„Mein Schwager erhält die Kur,“ wiederholte er fest den beiden auf der Schwelle. Die Ruder schlugen, Kastanien prasselten am Ufer von den Bäumen, barsten.
Was erwartet wurde, trat ein. Nach der Ankunft des Kaisers sammelten sich nach und, nach Kurfürsten und Fürsten in Regensburg; als aber der Kaiser zum Anfang des neuen Jahres den Konvent im Rathaussaal eröffnete, um die Proposition dem Reichserzkanzler, dem Kurfürsten Erzbischof Johann Schweikard von Mainz, dem würdigsten ernstesten ältesten der Herren zu übergeben, fehlten Kursachsen und Kurbrandenburg. Gesandte von ihnen waren da. Ihre Tätigkeit: zu hören berichten keine Instruktion haben protestieren hinhalten. Die Anwesenden ließen sich nicht düpieren, Ratsgang auf Ratsgang fand statt ohne die evangelischen Herren. Tollköpfe Jesuiten und Kapuziner wollten rasch ohne sie zum Entscheid kommen. Pommern, das erwartet wurde, kam nicht, Braunschweig entschuldigte sich; nur viel umworben sah man den ehrgeizigen, sich anschmeichelnden Landgraf Ludwig von Hessen-Darmstadt in den Fürstenquartieren herumreiten als einzigen Protestanten.
Während die kaiserlichen Räte nervös wurden im Warten und Hoffen auf Kursachsen und Brandenburg, während sich der ehrlich über den Zwiespalt betrübte Mainzer abmühte in Vermittlungsversuchen, saß in seinem gediegenen Quartier an der Grube der junge überstolze Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Neuburg. Sein Vater, erkrankt, war ganz faselig geworden; notgedrungen wurde der Sohn ins Vertrauen gezogen; er ging wild wie ein Stier auf die Sache los, staunend und grollend, in welchen Geheimnissen er blind lebte, zornig entschlossen, es mit aller Welt zu verderben, um die sonnenklaren Ansprüche Neuburgs durchzusetzen. Sein Vater überflutete ihn von Neuburg mit Ratschlägen und Vermahnungen; es konnte geschehen, der Sohn fürchtete, daß der Alte selbst anfuhr. Jenes stolze Gebaren der Neuburgischen Doktoren gegen Leuker in Wien war nur ein Abglanz der Haltung Wolfgang Wilhelms; hochfahrend gebieterisch trat er in Regensburg gegen kaiserliche Räte Kurfürsten und Fürsten auf; man sah ihn mit den prächtigsten Gäulen und Kutschen in dem schneebeladenen Tummelgarten bei den Barfüßern; seinen Aufwand trug er in drohender Weise zur Schau. Die Gemahlin, eine Schwester des bayrischen Max, hatte er wider ihren Willen nach Regensburg geschleppt, sie fürchtete ihren Bruder; Wolfgang Wilhelm setzte ihr mit schmähenden Äußerungen zu, daß sie geboren sei zum Aschenputtel, zur Winkelsteherin; hätte nicht an ihren Bruder zu denken, sondern an ihn und an ihren Bruder mit Bitternis, denn er wolle ihm das Recht streitig machen, ihm, ihr, ihren unmündigen Kindern. Da saß die unschöne kränkliche Frau in italienische Kostbarkeiten gehüllt in dem heißen Empfangssaal an der Grube. Vor die Angesichter aller Kurfürsten wurde sie geschleppt, bald sollte sie zur Audienz erscheinen bei den kaiserlichen Majestäten, bald sollte Maximilian aus München in Regensburg landen.
Der kaum dreißigjährige Pfalzgraf, braunlockig, in französische Schillerseide gekleidet, hatte schmutziggraue Farben an den Backen bekommen, seitdem ihn der Kurfürstenteufel ritt; sein Blick, ehemals flüchtig, jetzt steif und abwesend; die Haltung ohne Zusammenhang, bald versunken, bald kalt abweisend und herrscherisch. Der Alte hatte noch von der Universität Löwen ein ausführliches Gutachten anfertigen lassen zur Begründung seiner Rechtsansprüche; das Gutachten verbreitete der Sohn in Abschriften; vergnügt las der spanische wie französische Botschafter, Mainzer Kölner Trierer Räte, sächsische Abgeordnete, die Vertreter Maximilians von Bayern, wie gut fundiert die Neuburger Ansprüche waren. Die goldene Bulle war zitiert, Titula sieben, Paragraph fünf, worin stand, daß beim Erlöschen einer Kurlinie über die Neubelehnung der Kaiser unter Hinzuziehung der Kurfürsten zu entscheiden habe. Die nahe Verwandtschaft, ehemalige Mitbelehnung, war angerufen und daß keiner aus der Linie Neuburg die geringste Schuld an dem böhmischen Kriege habe.
