Heran Pfälzer Most. Die feuerspeiende Büchse, treffliches Symbol für ein Weingefäß: da läßt sich leicht der Malefizer finden, der hier ersterben will. Und soll es der Erwählte Römische Kaiser sein, es muß geschossen sein, in der Minute, im Nu, aus der großen Büchse, die der Obermundschenk sich auf die Schulter lädt; der Kaiser richtet zielt und schießt, jach in den Schlund des tobenden Narren, des hingewälzten lachenden Kobolds in der braunen Schellenkapuze, während der Herr sich die weißen Spitzenärmel schüttelt, in den Stuhl sinkt, nach der Serviette ruft und vor Inbrunst vergeht: „Noch einmal!“

Trompeter schmetterten zu sechs vom Chor herunter, aus dem goldenen Käfig des Balkons, der Heerpauker schlug bum. Zwischen der Musik saß der Kaiser hinter dem Wildschweinsbraten in Pfeffer, einen weißen Hut mit der Reiherfeder auf dem leicht glatzigen Kopf, seine Ohren durch das Raspeln seiner Zähne nicht gehindert dem Schmettern zu folgen. Sansini, Zinkenmusikus, übte sein hohes Werk; verborgene Diskantisten und Kastraten pfiffen rollten wirbelten; sie umspielten die wenig sich drehende Ruhe des Basses, den eine weiche Stimme ansprach, beschwor.

Zur Linken des melancholischen Spaniers ein schmales wangenloses Ziegengesicht, über dem stumpfen Lederkoller die krebsrote Atlasschärpe, aus grünen dünnen Ärmeln langspinnig zielend gegen das Millefioriglas, Karl von Liechtenstein, Oberstburggraf, Statthalter in Prag, sprach von Heidelberg und dem geflohenen Winterkönig, daß noch frostiges schwankendes Wetter sei und man jetzt nur schwierige Landstraßen finde, besonders wenn man es eilig habe. Ein Abt biß seinem Kapaun das Bein ab, addierte, während es zerkrachte, das zurückgebliebene Kurpfälzische Silbergeschirr, das ihm in Böhmen von frommen Wallonen überreicht war. Und auch der alte Harrach, knuspernd an Krammetsvögeln, huldvoll über seinem Stuhle schwebend, graziös, kahlköpfig, hielt sich an die Prozesse und Konfiskationen in dem geschlagenen Land, da wären tot der Peter von Schwamberg, Ulrich Wichynski, Albrecht von Smirsitzky, davongelaufen, werden das Wiederkehren vergessen.

Hitzig schmetterten die Trompeten. Einen Augenblick sahen alle Herren auf, die in den spanischen Krausen, die in den gestickten niederländischen Spitzenkragen auf bunten und verbrämten Jacken, die in den ungarisch grün verschnürten Wämsern, in den duftigen französischen Westen und Purpurüberwürfen, Kardinäle, Äbte, Generale und Fürsten, und ihnen schauerte, als wenn es eine Kriegsfanfare wäre. Rasch war Musik und Geist eingelenkt. Wollüstig fühlten alle erwärmten Nerven das Gespensterheer des geschlagenen blondlockigen prächtigen Friedrich durch den Saal ziehen, reiten durch das Klingen, Tosen der Stimmen, Becher, Teller, von dem herabhängenden Teppich des Chors herunter auf die beiden flammenden Kronleuchter zu, brausend gegen den wallenden Vorhang, den die Marschälle und Trabanten durchschritten: prächtig zerhiebene Pfälzerleichen, Rumpf ohne Kopf, Augen ohne Blicke, Karren, Karren voll Leichen, eselgezogen, von Pulverdunst und Gestank eingehüllt, in Kisten wie Baumäste gestaucht, kippend, wippend, hott, hott durch die Luft.

Oh wie schmeckten die gebackenen Muscheln, die Törtchen und Konfitüren Seiner Kaiserlichen Majestät. Schand und Schmach, daß einer Graf, Fürst, Erzherzog, Römischer Kaiser werden kann und der Magen wächst nicht mit; die Gurgel kann nicht mehr schlucken, als sie faßt; der schlaue Abt von Kremsmünster wie der Kaiser, der Fürst von Eggenberg, der Liechtensteiner wie der Kaiser, der Oberstsilberkämmerer, der Oratoriendiener, der Truchseß, Vorschneider, Tapetenverwahrer, Küchentürsteher wie der Kaiser, Marchese Hyacintho di Malespina, Ugolino di Maneggio, Thomas Bucella, Christoph Teuffel, der Organist Placza wie des Heiligen Römischen Reiches alles übersteigende gesalbte Kaiserliche Majestät, in einem Takt raspelnd an einer Waffel.

