In dem alten Schloß blieb es stille, bis zu dem Morgen, an dem der Graf trotz des Verbots der Königin in ihr Zimmer drang; er weinte vor ihr am Boden liegend, sie schlug ihn mit der Gerte ins Gesicht. Mit Aufglühen und Erbleichen, knirschenden Zähnen und Zittern hörte sie ihn an in ihrem Lehnstuhle, als er sie bei aller verflossenen Süße und Zärtlichkeit beschwor; er taumelte mit einer blutigen Strieme im Gesicht aus dem Zimmer; reiste am Mittag ab. Schon über eine Woche sah man den Graf nicht; da meldete der Hofmarschall der Königin sein Verschwinden; sie lachte höhnisch; die Dienstboten müßte man noch öfter wechseln. Ob er noch lebe; als der Marschall bejahte, brach sie in ein ganz wildes Gelächter aus: »Sie sehen, Marschall, wie richtig Schiller singt: Oh Königin, das Leben ist doch schön.«
Das schmächtige schwarze Hoffräulein verließ ihr Zimmer nicht mehr. Der gelbe Hofarzt behandelte sie wegen einer plötzlichen Geistesverwirrtheit und ließ sie bewachen. Sie hatte einen Brand auf ihrem Zimmer verursacht, als sie in einer Nacht ihre gesamten schwarzen Kleider mitten auf dem Boden aufhäufte und mit Briefen anzündete. Der Qualm war bis in die Gemächer der Königin gedrungen. Nach einigen Wochen wurde sie klarer, war zum Skelett abgemagert, trug der Königin einen Wunsch auf Heimatsurlaub vor. Zwei Tage später fand man sie ertränkt in dem Teiche ihres väterlichen Gutes.
Aber die wilde Königin und der dicke Prinz gingen stundenlang in dem weiten Park hinter dem Schloß spazieren; der Diener, der ihnen folgte, berichtete nur, daß sie selten miteinander Worte wechselten. Sie nahm jeden Ruf und jede Hoffnung von seinen müden Augen, seinen Mienen ab, sie prägte sich selbst ihm ein mit unverwandten Blicken, senkte ihn vor sich hin zu demütiger Zärtlichkeit. Kein Gebüsch war so still, daß die Wandelnden das Rauschen nicht störte, wenn sie zueinander hinüberlauschten. Als sie eines Abends vom Garten hinauf in das Musikzimmer gingen, schleppte ein langes Geraune über die Korridore vor ihnen her. Wie in Decken gehüllt glitten sie über die Gänge. Vor einem kleinen Kreis drin öffneten sich die Flügeltüren, und herein traten über das spiegelnde Parkett Königin und Prinzgemahl, ohne Masken, wie Gespenster, ähnelnd den entschwundenen beiden, Grafen und Komteß. Aus den Augen der strengen Königin leuchtete die schwarze Wildheit der Toten, über der schwermütigen Ruhe des Prinzen lag ein gebeugtes Leiden. Der glattrasierte Hofprediger seufzte: die beiden trügen offenbar schwer an ihrer Vergangenheit; spitz formte der mongolische Mischling, der Hofarzt, den Mund, legte das Kinn auf das weiße Vorhemd, indem er die beiden fixierte; ihn chokiere weniger die merkwürdige Art, wie das Vergangene an ihnen arbeite, als wie sie die Gegenwart, die augenblickliche Gegenwart vergäßen. Dies chokiere ihn ernstlich des Lebens dieser beiden willen.
