Sie quälten ihn, zu sagen, was er gefragt hatte. Er fuhr sich über den kahlen Schädel, brummte; er konnte sich nicht besinnen. Das Gelächter nahm kein Ende.

Er sagte gleichmütig, indem er sich aus einem Kruge vom schwersten Griechenwein einschänkte, in einer Stunde wolle er hingehen, das Fatum habe gesprochen; er könne es nur entgegennehmen; sie sollten lieber einen Zeugen auswählen; lachte zufrieden, als Nick sich selbst vorschlug und gewählt wurde, und als die jungen Leute wilde Allotria zu treiben anfingen. Sie vermummten sich in Frauenkleidung, erschienen vor ihm als Damen des Hauses Nummer sechs, schnitten, als sie den schamhaften Schleier hoben, die entsetzlichsten Grimassen, brüllten lockend und pathetisch: »Kismet, Kismet!« Die Kasinoburschen legten ihm und Nick kurz vor elf die Mäntel um, schnallten ihnen Degen und Revolver um, gaben ihnen den Fez in die Hand. Durch das Spalier der Zurückbleibenden, die beschlossen hatten, bis zur Rückkehr der beiden zu warten, gingen sie aus der Tür hinaus; Irfen voran, völlig kalten Blicks, als verließe er wie sonst das Kasino; hinter ihm prahlerisch, etwas betrunken und hoch vergnügt Nick.

Sie taten die ersten Schritte in die frische Nachtluft hinein. Nick schwatzte stolpernd über das Pflaster; Irfen gab keine Antwort. Dann sprach auch Nick kein Wort mehr. Als er an der ersten Straßenecke Irfen mit einer Handbewegung über die Richtung orientieren wollte, bemerkte er, daß Irfen den Kopf auf die Brust hatte sinken lassen, so daß sein Fez fast herunterfiel und der Büschel vornüberhing. An einer Straßenlaterne kam es ihm vor, als ob der Oberleutnant mit festgeschlossenen Augen ging, und als ob eine tiefe Spannung seine Mundwinkel herunterzog und wieder die unbeirrbare Sicherheit auf seinem Gesicht erschien.

Den schon bestürzten jungen Mann befiel eine Angst, die seine Glieder lähmte. Als er noch einmal scharf den steinernen Ernst und die Verbissenheit fixierte, die neben ihm schritt, fuhren seine Hände entsetzt zusammen: »er versündigt sich« schoß ihm durch den Kopf; es überkam ihn die Lust, stehen zu bleiben, wegzulaufen, jemandem mitzuteilen, was hier vorging. Aber er konnte nicht anhalten. Es war ja auch lächerlich. Irfen ging mit ziehendem Schritt vor ihm und ließ ihn nicht los. Er ging in unglaublichem Gleichmaß dicht an den Häusern, mit kleinen, schleifenden Schritten. Sie bogen aus der weiten Hauptstraße in die lange schmale Perastraße. Da brannte nicht eine Laterne. Vor einem alten einstöckigen Häuschen blieb der Oberleutnant stehen, ohne den Kopf zu heben. Er hatte nicht aufgesehen, um das Haus zu finden. Sie standen fast eine halbe Minute lautlos vor der kleinen Tür. Es war Nummer sechs; es war in der Tat Nummer sechs. Dann legte Irfen die rechte Hand vor die Stirn und sagte, ohne sich zu wenden: »Nick, ich will Dich bitten. Laß uns einen Augenblick an Allah denken; dann müssen wir Allah eine Zeitlang vergessen.« Schon hatte er den metallenen Türklopfer gehoben und ihn gegen das Holz fallen lassen. Er stand wieder gesenkten Hauptes da; wartete.

Nick trat neben ihn. Drinnen polterte jemand eine Treppe herunter bis dicht an die Haustür, schloß, riß an der Klinke; mit einem Krach und lautem Knarren öffnete sich die Tür. Es war mit bloßem Kopf, in Hemdsärmeln, ein Bedienter, ein graubärtiger Kroate, der mit einer riesigen Handlaterne die Uniformen ableuchtete und höflich fragte, was die Herren wünschten.

