und die knotigen Hände, bot ihm heißen Tee. Der schluckte noch, schnappte, schlug mit dem Unterkiefer, sah aus geröteten Augen geradezu, hatte gellende Ohren.

Die Vagabunden, von Grimm ausgehöhlt, schluchzten ihren Ballast von sich. Die Arme wurden in einem Wirbel herumgerissen. Die heiße Wut wurde in die Hälse gepreßt, über einen blechernen Resonanzboden geledert, und schnarrend, tremolierend weg in die Luft geprustet. Sie kamen sich bloßgelegt bis auf die Blutröhren, die Lungenbläschen, vor, ihr Rätsel war von Chu gelöst: sie waren Ausgestoßene, Opfer; sie hatten einen Feind und waren glückselig in ihrem schäumenden Haß.

In dieser Minute gab sich Ma-noh an Wang verloren. Ma erlebte die mitleidigen, umdunkelten Blicke Wangs, fühlte, wie Wang innerlich diese rasenden Tiere an sich zog, furchtlos begütigte und küßte; und jäh riß ein Faden in ihm. Was kam nun? In ihm war keine Besinnung. Was lag an ihm! Was lag an dem Prior, an den Buddhas, an den Freudenhimmeln! Versagen aller Bremsen, Niederschmettern aller Widerstände. Verächtliches Lippenzucken über die Vagabunden; ihre Not belanglos gegen das, was in Wang vorgeht. Frösteln. Eine stählerne fremde Sicherheit, von innen heraus zielend. Schwindelloses Fallenlassen in einen Schlund. Schwaches federleichtes Hinlegen vor Wangs Fuß.

Wang bemühte sich stumm, traurig um den Alten. Er sah schon sie alle mit Messern zwischen den Zähnen den Berg herunterlaufen. Sie entglitten ihm.

Er sprach erst, als sie unruhig seine veränderte abwesende Miene bemerkten. Sein Gesicht war noch naß von den Tränen. Er redete müde, er murmelte vor sich hin, zuckte oft zusammen: „Das nutzt alles nicht. Das nimmt kein Ende, und wenn wir zehnmal hundertmal so viel wären als wir sind. Was sind wir? Weniger als die Freunde früher des Chu, und Chu sitzt bei uns und muß sein Herz aufreiben. Eine Schar von Bettlern aus den Nan-kubergen. Es wird Mord auf Mord kommen.“ Der listige Erzähler von Kwan-juan überschrie ihn. Seine vorhin höhnende harte Stimme klang bewegt, weich und leicht zornig. Wang und er rangen mit den Blicken. Sie seien keine faulen Bettler. Wer dies erlebt hätte, was sie, sei kein bloßer Wegelagerer. Ja, sie seien arme ausgestoßene Menschen, die kaum mehr widerstreben könnten, halbtote, denen man rasch einen Schluck Wasser einflöße und die man dann mit Fußstößen aufjage, rasch, damit sie nicht vor der Tür stürben. Ihre vier Brüder seien verloren, bald käme die Reihe an sie. Wieder funkelten seine Augen.

Wang zog seine Beine an, ging vorsichtig zwischen ihnen durch, umfaßte vorübergehend Ma-noh und blieb ganz im Hintergrund an der Wand stehen, wo man ihn kaum sah; nur wenn die dunkle Glut auf dem Herd heller aufschlug, erkannte man, daß er mit gesenktem Kopf stand, mit den Händen nach rückwärts die Bildsäule eines Buddha berührte. Ma-noh neben ihm. Wang fühlte sich schwimmen auf einem tobenden Meer. Es schien ihm, als ob er, schwankend zu sterben oder zu leben, plötzlich die Arme niedergeschlagen hätte auf ein Floß, sich mit dem Leib drüber wegzog und zu Ertrinkenden sprach, mit den Beinen sein steinsicheres Floß an Land steuernd.

„Man hat nicht gut an uns getan: das ist das Schicksal. Man wird nicht gut an uns tun: das ist das Schicksal. Ich habe es auf allen Wegen, auf den Äckern, Straßen, Bergen, von den alten Leuten gehört, daß nur eins hilft gegen das Schicksal: nicht widerstreben. Ein Frosch kann keinen Storch verschlingen. Ich glaube, liebe Brüder, und will mich daran halten: daß der allmächtige Weltenlauf starr, unbeugsam ist, und nicht von seiner Richtung abweicht. Wenn ihr kämpfen wollt, so mögt ihr es tun. Ihr werdet nichts ändern, ich werde euch nicht helfen können. Und ich will euch dann, liebe Brüder, verlassen, denn ich scheide mich ab von denen, die im Fieber leben, von denen, die nicht zur Besinnung kommen. Ein Alter hat von ihnen gesagt: man kann sie töten, man kann sie am Leben lassen, ihr Schicksal wird von außen bestimmt. Ich muß den Tod über mich ergehen lassen und das Leben über mich ergehen lassen und beides unwichtig nehmen, nicht zögern, nicht hasten. Und es wäre gut, wenn ihr wie ich tätet. Denn alles andere ist ja aussichtslos. Ich will wunschlos, ohne Schwergewicht das Kleine und Große tragen, mich abseits wenden, wo man nicht tötet. Ja, dies will ich euch von der Kuan-yin und den anderen goldenen Fos sagen, die Ma-noh verehrt; sie sind kluge und gereifte Götter, ich will sie verehren, weil sie dies gesagt haben: man soll nichts Lebendiges töten. Ich will ein Ende machen mit dem Morden und Rächen; ich komme damit nicht von der Stelle. Seid mir nicht böse, wenn ich euch nicht zustimme. Ich will arm sein, um nichts zu verlieren. Der Reichtum läuft uns auf der Straße nach; er wird uns nicht einholen. Ich muß, mit euch, wenn ihr wollt, auf eine andere Spitze laufen, die schöner ist als die ich sonst gesehen habe, auf den Gipfel der Kaiserherrlichkeit. Nicht handeln; wie das weiße Wasser schwach und folgsam sein; wie das Licht von jedem dünnen Blatt abgleiten. Aber was werdet ihr mir darauf sagen, liebe Brüder?“