Oh wie schmeckte dem Kaiser unter seinem weißen Reiherhut der Tokaier aus dem Venezianer Glas. Wie schlug er sich den Schenkel, warf sich tiefer in das Gestühl, vergrub sein im Gelächter entlarvtes Gesicht im Schoß.

Durch die verhängten Bogenfenster summte Abendgeläut, als Ferdinand mit glühenden Wangen vor seinem zurückgeschobenen Stuhl stand auf leicht schwankenden Knien; die herabgesunkenen prallen nassen Hände trocknete ihm rechts und links ein Kämmerer ab. Und mit verschwimmenden Blicken, tief und langsam schnaufend stand er vor der Tafel, den Gästen Trabanten Kammerherrn. Die Stühle rückten, die Servietten fielen auf den Boden, die Edelknaben sprangen mit den silbernen Gießkannen und Waschbecken zurück hinter die Stühle. Die Gäste hatten sich auf die Füße gestellt, bogen die Nacken gerade, klemmten die Lippen ein.

Der Fürst von Carafa wich zuerst auf einen Blick des Oberhofmarschalls gegen die Wand, die Musik brach ab. Vor der kleinen Bronzesäule des drachentötenden Herkules stemmte der Spanier, das böse hitzedurchwühlte Wisent, sich auf, hob die Schultern. Und als wäre die Reihe der Herren am Tisch ein Wurm, dessen Kopf sich zur Wand bog, so rollten sie nacheinander weg vom Tische an die blitzende Brokattapete, und der Wurm schwankte, schlug vorwärts rückwärts.

Untersetzt, dickleibig, auf den kurzen Säulen der steif gewordenen Beine trug sich vom obersten Platz unter dem Baldachin her Kaiser Ferdinand der Andere. Von dem Ufer der dampfenden damastgebetteten Gerüche, von den gelben roten weißen Quellen riß er sich los. Seine blanken Wangen strotzten vor Wohlgefallen, Fuß setzte sich vor Fuß; er zog den weißen Hut vor jedem Herrn, ohne den Kopf nach links zu ihnen zu drehen. Graubärtig folgte auf spitzen Füßen der Kammerherr vom Dienst; vor der blauen Samtjacke, der hohlen Brust ließ er vom Hals herab den goldenen Schlüssel schaukeln, trug Mantel und Gebetbuch hinter der Majestät. Der Leibarzt darauf mit niedergeschlagenen Augen, im schwarzen Tuchrock, Thomas Mingonius, Verwalter kaiserlicher Gebrechen; seine Nase schnüffelte; die Lippchen trieb er zum steifen Rüssel vor. Zwei Kammertürhüter unhörbar.

Und wie an einem Efeuspalier Blatthaufen nach Blatthaufen sich unter dem Windstoß duckt, verneigten sich die Herren. Carafa hatte längst seinen Kopf wieder vor der Brust hängen, als die weinrote Exzellenz Eggenberg den Leib einzog, seufzend sich wieder einrenkte. Verneigt hatte sich vor dem Träger der Krone des deutschen Reiches, dem Herrn zu Ungarn Böhmen Dalmatien Krain Slavonien, unbeschränktem Erzherzog zu Österreich, Herzog zu Burgund Steiermark Kärnten Württemberg, vor dem Szepterschwinger in Ober- und Niederschlesien, Grafen zu Habsburg, Grafen zu Tirol, Grafen zu Görz, verneigt neben dem vielgeliebten Hans Ulrich von Eggenberg, dem freundlichen spitzbärtigen Kavalier, dem alten Schlemmer, das unruhige Pergamentmännlein in violetter Robe, trüben Auges, Herr Anton Wolfrath, Mönch Abt Bischof Fürst Nichts. Verneigt edlen Gesichts, zypressenschön, mit Perlenringen in den Ohren, die Strenge der Blicke aufgelockert vom Weindunst, der Sohn des italienischen Spezereihändlers Verda, residierend auf dem Neuen Markt, Johann Baptist von Werdenberg, Graf und Hofkanzler. Der schwarze dichthaarige Böhme Questenberg, Graf Gerhard, nicht lange noch Registrator, gewaltig unter seinem Schnurrbart blasend, der sich sträubte und aufstellte, glotzäugig, Bärenbeißer mit Wulstlippen. Verneigt Zdenka von Lobkowitz. Verneigt im Schmuck des Goldenen Vließ der sehr bleiche Geheimrat Meggau.