»Nichts,« antwortete Irfen, »laß uns die Treppe hinauf,« und suchte den Kroaten beiseite zu schieben. Der Verblüffte stellte sich breitbeinig eine Stufe höher, setzte seine Laterne neben sich nieder, sah noch einmal Nick an und wiederholte seine Frage. Von oben tönte inzwischen eine dünne scheltende Männerstimme; im Schlafrock hinkte ein gebücktes kahlköpfiges greisenhaftes Herrchen über die Stufen, zog beim Anblick der beiden Offiziere die Quasten zusammen und fragte sehr ernst, aber noch unwirsch, wen sie zu sprechen wünschten oder wer sie jetzt schicke. »Ich bin von niemandem geschickt,« fuhr ihn Irfen an, »ich muß hier im Haus etwas sehen.« Das kleine Herrchen richtete sich steif auf, sah forschend in das unbewegliche Gesicht des hageren Offiziers, sagte ganz unsicher, betreten: »Meine Herren, Sie irren vielleicht in der Straße, in der Hausnummer. Ich weiß nicht. Oben schlafen nur noch meine Damen; es wohnt hier niemand sonst; ich kann jetzt niemanden einlassen.« »Der Schlaf Ihrer Damen ist gewiß sehr wichtig; aber ich habe eine unaufschiebbare Mission.« Der Kroat und sein Herr wechselten rasche Blicke. »Sie meinen wirklich Nummer sechs, Perastraße Nummer sechs, meine Herren? Es muß doch aber ein Irrtum, eine Verwechslung vorliegen.« »Lassen Sie mich die Treppen hinauf, mein Herr,« drängte Irfen, »kümmern Sie sich nicht um meine Sachen. Ist oben nichts, dann hab ich Unrecht. Reden Sie nicht; lassen Sie mich hinauf!« »Ich kann Sie nicht ins Schlafzimmer meiner Damen lassen. Ich bitte Sie endlich von meiner Tür zu gehen.« »Ich rühre Ihnen keine mit einer Fingerspitze an.«

»Ich bitte Sie hier fortzugehen. Ich rufe Leute, mein Herr.« »Und wenn Sie die ganze Garnison alarmieren, komme ich hinauf. Nick, steh her; Du wirst mir jetzt helfen.« Er tastete an dem Herrn vorbei nach dem Treppengeländer; der fuhr heraus: »Nehmen Sie gütigst die Hand vom Geländer und rühren Sie mich nicht an.« Der Kroat setzte die Laterne höher hinter sich, stellte sich dicht vor Irfen hin, legte eisern seine Hand auf dessen Arm. »Nick, tu mir den Gefallen gegen diese Menschen. Wenn ich Unrecht habe, habe ich Unrecht. Aber du sollst selbst sehen.« — Man hörte eilige Schritte oben, ein Rauschen von Kleidern; eine angstvolle Frauenstimme rief: »Laß ihn doch herauf; um Gottes Willen, Kari.« Aber der wutzitternde Kroat hatte mit einem plötzlichen Schlag vor die Brust Irfen zurückgeschleudert und die Tür zugeworfen. Erst schlug Irfen, sich gegen die Tür stemmend, mit beiden Armen gegen die schwache Tür, dann trat er die Füllung mit zwei Fußstößen ein, daß die Trümmer und Splitter auf die schreienden Leute drin schlugen. In diesem Augenblick hob Herr Kastelli den Arm über den Kopf und bückte sich; der scharfe Degen des Oberleutnants zischte über ihn durch die Öffnung; aber gleichzeitig krachte die Treppe hinunter aus dem Revolver des Kroaten ein Schuß, und rasch hintereinander zwei weitere Schüsse. Der lange Irfen draußen richtete sich hoch auf und warf die Arme in die Luft, stürzte rücklings auf das Trottoir, kroch wieder auf, lief, während der Fez liegen blieb, schräg vorwärts auf die andere Seite der dunklen Straße, drückte sich noch einen Augenblick an die Mauer an und fiel nach vorne dumpf schallend aufs Gesicht. Nick, am Arm getroffen, kniete schon neben ihm, suchte ihn umzudrehen. Als er Irfens Kopf wandte, sah er einen kleinen Stirnschuß und sah das unveränderte Gesicht eines grauen Menschen, der das linke Auge zugekniffen, den linken Mundwinkel herabgezogen hatte, als legte er sich eben über einen verwüsteten Tisch und sagte, den Arm wiegend mit unbeirrbarer Sicherheit: »Kismet.«

Der Herr Kastelli und seine Damen folgten bei der Beerdigung. Es waren drei ältere Damen, Verwandte des Hausherrn, und ein Herr, die für wenige Tage bei ihm auf der Durchreise wohnten. Im Kasino sagte man bei gelegentlichen Besprechungen des Falles, daß der Verlauf der Sache im Grunde vorauszusehen war.

[Die Ermordung einer Butterblume]

Der schwarzgekleidete Herr hatte erst seine Schritte gezählt, eins, zwei, drei, bis hundert und rückwärts, als er den breiten Fichtenweg nach St. Ottilien hinanstieg, und sich bei jeder Bewegung mit den Hüften stark nach rechts und links gewiegt, so daß er manchmal taumelte; dann vergaß er es.