Die beiden hatten unablässig nebeneinander zu sitzen, unablässig miteinander zu flüstern. Die Königin zog sich von den notwendigen Regierungsgeschäften zurück; sie übertrug wichtige Funktionen den alten Männern ihres Staatsrates; sie sagte die öffentlichen Empfänge ab, sie erschien nicht bei den Hoftafeln. Eines Morgens stürzte sie in schneeigem Kleid den engen Gang zu seinem Zimmer hin; die schwarze Glut in ihren Augen war verblichen, sie riß mit fahrigen Händen die Türen seines Kostümschrankes auf, wühlte, wühlte am Boden liegend, während er sie tröstete, in den Sachen. Mörderische Griffe ihrer Finger zerfetzten die blonde Perücke, zerknäulten, zerlumpten das fliederduftige Wams. Auf ihrem linken Oberarm hatte sie eine alte tiefe Bißwunde. Sie stand auf, nahm einen blanken Perserdolch von seinem Tisch, schnitt die Narbe aus ihrem Fleisch heraus, stieß das Leinen zurück, mit dem er das spritzende Blut stillen wollte. Sie warf sich in Krämpfen auf den Boden hin, schlug mit den Fäusten gegen ihren Mund, gegen ihre Brust, bettelte: »Du mußt hingehen; du mußt das Kind umbringen. Es ist nicht meines, es ist eine lebendige Lüge. Wenn du es gut mit mir meinst, mußt du das Kind umbringen. Ich kann es nicht.« Dann fuhren sie verzweifelt auf, suchten in den Mienen, tasteten die Gesichter ab. Sein Kopf hing über ihre Schulter, sie weinte ein trostloses: »Du, du.«
In langen Tagen flossen ihre Tränen ab. Als sie wieder den weiten Park hinter dem Schloß gingen, war unvermerkt der bunte Herbst gekommen. Über die Gesichter dieser beiden, der wilden Königin und des schwermütigen Prinzen, hatte sich ein dichter Schleier gelegt. Eine tiefe unnahbare Ruhe schritt wie ein gepanzerter Wächter um sie herum. Sie zogen auf die Jagd, sie schossen die klagenden Rebhühner auf den struppigen Feldern; in Lachen und Glut ritten sie nebeneinander zurück. Aber wer sie im Dunkeln heimreiten sah, erkannte, daß die gleiche Verschlossenheit über ihren Gesichtern hing, wie das glitzernde, spinnwebdünne Gewand, das über die Meerfrauen fließt und mit Anbruch der Nacht phosphoresziert. Zum Erstaunen des Hofes trennten sich die beiden eines Tages. Der Prinzgemahl verschwand, ohne daß jemand wußte wohin. Als er nach drei Tagen zurückkehrte, erklärte er gelassen, daß er eine geheime Sendung der Königin ausgeführt hatte; in den internen Kreisen war man über die Maßen bestürzt und beunruhigt. Ein Gerede erhob sich im Lande.
Bis eines Tages beide völlig des Landes verschwunden waren. Indessen in der Hauptstadt das Militär in den Kasernen blieb, die Polizei fieberhaft arbeitete, der Ministerrat zusammentrat, stieß von der Küste ein Dampfer ab, der seit einer Woche dort geankert hatte. Nur eine kleine Mannschaft grüßte ehrfurchtsvoll die fremde Königin und den Prinzen, die in weiße Mäntel gehüllt, sich auf dem Deck ergingen. Das Schiff fuhr über den Ozean fünf Tage; dann ankerte es vor einer kleinen Insel; ein Boot setzte die fremde Königin und den Prinzen an Land.
Es war eine Insel, an dessen Strand nur arme Fischer wohnten; meilenweit entfernt an der anderen Küste lag ein kleines Dorf. Was sich damals zwischen der jungen Königin und dem schwermütigen Prinzen begab, bei den Fischersleuten auf der kleinen Insel im blauen Ozean, ist schwer mit Worten zu erzählen; daß sie am Fuß der weißen Kalkfelsen saßen, oder weiter zurück unter den hohen Palmbäumen, daß sie sich kaum minutenlang aus den Augen verloren; daß die Königin, blasser und blasser, nur selten schluchzend den Kopf auf ihre Brust fallen ließ, und der Prinz die Hand vor seine Stirn hielt. Die Blicke der Frau wanderten hin und her zwischen dem Meer und seinem Angesicht; wenn er das blaue Wasser nicht sah, wußte er nicht, ob er in ihre Augen oder in sich schaute. So fest sie sich umschlangen, so tief sie sich küßten, die Schwermut der beiden, ihre Angst zueinander, kannte kein Ende.
Die Abendröte lohte über dem glatten Meer. Sie saßen tagelang in ihren weißen Mänteln unter den Felsen. Nur die Hände streichelten sie sich manchmal. Ihre Blicke hingen an dem glitzernden grenzenlosen Wasser. Ihre stillen Gesichter hellten sich auf. Eine unermeßliche Ruhe atmete das Meer, die dehnte sich über die Ufer, nahm den Strand, die Kiesel, Muscheln, Felsen in sich hinein, rührte an die Stirne der beiden.
Bis morgens die gelbe Sonne über den kleinen Strand schien. Da raschelten die Kiesel, klangen die feinen Steinchen. Über den Sand schleppte der Purpurmantel der wilden Königin. Die ging einsam, in voller Pracht, langsam nach dem blauen Meere zu. Auf dem blonden Haar trug sie die goldene Krone. Von den strengen Schultern fiel der Purpurmantel mit breitem Brokat. Ihr schmales Gesicht war glatt und süß. So ging die junge Königin allein über den dünnen Sand in der flimmernden Luft nach dem blauen Meere zu. Zwei graue Seemöven watschelten im Sand hinter ihr; sie folgten der Königin auf Schritt und Tritt.
Von einer weißen Klippe stieg der schwermutige Prinz herab, mit bloßem Haupt, in einem blauen Samtmantel; seine schwarzen Kniehosen waren aus blankem Atlas, silberweiß waren die Schnallen seiner Schuhe. Er trug einen runden hohen Stab in der rechten Hand.