Schwer entschloß sich Chen am Spätabend des vierten Tages Freunde zu sich einzuladen zu einer Mahlzeit auf den folgenden Tag. Und nachdem sie, sechzehn an der Zahl, drei Stunden diniert hatten, viele seltene Gemüse, Krebsschwänze, Pasteten, Hahnenköpfe, Hammelklößchen, gedünstete Nudeln, nachdem das zarte Gebäck, die Weine, Liköre und der Essig von den kleinen Tischen geräumt waren, mußte Chen seinen rauchenden Freunden von dem seltsamen Bettler aus den Nan-kubergen in Tschi-li erzählen.
Er erzählte erst scherzweise, anekdotenhaft von ihm, dann als die Gäste auf andere Dinge übergehen wollten, hielt er fest, und plötzlich war der Ton ihres Gespräches, nach ganz unmerklichen Wendungen, geändert, und das Gurgeln der Wasserpfeifen ließ nach. Es trat alles ein, was Chen gefürchtet hatte. Es gab Lachen, Entrüstung, Befremdung über seine Rolle; bei manchen, den klügeren, Angst und Versteinerung.
Sie saßen um die kleinen, dicht aneinander geschobenen Tische in dem prunkhaft erfüllten Wohnzimmer. Bunte Teppiche und Bambusmatten wärmten den Fußboden. Dunkel gebeizte Holzsäulen, zwei Reihen, stützten eine fein gefelderte Decke, von der eisengetriebene Lampen und Laternen herunterhingen an den Füßen von Greifen, aus den Mäulern von Drachen. Fleckige Orchideen lagen an jedem Platz. Ein ausgezogener prachtvoller Wandschirm verkleidete den Achtgenientisch an der Hinterwand des Hauses vor dem Hausaltar. Ein ungeheurer meterhoher Prunkspiegel war nach der Wand zu gedreht und zeigte auf seinem glanzigen schwarzen Holz Reiher, die über Wellen hinziehen, auf Felsen am Ufer sitzen, ganz klein am Firmament gegen Sonnenstrahlen auffliegen.
Chen-yao-fen saß in einfachem schwarzen Seidengewand unter seinen bunt geschmückten Gästen. Sie naschten Süßigkeiten, schluckten aus winzigen Teetassen, brachen Nüsse. Sie genossen die Weichheit und Leichtigkeit der Stunde, warteten auf die Schauspielerinnen, die Chen aus der Stadt zu mieten pflegte, und waren gar nicht geneigt, an Bettler aus den fernen Nan-kubergen zu denken. Als dann der Name Chus fiel, und daß Chu in den Nan-kubergen anscheinend von ihnen gesprochen hatte, wurde die Erregung, das Aufspringen, das Drängen um Chen allgemein. Das Klappern der feinen Bonbonschälchen hörte auf. Sie scharten sich an dem Wandschirm vor Chens Hausaltar zusammen.
Pelien-kao, die Weiße Wasserlilie, tagte.
Die Flüche auf Chu wurden laut. Man wollte Näheres, Näheres, Näheres wissen. Was denn, wie denn, warum denn? Die Erklärungen Chens wiederholten sich; man sollte die Anhänger der Wasserlilie in Tschi-li orientieren, auf die Entwicklung der Dinge aufmerksam machen, sie veranlassen, ihren Einfluß geltend zu machen, daß nichts gegen den neuen Bettlerbund geschehe, die Bettler im schlimmsten Fall selbst aufnehmen und verbergen.
Durch den heftigen Widerspruch der andern wurde Chen, der nicht ganz sicher sprach, gereizt, sprach mit großer Kraft und nicht ohne Spitzen. Man trennte sich auf das Verlangen vieler, die sehr bestürzt waren, kam überein, sich abends noch einmal zu treffen.
Es war Furcht, was die meisten dieser sechzehn Männer beherrschte. Ihre Sache sollte plötzlich ein Gesicht bekommen. Plötzlich: das war das Wesentliche; ohne Not, ohne Grund. Die Regierung Khien-lungs dauerte lange. Der Kaiser hatte eine harte, nicht ungerechte Hand. Es war gefährlich, aussichtslos gegen ihn Aufruhr zu erheben. Es war nicht die Zeit.
Abends flackerten die bunten eisengetriebenen Laternen und Lampen von der getäfelten Decke. Die Vorwürfe, die einzelne gegen Chen vorbrachten, waren heftiger als mittags. Daß er sich eingelassen hätte mit diesem Sendling, statt einem raschen Mann fünf Schnüre Käsch zu geben, dazu ein kleines scharfes Messer. Einer jammerte, weinte, gab sich und seine Familie verloren.
In der Finsternis schlug mit einem verabredeten Zeichen Wang an die Hintertür des Hauses. Neben dem Altar kam der große lumpenbekleidete Mensch hinter dem Wandschirm hervor, stand unter den erregten Kaufleuten. Er sagte fast wörtlich, was er Chen erzählt hatte. Als sie in ihn drangen, berichtete er, wie sie vom Berg laufen mußten, die armen und kranken Männer, die mit ihm auf dem kahlen Nan-kugebirge wohnten. Er sprach, als ob es ihn nicht beträfe. Einigen von den stolzen Kaufleuten kam der Gedanke: man füttert diesen verhungerten Burschen aus und schickt ihn mit ein paar Täls nach Hause. Sie beruhigten sich bei seinem Anblick, den sie genossen. Er sah wahrhaft nicht ängstlich aus, sie lächelten leise und nickten sich mit den Köpfen zu. Es mag sein, daß es ihm und den andern schlecht ging; die armen Teufel sollten nicht verkommen, keineswegs. Aber wozu dieser Lärm? Wegen ein paar Hungerleider bemüht man nicht Kaiser und Zensoren; wenn der Hwang-ho übertritt, kommen in einer Stunde zwanzigtausend Menschen um, und das Reich zittert nicht, und der Himmelssohn fährt sich nur einmal fragend über die Stirn. Es war ein Irrtum Chus, die Weiße Wasserlilie für eine Wohltätigkeitsanstalt zu halten. Wer wußte, was Hunger und entartete Gesellschaft aus ihm gemacht haben.