Das Kind der Nebenfrau war gerettet. Ngoh erhielt vom Kaiser ein Pfefferminzsäckchen geschenkt.
Bei seiner nun folgenden Tätigkeit im inneren Hofdienst wurde Ngoh den Waffen rasch entfremdet; er mußte sich in die Intrigen, die Klatschträgerei, die Eunuchenatmosphäre einfügen. Er hatte schon eine gewisse spielerische und leidenschaftliche Richtung in sich, der er nun ausgeliefert wurde. Er verliebte sich in den vierzehnjährigen Jungen einer armen Gärtnerswitwe, namens King-tsung, stattete den Jungen völlig aus, nahm ihn zu sich in seine Wohnung, machte viele und feine Gedichte auf ihn. In den Zimmern des ehemaligen Soldaten lagen Schminktöpfe, Parfümflaschen, gestickte Überwürfe herum; der eitle Knabe, der ein weibisches Wesen hatte und nicht ohne gewisse Grazie war, lag auf den Knien des Dämonenbezwingers und ließ sich lächelnd von dessen demütigen Lippen küssen und Konfekt reichen.
Sie liebten sich, bis der Junge, der in seidenen Kleidern wie ein Prinz stolzierte, behauptete, Ngoh schenke einem andern Knaben mehr als ihm und davonlief. Tagelang weinte Ngoh fassungslos auf seinen Zimmern; die Gärtnersfrau brachte den Knaben zurück, der böse Streiche bei ihr gemacht hatte. Ngoh verzieh ihm, auch als er gestand, daß ein Eunuch ihm nachstelle und daß er schon Geschenke von ihm angenommen habe. Nach und nach erfuhr Ngoh Einzelheiten von dieser Freundschaft, erfuhr, um wen es sich handle und wurde darüber so betrübt und angeekelt, daß er wieder anfing, zu bitten, man möchte ihn zum Wachdienst auf der Mauer zulassen. Er war dabei keineswegs böse über den Jungen; aber der merkte eine Veränderung in der Art seines Freundes.
Und ob er nun durch den längeren Umgang mit Ngoh feiner und empfindsamer geworden war, er wurde zusehends stiller, verfiel in Schwermut, aß wochenlang kaum, lag in dauernder Abwesenheit. Der Hauptmann verzehrte sich an dem Bett seines Lieblings vor Schmerz, verließ die langen Wochen der Krankheit die Wohnung nicht. Endlich genas der Knabe. Ihre Freundschaft glühte, sie waren sich zugetan wie nicht zuvor. Man übersah zwar in diesem eigentümlichen Kreis die Merkwürdigkeiten der Menschen, aber über die Verliebtheit des tapferen ernsten Ngoh lachte man allgemein. King-tsung war ein großer verzärtelter Bursche; der Hauptmann behandelte ihn, als wäre er empfindlich gegen einen Windstoß, fuhr ängstlich bei dem bitteren Blick des Knaben auf.
Nicht dem Hauptmann, der zu sehr in seine Empfindungen versunken war, fiel das Naserümpfen der Umgebung auf. Der Knabe, noch von seiner Krankheit reizbar, geriet in Zorn über Ngoh, der ihn zum Gelächter machte, beschloß sich von ihm zu trennen, ließ sich willig von einem andern Hauptmann, der mit ihm über Ngoh spottete, kapern. Ngoh wanderte ohne Besinnung auf den Mauern der Tatarenstadt, fiel im Palast in eine lange Ohnmacht, raste; Freunde hielten den Mordlustigen zurück. Sie beruhigten den Mann schwer, dem noch nicht die Augen über sein sentimentales Verhalten aufgegangen waren.
Als er seine Verzweiflung heruntergedrückt hatte, sann er, was tun für sich. Heer und Soldatentracht war ihm verleidet; in der Roten Stadt mochte er nicht bleiben. Er ließ sich an das Flußtransportamt zu Süen-kwa am Yang-ho versetzen. Hier brachte er in eifriger Tätigkeit, mit Reiten, Segeln, Versemachen seine Zeit hin, wurde auf seinen Wunsch weitere drei Jahre da belassen, rückte in eine höhere Stelle auf, steigerte den Verkehr und die staatlichen Einnahmen während seiner Amtszeit nicht unerheblich.
Nach Schluß seines Dienstes in Süen-kwa machte er noch eine kleine Reise zum Besuch eines Oheims in Ta-tung; von dieser Reise kehrte er nicht wieder; man mußte ihn, nachdem er ein halbes Jahr gesucht war, aus den amtlichen Listen streichen. Es wurde ein Verbrechen der Nan-kuräuber angenommen. Aber Ngoh war zu den Wahrhaft Schwachen gegangen, eben in dem Augenblick, als sie aus dem Dörfchen zogen und Wang-lun sie verließ.
Dies war für die sonderbare Gesellschaft, die um die Schönn-i genannten Klippen herumpilgerte, um ostwärts nach dem berühmten Nan-kupaß zu wandern, der erste Augenblick des Schreckens und Staunens, als ein einsamer eleganter Mann auf seinem Maultier hinter ihnen trabte und mit zweien von ihnen zu plaudern anfing. Sie zogen durch das lange schmale Tal; der Reiter folgte. Ngoh folgte in einem unsichern Gefühl; es war im Grunde der Anblick eines jungen Burschen, den er mitten in dem Zug bepackter und zerlumpter Vagabunden erblickt hatte, der ihn fesselte und beunruhigte. Er wußte nicht, daß dieser Bursche eine Ähnlichkeit mit seinem treulosen Freund in der Roten Stadt hatte. Die Männer erzählten vieles; es schienen Sektierer zu sein, die den Behörden zur Last fallen würden. Mittags lagerte er, lachend über sich, aber irgendwie froh, hoffnungsfroh, unter den Gesellen, die ihn wie ihresgleichen behandelten.
Es war eine tolle Umgebung, in der er sich befand, er war beruhigt, in nicht faßbarer Weise angelangt. Sein Oheim in Ta-tung drängte nicht; man muß die Fische fangen, wenn sie kommen; und das Wetter war voll Pracht, schwer von Schnee, wie wenn ein Kind sich über einen Abgrund bückt, seine seidenen Überhänge, dünnen Schals werden bauschig von dem Wind aufgebläht, über seinen Kopf weg, man sieht nur die wallenden Schleifen, Tücher, bunten Schwellungen, glaubt dazwischen lustige verschmitzte Augen zu sehen, schlagende Hände, und ab und zu weht wirklich ein Ingwerduft herunter an eine saugende Nase.
Ngoh in der Mandarinenmütze, braunem dicken Pelzwerk, pelzbesetzten Schuhen kauerte neben einem Teekessel am Boden; sein Maultier neben ihm; eine einzige Tasse wanderte in dem Kreise der sechs Männer; Ngoh trank mit einem starken Vergnügen. Ehe es dunkel wurde und sie in Höhlen Feuerchen schlugen, sagte er mit leiser Stimme, daß er bei ihnen bleiben möchte.