Als Wang sich zu der Tür wandte, stand der Bonze auf, verneigte sich vor ihm, schwang die gefalteten Hände, pries die Frömmigkeit seines hohen Besuchers, mit einem durchgesiebten gleichmäßigen Schwall von Worten. Auch Wang verneigte sich höflich. Zum Schluß fragte der Priester, ob die Subskriptionsliste für eine Wassermesse schon in den Palast seines Gönners getragen sei; es seien fünf arme blinde Musikanten auf einem Boot ertrunken, als sie aus dem jenseitigen Dorf zurückkehrten. Die Messe für die Seelen der Ertrunkenen beginne in zwei Tagen. Wang gab einen falschen Namen und falsche Wohnung an, bat, seinen Namen schon jetzt in die Geberliste einzutragen, die an der Tempelwand angeschlagen war.

In der Dunkelheit brach er dann ohne Mühe in den Raum ein, erbeutete über siebenhundert Käsch.

Er lebte zufrieden über eine Woche in der Herberge, als ein Zufall ihm den Bonzen auf der sehr belebten Weißegräberstraße in den Weg führte. Es war schon zu spät sich zu verstecken, als er das hellgraue Priesterkleid sah. Zu seinem Erstaunen ging aber der Mann grinsend unter Winken an ihm vorüber.

In derselben Nacht brach er bei dem Bonzen ein. Der Geldkasten war verschlossen, aber leer. Wang tastete sich im Dunkeln an den Opfertisch; auch unter der Opferasche lag kein Geld. Erst als er das weiche Tuch des Achtgenientisches verzog, klirrte etwas: unter dem Tuch ausgebreitet lagen einige Handvoll Kupferpfennige.

Er arbeitete in den nächsten Tagen, als das Geld vertan war, bald hier, bald da als Kohlenträger, Läufer in einem Jamen; aber der niedrige Lohn reizte ihn zur Wut, auch vertrug er sich nirgends. Sein prahlerisches Wesen, seine Hitzigkeit zusammen mit seiner Riesenstärke rissen ihn überall zu Gewalttaten hin.

So brach er nach zwei Wochen wieder in den Tempel des Musikantengottes ein. Vorher sann er nach, wo der Bonze seine Tageseinnahme versteckt hielte. Daß er sie nicht in seinem Bette und Schlafraum hatte, war Wang klar; der Bonze wußte zweifellos, daß Wang es war, der ihn bestahl, und in seinem Schlafzimmer fürchtete er sicher für sein Leben. Fast eine Stunde suchte er vergeblich in dem Raum herum, beklopfte Wände und Boden. Schließlich stellte er den Schemel des Bonzen auf den Altaropfertisch, betastete die Statue des schweigenden Hang-tsiang-tses. Am Halse des Gottes klang es hohl; er klomm hoch und auf dem Schenkel des Musikfürsten stehend öffnete er das leicht zugängliche Kästchen; drei Hände voll Käsch glitten in den Beutel an seinem Gürtel.

Als er sich herunterlassen wollte wieder auf den Schemel, bemerkte er, daß jemand an seinem Zopf zog, nein, daß sein schön gebundener Zopf an der Decke und Rückwand des Zimmers festsaß. Er tapste mit der freien linken Hand nach oben und hinten; eine dicke teerartige Masse klebte da; mit Mühe bekam er seine Hand frei; er fürchtete mitsamt der schweren Bildsäule vornüber zu kippen. Schmerzvoll und unter Verlust vieler Haare rupfte er seinen Zopf aus der klebrigen Galerte. Leise kläffend über den Bonzen schlich er auf die Straße. Der Stoff klebte harzig an seiner schön rasierten Kopfhaut; wohin er mit seiner linken Hand griff, blieb er hängen.

Seine Freunde in der Einhornstraße schabten ihn am Morgen unter großen Qualen sauber, mit scharfen Holzstäbchen; seine Haut blutete. Sie lachten nicht über ihn, sie fürchteten und liebten ihn, sie bewunderten seine Kühnheit. Auch teilte er den Gewinn mit ihnen.

Nach dieser Nacht hatte Wang-lun, der geschundene Dieb, nur einen Wunsch: sich an dem Bonzen zu rächen. Der Mann schien seine Wohnung zu kennen; wenige Tage nach dem Ereignis traf er den grauen Mantel langsam in der Einhornstraße spazieren. Das faltige Gesicht lächelte nur wenig, als Wang sich über die Balustrade der Teeterrasse herunterbeugte; es verzog sich zu einem schmerzlichen Bedauern vor dem bewickelten Schädel Wangs. Oft sah sich der Bonze um nach dem armen Dieb, der hinter ihm Grimassen schnitt.

Nun gab Wang seinen beiden Freunden nichts von der letzten Beute; er legte fast alles seinem Wirt hin, damit er selbst ungestört seine Pläne ausführen könnte. Es lief auf einen Wettstreit zwischen ihm und dem Bonzen hinaus.