Junge Wüstlinge zusammen mit Dirnen, die sie aus den bemalten Häusern befreit hatten, wanderten herzu. Oft sah man die Dirnen, die zu den verehrtesten Schwestern gehörten, in eigentümlichen Verzückungen unter den purpurnen Kallikarpen, in den Hirsefeldern, und hörte sie unverständlich stammeln.

Sechs Freundinnen vom nördlichen Kaiserkanal, die man als Kinder verheiratet hatte, sprangen in dem Monat, in dem sie in das Haus ihrer Gatten gebracht werden sollten, mit einer Pferdekette aneinandergebunden, unterhalb ihrer Heimatstadt in den Kanal. Sie wurden, da sie beim Hineinstürzen sich an den Ufermauern verletzten, hängen blieben und laut schrien, gerettet von einigen vorüberziehenden Karrenschiebern, welche sie auf das nächste Polizeigewahrsam transportierten, nachdem sie die ganz willenlosen Mädchen mit Kleiderfetzen zur Not verbunden hatten. Als sie, auf dem Amt freundlich verpflegt, sich erholten und zurecht machten, kamen ihre Väter draußen angestürzt. Die Mädchen hörten die lärmende Auseinandersetzung mit den Wachen, stiegen durch ein hinteres Fenster hinaus und entkamen. Sie schlugen sich von Ortschaft zu Ortschaft durch, hielten sich in einer geschützten Berghöhle verborgen, verschafften sich durch Aushilfsarbeit auf den umliegenden Gehöften, in den Mühlen Nahrung. Die Jüngste von ihnen, ein fünfzehnjähriges blühendes Mädchen, die Tochter der Nebenfrau eines alten Lehrers, starb da, indem ihr ein Räuber Gewalt antat und sie dann erwürgte. Der Räuber trat nicht viel später zusammen mit den Mädchen einer Gruppe der Sektierer bei.

Im nordöstlichen China, in den Provinzen Tschi-li, Schan-tung, Schan-si, ja in Kiang-su und Ho-nan, in großen Städten mit hunderttausenden von Einwohnern, in den tüchtigen Arbeitsdörfern wie in den Spelunkennestern kam es alle paar Tage vor, daß einer auf den Markt ging und vor irgendeinem Betrüger, vor einem Bettelpriester, vor einem lahmen Kind, in einen Eselstrog sein Geld und seine Wertsachen ausschüttete. Daß Ehemänner aus kinderreichen Familien verschwanden; man traf sie nach Monaten in entfernten Distrikten, mit den Vagabunden bettelnd. Es ging hie und da ein unterer Beamter wochenlang wie benommen und träge herum, antwortete bissig auf jede Frage, zuckte frech mit der Achsel bei einer Rüge; dann beging er plötzlich ein erstaunliches Verbrechen, unterschlug öffentliche Gelder, zerriß wichtige Aktenbündel oder griff einen harmlosen Menschen an und zerbrach ihm Rippen. Verurteilt ertrug er seine Strafe und Schande gleichmütig, oder entwich aus dem Gefängnis, ging in den Wald. Dies waren die Leute, denen die Trennung von Familie und Besitz am schwersten wurde und die sich nur durch ein Verbrechen von ihnen ablösen konnten.

Sie trugen nichts vor, was man nicht schon wußte. Eine alte Fabel, die sie erzählten, ging von Mund zu Munde:

Es war einmal ein Mann, der fürchtete sich vor seinem Schatten und haßte seine Fußspuren. Und um beiden zu entgehen, ergriff er die Flucht. Aber je öfter er den Fuß hob, um so häufiger ließ er Spuren zurück. Und so schnell er auch lief, löste sich der Schatten nicht von seinem Körper. Da wähnte er, er säume noch zu sehr; begann schneller zu laufen, ohne Rast, bis seine Kraft erschöpft war und er starb. Er hatte nicht gewußt, daß er nur an einem schattigen Ort zu weilen brauchte, um seinen Schatten los zu sein. Daß er sich nur ruhig zu verhalten brauchte, um keine Fußspuren zu hinterlassen. —

Ein Seufzen preßte das Land aus. Man hatte so glückverschleierte Augen nie gesehen. Ein Zittern ging durch die Familien. Und wenn abends wieder von den „Wahrhaft Schwachen“ und der alten Fabel gesprochen wurde, sah einer den andern an und morgens forschten sie, wer verschwunden sei.

Ein geheimes süßes Leiden schien besonders die jungen kräftigen Männer und Frauen befallen zu haben. Sie schienen fortgezogen zu werden von einer Art bräutlichem Schmerz.

Wang-lun war das Haupt der Bewegung.

Er stammte aus Schan-tung, aus einem Küstendorfe namens Hun-kang-tsun, im Distrikt Hai-ling; der Sohn eines einfachen Fischers. Er erzählte später in beiläufigen Wendungen, sein Vater sei der erste der dortigen Fischerzunft gewesen; an der Wand des Zunfthauses stünde noch der Name seines Vaters, des Begründers dieses Hauses. Aber in ganz Hai-ling gab es kein Gildenhaus. Die zweihundertzwanzig Familien des Örtchens schlugen sich mühselig durch. Die Männer schwammen zum Fang auf dem Meere; die Frauen bestellten die wenigen Felder. Der Boden war so knapp, daß man künstliche Äcker auf den breiten Terrassen der Kalkfelsen anlegte, welche dicht an den Strand traten. Mühsam schleppte Mann und Weib die lockere Erde auf Holzmulden herauf, über die schmalen Serpentinen, Mulde nach Mulde, dann warfen sie den spärlichen Dünger, trockene Krebsschalen und Menschenkot.

Dort über dem Meere wirtschafteten Weiber, Kinder und alte Männer tagsüber; Geplärr und dumpfes Rumoren scholl herunter in das leere Dorf. Es hatten früher hier mehr Familien gewohnt. Aber über fünfzig Häuser waren eines Tages von einem vorüberziehenden plündernden Haufen, der von Tschi-fu herkam, in Brand gesteckt worden. Dem alten Dorfschulzen hatten sie zwischen zwei Gneisblöcken die Füße gequetscht, als er nicht die zweihundert Tael zahlte, die sie verlangten, dann ihm mit einem Balkenschlag den linken Arm zermalmt und ihn, nachdem sie ein breites Loch in das Eis geschlagen hatten — es war Winter —, in einen Tümpel geschleudert. Das stoßweise Gebrüll der sechs Mann, die den jammernden Schulzen immer wieder mit Brettern niederdrückten, das Klatschen der Planken auf der Eisfläche, das laute Schlingen und Wasserspeien des Ertrinkenden, dazu das ungeduldige Wiehern ihrer gestohlenen Pferde, war eine der wenigen Kindheitserinnerungen Wang-luns.