Einer erzählte von den großen Meistern Tung-gin und Ta-pe, welche auf Wolkenwagen stiegen, auf dem Regenbogen gingen und dann sich verirrten im Schoß des Nebels. Sie erreichten den Scheitel des Weltalls, ohne eine Fußspur zu hinterlassen im Schlamm und Schnee, sie warfen keine Schatten. Sie schritten über Berge und Felsen, bis sie zum Kun-lungebirge kamen, an die Pforte des Himmels; sie drangen in seine Umzäunung ein, sahen den Himmel über sich, einen Baldachin, die Erde unten, eine Sänfte.
Geheimnisvoll fing Wang selber an, leise zu sprechen von den Spitzen der Welt und den drei Juwelen. Er verstummte bald, wandte den Kopf wie beirrt suchend zur Seite zu Ma-noh. Ma-noh im Klostersingsang: „Cakya beschützt alle; der Maitreya kommt nach ihm, den erwarten die Frommen, des kostbaren Mondes weißen, majestätisch stillen König.“ Er summte entrückt von den Verwandlungen.
Jeder saß mit sich beschäftigt.
Als es hell am Morgen geworden war, nahm Wang Abschied nur von Ma-noh. Er lehnte ohne Begründung ab, sich begleiten zu lassen. Vor Ma tat Wang in der engen leeren Kammer das schweigende Gelübde; ließ sich die Scheitelhaare sengen, hielt seine Finger über eine Flamme, warf sein letztes Geld auf den Boden.
An demselben Tage, an dem die Bettler das Dorf verließen und sich nordwärts zerstreuten, trat Wang-lun seine Reise nach Schan-tung zu den Brüdern von der Weißen Wasserlilie an. Er wanderte ununterbrochen, oft sechzig bis siebenzig Li den Tag. Ein furchtbarer Schneesturm hielt ihn zwei Tage im Gebirge fest, ehe er in das Hügelland und die Ebene eintreten konnte.
Auf seiner beschwerlichen Wanderung brach dann der Frühling an. Die Stadt Yang-chou-fu sah den Bettler und beachtete ihn nicht; sie sah nicht lange später Anhänger dieses Mannes Entsetzliches in ihren Mauern leiden, fiel halb in Schutt. Er setzte über große Flüsse, über den Kaiserkanal und übernachtete einmal in Lint-sing, der Stadt, in der er sterben sollte. Während es Frühling wurde, näherte er sich den reichen, ihm wohlbekannten Gefilden am Westfuß des Tai-ngan. Man schälte noch auf den Winteräckern die Binsen ab, zog die langen Markstangen heraus; er dachte an Tsi-nan-fu, das nicht mehr fern war, und an Su-koh. Als der erste Regen fiel, begannen sie die Aussaat auf den Feldern, warfen Raps, Bohnen, Weizen. Das Brüllen der starken Pflugtiere, die nahen und weiten Lieder der Saatwerfer begleiteten Wang. Er zog weiter, südlich und östlich, umging das brausende Tsi-nan.
Seine Nahrung gewann er durch Betteln, Trägerdienste; auf dem Felde half er. In den größeren Dörfern und Städten trat er als Geschichtenerzähler auf, trug das Weckholz, den Würfel in der Hand, das ihm ein großer Lehrer namens Ma-noh verliehen habe; er hörte die Leute aus, warf seine Saat mit großer Kraft.
