Der Gott stand schon allein in seinem verfallenen ärmlichen Häuschen am Ende des Dorfes. Es war finster geworden. Sein dicker Schüler, der tapfere Dämonenzwinger, wälzte sich um die dritte Nachtwache hastig auf den Rücken. Die Frau fragte ihn, was er wollte. Sie konnte ihm nur noch die Schuhe anziehen, mit denen man den Totenfluß überschreitet, die Schuhe bestickt mit Pflaumenblüte, Kröte und Gans, und mit einer weißen offenen Wasserlilie.

Der Alte hatte gewünscht, daß sich Lun zum ersten Examen vorbereite. Aber dessen Talente lagen anderswo und waren ganz besonders. Man bemerkte schon beim Scheren und Rasieren seines kugelrunden Kopfes ein längliches schwarzbraunes Mal auf der rechten Schläfenschuppe, das sein Vater als die Perle der Vollkommenheit deutete.

Wang-lun wuchs heran, gewandt und riesenstark. Unter seiner Roheit und Hinterlist hatten Esel, Hunde, Fische und Menschen zu leiden. Zum Diebstahl wurde er als sechsjähriger Junge von seinem Vater selbst angeleitet, auf merkwürdige Weise. Es war im Dorf üblich, um die Festzeit im ersten Monat, besonders aber am fünften Tag des ersten Monats, aus fremden Gärten und Äckern Gemüse zu stehlen, weil dieses Gemüse Glück bringt. Es durfte niemand einen Eindringling an diesem Tage, sofern er ortsansässig war, verjagen; die Besitzer selbst pflegten vorher alles wertvolle Gewächs beiseite zu stellen und zu überdecken.

Als Wang-lun auf solchem gesetzmäßigen Diebeszuge begriffen mit seinem Bruder und Vater sein Heil versuchte, erging es ihm schlecht; ein paar vertrocknete Erdnüsse klaubte er aus dem Boden. Er trottete wütend hinter den andern her; lief nach Hause, setzte sich still, an einem Salzkrebs lutschend, in die niedrige Stube neben seine Mutter, die ihn lobte, weil er Dummheiten nicht mitmachte.

Er aber saß still zu Hause aus einem anderen Grunde; er hatte eine sehr einfache kurze Überlegung angestellt: wenn man etwas Schönes stehlen will, so ist der fünfte Tag des ersten Monats der ungeeignetste Tag dazu; es ist lächerlich und absurd, gerade an einem Tage stehlen zu gehen, an dem alle stehlen und alle ihre Sachen verstecken.

Er versprach sich, den fünften Tag des ersten Monats ein andermal zu feiern, diesen Tag absatzweise über das Jahr zu verteilen, denn ein Tag hat vierundzwanzig Stunden, die er unterbringen mußte; er mußte das Jahr über die erlaubten vierundzwanzig Stunden stehlen.

Und so stahl der gewandte schlaue Bursche überschlagsweise vierundzwanzig Stunden im Jahr und jeder Diebstahl hatte den Schein des Erlaubten, und ihn begleitete das angenehme Gefühl, das Dorf übertölpelt zu haben; es war genußreich zu stehlen.

Ja einmal, im letzten Lebensjahre des Alten, richtete Wang-lun seine räuberische Logik gegen seinen Vater; er nahm ihm die dünne Bambustafel weg, die tiefbraun und unleserlich geworden war. Den weißbärtigen Wang-schen erfüllte tiefer Schmerz, als er Lun im Hof sitzen sah, die lange vermißte Tafel auf den Knien, sie nach allen Seiten drehend, sie mißtrauisch beschnüffelnd. Lun lief in großen Sätzen mit der Tafel weg; der Alte weinte, über die Tafel und über den Sohn.

Im Dorfe wagten wenige, mit dem rohen Patron anzubinden; seinen Bruder hatte er ganz in der Gewalt.

Man war sehr glücklich, als er, gelangweilt von dem Fischfangen, Dörren, Netzeflicken, unzufrieden mit der Ärmlichkeit seines Heimatortes, aus dem auch durch den raffiniertesten Betrug nicht mehr als dreißig bis vierzig Tiau zu holen waren, eines Tages mit ein paar Kupferkäsch an der Schnur aus Hun-kang-tsun losmarschierte, ziellos die große Straße nach Tsi-nan-fu.