Dunkler färbte sich später meine Neigung zu den Frauen. Es gibt nichts, das so bemitleidenswert wäre, als eine Frau. Einmal sah ich, wie eine Hündin, die langsam vor mir herlief, ihr Blut verlor, das bald tropfenweise, bald dickfließend auf dem Straßenpflaster liegen blieb, wo die Hündin gelaufen war. Die lange, unabsehbare Blutspur rührte, erschütterte mein Herz. Mir traten die Tränen in die Augen, wenn ich Frauen ins Gesicht sah. Kaum daß die jungen unbewußten Geschöpfe anfangen zu erstarken, überfällt sie ihr Ungemach, unablässig wiederholt, und sie triefen vor Blut. Und ihr Blut strömt, bis sie verwelken. Die Kindsnöte treten an sie heran, zerbrechen ihren Leib und machen sie lahm vor der Zeit.
Gibt es nun ein Geschöpf, das elender wäre als eine Mutter? Ich kann mir keinen Menschen denken, der so tief verwundbar wäre, wie eine Mutter in ihrem Kinde. So preisgegeben und arm ist kein Wesen als eine Mutter.
Sollen nicht meine Worte weich im Munde werden, wenn ich zu Frauen spreche? Aber ich hab solche Worte nie gesprochen; ein Dichter und Menschenkenner würde vielleicht fragen warum. Vielleicht bin ich zu träge von Natur.
Oft begegneten mir doch Frauen, die mir auffielen, als ich auf der Suche nach der Liebe war, denen ich glaubte, etwas sagen zu müssen; aber ich rührte keinen Finger um sie. Ich sah ihnen verstohlen zu, beobachtete ihre Bewegungen, ihre Art zu sprechen, zu lachen und zu blicken, und etwas wie Bängnis drückte mir die Brust zusammen, drehte meine Augen von ihnen ab zur Seite. Mit keinem Laut verriet ich mich ihnen, ja den leisen verträumten Gedanken an sie verbot ich mir. Mir müssen, glaub ich, die Dinge zufallen, die ich begehre, und auch dann würde ich mich scheuen sie aufzuheben. Schamlos ist nicht nur das Entblößen des Leibes; jedes Wort, jede Bewegung verrät uns. Und so drückt uns die Scham in den Erdboden hinein; keine Rettung gibt es vor der Scham als den Tod. Und dennoch entblödete sich meine Trägheit nicht, zu leben und weiterzuatmen wie ein Tier.
Oft lief ich unruhig vor jenen Frauen fort, weit in das Gebirge hinauf. Da war Nebel, der mich auf Schritt und Tritt wie eine Kammer einschloß. Bei jedem Windstoß sprang die Tür auf, und ich erquickte mich an den Schluchten, dem Steigen und Fallen der weißen Luft. Oft schritt eine geballte Säule aufrecht mitten durch das Tal und legte sich dann am Abhang hin wie ein langhaariger Windhund mir zu Füßen.
Ich weinte auf meine Weise, ohne Tränen, darüber, daß ich die Liebe nicht finden konnte.
*
Nachdem ich also mit leeren Händen von meinen Wegen zurückgekehrt war, packte mich der Überdruß wilder, und ich zog auf die Frauen los, entschlossen zu lieben.
Ich war umsonst die Menschen um Rat angegangen, hatte vergeblich nach den Merkmalen der Liebe geforscht und mir die Augen krank gesehen; ich drang jetzt zu den Quellen vor; ich bot mich selbst zum Versuch an.
An welches Mädchen ich mich aber wenden sollte, wußte ich zuerst nicht und fragte meine Freunde. Sie sagten, daß dies nach alter Erfahrung im Grunde gleichgültig sei und erzählten mir von einem Mädchen, das viel liebte, viel geliebt wurde und sehr heroisch sein sollte.