Fünfzig Brüder taten sich in der Nacht zusammen, forschten in dem Marktflecken nach den Räubern. Sie stellten fest, daß diese Räuber in einem Dörfchen, weit nach rückwärts von dem Flecken gelegen, hausten, daß es Behörden wie Privatpersonen bislang nicht möglich war, das Nest auszuheben. Man erfuhr auch von Landbewohnern, daß drei der geraubten Mädchen sofort nach Schun-tö verschleppt seien, acht im Dorf festgehalten würden.

Die Brüder drangen in der Nacht darauf in die ihnen bezeichneten Häuser des Dorfes, schlugen sich mit den Verbrechern herum, die einen militärischen Angriff vermuteten und sich bemühten zu entwischen. Die Schwestern wurden wiedergefunden und befreit, zwei Verbrecher und drei Brüder blieben tot im Dorf liegen auf der mondbeleuchteten Straße.

Die Verwegenheit der Brüder wuchs so sehr, daß sie noch am nächsten Tage in der Stadt den Aufenthalt der Mädchen auskundschafteten, welche in einem obskuren Freudenhause wohnten. Sie besuchten abends in Gruppen zu dreien und fünfen das Haus, hielten sich bis zur dritten Nachtwache auf, erbrachen dann ohne Schwierigkeit die Türen, versteckten sich einen ganzen Tag bei den Bettlern in der Stadt, gelangten nach einer Woche auf großen Umwegen zu dem Halteplatz Ma-nohs an den blühenden Abhängen des Tai-hans.

Ma-noh, unterrichtet von dem Vorgefallenen, trug sich damit, sie auszustoßen. Es war inzwischen schon die Mehrzahl der Bündler zu der Auffassung bekehrt, daß das Wu-wei Mittelpunkt und Rettung sei, Mittelpunkt und Rettung bleiben müsse. Die Befreier kamen beschämt. Wo die Trauer aufrichtig schien, verzieh Ma. Fünf, die sich einsichtslos rühmten, wurden verstoßen.

Es entspann sich ein erbitterter heimlicher Kampf zwischen Ma-noh und den Widersachern im Bund. Der bald zutage tretende Sieg Mas zeigte die ungeheure Gewalt, über die der völlig umgewandelte Mann verfügte.

In der fruchtbaren dichtbevölkerten Gegend am Fuße des Tai-hans entwickelte sich aus dem Schoß des Bundes die heilige Prostitution.

Die Schwestern hatten sich schon nach dem Aufenthalt am Sumpfe von Ta-lou gewöhnt, sobald sich ihnen auf der Wanderschaft, in einsamer Gegend, Bergstraße, Wald, Männer näherten, zu ihnen heranzugehen, mit ihnen freundliche Worte zu wechseln; auch Liebkosungen konnten sie sich nicht entziehen, ohne Gefahr zu laufen. Diese Gepflogenheit wurde nach dem Überfall vor dem Tai-han-schan allgemein.

Die Schwestern rüsteten sich, einen Wall von Sanftheit um die Gebrochene Melone aufzuwerfen. Sie gingen nicht in dem lumpigen Bettlerinnenzeug, suchten sich mit Hilfe der Brüder bunte Kleider zu beschaffen, schön bemalte Schirme, feine Haarkämme. Alle Tage fanden sie sich abends zusammen, und die kundigen lehrten sie die entzückenden Liebeslieder der bunten Quartiere singen, die Pipa zupfen. Wo die Arbeiter am Wege standen und die kaiserlichen Straßen ausbesserten, an den Erdnußsuchern, die im Acker wühlten, wichen sie nicht mehr ängstlich vorüber; sie kämpften mit den Frauenwaffen, glitten vorbei. Es waren unter den bald fünfhundert Frauen an zehn, die die Situation des Bundes Ma-nohs durchschauten, ihr Schicksal an die Gebrochene Melone knüpften, mit Klugheit und Entschlossenheit zur Festigung des Bundes beitrugen. Die jüngeren Schönen bildeten die heilige Prostitution. Es würde sie niemand, so sagten sie, hindern, den ebenen Weg zum Westlichen Paradiese einzuschlagen, jetzt, wo sie alles, alles mit jedem teilten.

Es geschah etwas Befremdliches am Tai-han-schan, etwas Märchenhaftes, Naives, von der Art eines Liedes. Die Bettlerhütten waren aufgeschlagen, die Männer gingen in die Berge hinein, wo Ansiedlung an Ansiedlung stieß. Die Mädchen liefen umschlungen über die schachbrettartig geteilten Felder. Auf den schmalen Pfaden zwischen den Reis- und Weizenfeldern zerstreuten sie sich. Der fauligweiche Boden dellte sich unter den leichten Füßen der Glückbringerinnen. Zwischen dem Grün der Halme blitzte grelles Rot, auf kindshohem Stengel eine straffgewölbte Blüte, seidenglänzendes Purpur: der Mohn. Die Ponys der Mädchen klebten fest an den niedrigen Stirnen. An bunten Gürteln trugen sie Almosenschalen. Diese und jene, nicht gewöhnt zu gehen, bewegte einen Stab mit Messingbehang, den Rasselstab in der Hand.

Wenn eine Glückbringerin eine arbeitende Frau oder ein Mädchen traf, so grüßte die geschmückte Bettlerin sie, nannte sich beim Namen, sagte, daß sie zu dem Bund der Gebrochenen Melone gehöre, erzählte, nahm teil, schenkte, wenn sie sich verabschiedete, ein kleines Tuchsäckchen mit Asche oder ein Papieramulett mit Charakteren.