Er hatte Tschi-li verlassen, war wieder in Schan-tung, dem Lande, das den großen weisen Kung-fu-tse geboren hatte, den Wiederhersteller der alten Ordnung, die stählerne Mittelsäule des Staatsgebäudes; dem Lande, das auch durch Jahrhunderte die Geheimbünde hervorbrachte, welche Kaiser stürzten und furchtlos das notwendige Gleichmaß wiederherstellten, dessen dies Gebäude bedurfte. Das Land hatte einen ungeheuren Toten geboren, bot nun unablässig Lebendige auf, um zu bewirken, daß sein Fleisch, seine riesenhaften Knochen die Erde düngten, nicht breit auf dem kostbaren Boden laste. Die Geheimbünde waren die Spitzhacke, die Schaufel, die Barke der Provinz. Sie überlebten Regierungen, Dynastien, Kriege und Revolutionen. Sie schmiegten sich elastisch und windend allen Veränderungen an, blieben völlig in jeder Drehung unwandelbar und dieselben. Die Bünde waren das Land selbst, das sich mit blinden Augen lang hinstreckte; die Leute schacherten oben, feierten ihre Feste, vermehrten sich, besänftigten ihre Ahnen, Heerführer kamen, Soldatenvölker, kaiserliche Prinzen, Feuersbrünste, Schlachten, Sieg, Niederlage; nach einiger Zeit, einer unbestimmten Zahl von Monaten zitterte das Land in kleinen Schwingungen, Vulkanaugen warfen flammende, nicht zärtliche Blicke, Ebenen senkten sich; ein breitmäuliges Donnern; und das Land, beunruhigt, hatte sich auf die andere Seite zum Schlafen gelegt; es war alles wieder gut geworden. Es waren Jahrhunderte her, als die Mingherrschaft, die vom Volk getragene, echt chinesische, schwächer wurde, sich drehte, langsam verzuckte. In die schwere Zerrüttung des Reiches, bereitet durch Verbrüderung von Ohnmacht, Verbrecherwesen, Eunuchentum, griffen die Bünde ein; sie nahmen eisig den Hohn der Höflinge hin, die einen Knaben auf den Thron setzten. Dann erklärten sie ihm öffentlich den Krieg, bemächtigten sich des Landes; erschreckend weiß schimmerte in die Provinzen hinein die Wasserlilie Schan-tungs. Die Bünde hatten die glückliche Zeit der Mingkaiser nicht vergessen in den Jahrhunderten. Sagen schlangen sich um ihre Namen. Die Mandschus drückten nicht schwer; sie ließen das Volk gehen, wenn es sich nur beherrschen ließ. So große Kaiser die Mandschus dem Reiche gaben, die Unvergängliches schufen und unterstützten, so blieben sie den starren Genossenschaften Fremde, die nicht Recht haben durften. So milde, liebevoll und selbstvergessend die starken Fremden sich um das Volk bemühten, sie vermochten kein aufrichtiges Lächeln auf den Lippen der Frau zu erwecken, die sie auf Tod und Leben in den Armen hielten. Die Mandschu mußten erkennen, daß ihnen diese Herzen verschlossen waren. Es kam zu keiner Rachsucht. Sie hielten das Volk unter dem Schwert. Es fing an Gewalt mit Gewalt zu ringen. China, die Witwe, die sich in einer aussichtslosen Sehnsucht verzehrte, sammelte Freunde gegen den ernsten Gemahl. Zur Kühle trat Zorn, zur Enttäuschung trat Zorn.
Wang umging die grünen Weinberge am Westfluß des Tai-ngan. Als er die ersten Hügel des Gebirges hinter sich hatte, rastete er bei seinen alten Freunden aus der Tsi-nanzeit einige Tage. Einen verschmitzten jungen Töpfer, den er bei ihnen vorfand, schickte er nach Tsi-nan herunter mit einem Gruß an den Bonzen Toh, den Verwalter des Tempels des Musikfürsten Hang-tsiang-tse. Die Rückkehr des Boten konnte Wang dann nicht mehr erwarten. Der Töpfer fand den Bonzen nicht im Tempel; er hatte nach Wangs Mord an dem Tou-ssee seine Kammer verlassen und hielt sich in der Stadt verborgen, erst in den grünen Häusern, wo ihn eine Wang befreundete Dirne aufnahm, dann in einem Dörfchen jenseits des Flusses, wo er seine Fähigkeit des Ziselierens an Zinngefäßen auszuüben begann. Hier traf ihn der gewandte Töpfersmann. Der Schreck und die Freude bei der Nachricht ließ Toh den Stahlgriffel aus der Hand fallen. Er forschte bei versperrter Tür den jungen Menschen aus, der von Wangs ernstem, ja ehrfurchtgebietenden Auftreten berichtete und dessen Mission in Schan-tung ahnte. Beide, Toh und der Töpfer, gingen frühmorgens aus dem Dörfchen heraus. Als sie im Gebirge eintrafen, waren vier Tage seit der Abreise des Töpfers verstrichen und Wang einen Tag weitermarschiert, ohne zu sagen wohin. Erst viel später, in den Zeiten der letzten Not, sah Wang noch einmal seinen Lehrer und lernte noch einmal seine Anhänglichkeit kennen.