Erschreckend wirkte es auf alle, die dem Schauspiel beiwohnten, daß plötzlich ein regelrechter Buckelhans auf der Bildfläche erschien, im Quartier des Mainzer Kanzlers anrückte, sich offenbarend als Friedrich von Zweibrücken-Birkenfeld und, da er stumm war, durch seine dämonisch erregte Frau und einen imperatorischen Kammerdiener bekundend: er und kein anderer sei nächst berechtigt bei einer Neubelehnung. Man hatte Mühe, mit diesem Prätendenten fertig zu werden, vor allem, da er ersichtlich von Geist schwach, vielleicht völlig blöde war und auch die Möglichkeit bestand, daß er gar nichts wußte von den Dingen, die man mit ihm machte. Aber der gute vielgequälte Schweikard sah schließlich keine Rettung vor den drei Birkenfeldern: die verwandtschaftlich begründeten Ansprüche mußten protokolliert werden, ihren Weg laufen. Es gab eine Szene von großer Peinlichkeit, als Schweikard es dann nicht verhindern konnte, daß bei einem Schauessen im Karthäuser Kloster vor der Stadt der pompöse stocksteife Neuburger mit der Birkenfelder pfalzgräflichen Trias zusammentraf. Aus dem Konventsaal, in dem Truchsesse und Pagen speisten, kamen die drei geirrt in das feierliche Refektorium, in dem feine Geigenmusik erscholl, Kaiser und Fürsten hinter einer langen Tafel saßen, darauf ein zinkerner Berg Parnaß Wasser und Wein verspritzte, ein Pegasus aus Zucker die Flügel schwang. Neben Wolfgang Wilhelm setzte man den tauben blöden Buckelhans ab; rechts und links blieben Sessel frei. Man lächelte drüben, flüsterte sich ins Ohr; dies waren die beiden Prätendenten. Aber manche wandten sich betreten und ergriffen ihrem Mahl zu; Schweikard, weißhaarig, Gesicht einer fetten, alten Frau, mit mächtigem Kehlbraten, zittrigen Lippen, sah schmerzlich vorwurfsvoll zum Obersthofmeister herüber. Verschwunden war die nächsten Tage der Neuburger; man erzählte von Duellen, die zwei seiner Kavaliere mit Franzosen hatten, die in einem Atem Neuburg und Birkenfeld besprachen. Der Leidensweg Wolfgang Wilhelms wäre so lang wie der Fürstentag geworden, hätte Graf Ognate, der spanische Gesandte nicht die beiden Prätendenten zusammengeführt, einen Vertrag zwischen ihnen veranlaßt und den stark geduckten Wolfgang Wilhelm als seinen Kandidaten ausgerufen. Die drei Birkenfelder waren bereit, sich mit Geld abfinden zu lassen, blieben aber böswillig in Regensburg, lauerten; sie saßen dem Neuburger auf den Fersen, zähneknirschend mußte er sich umwenden, lieb Kind mit ihnen spielen; die vulgäre Dienstmagd, Birkenfelds Weib, wagte sich hausfraulich neben die bedrückte Schwester Maximilians.
Die Verhandlungen klärten die Situation vollständig; dem Schwanken und Widerstreben der Kurfürsten stand die unerschütterliche kaiserliche Forderung der Belehnung Bayerns gegenüber. Wie ein Wurm wand sich das Kolleg unter der täglich stärker drückenden kaiserlichen Faust. Tobsüchtig raste Ognate; sein wildestes Argument: man möchte doch den Franzosen, Monsieur de Baugy ansehen, wie er sich freue über Bayerns Aussichten — ob dahinter Gutes stecken könne. Und Baugy erklärte in der Tat höflich und spitz, dem frommen König von Frankreich widerfahre bei Ausführung des heiligen Werkes der Belehnung eine persönliche Freude; dies könne dem Heiligen Reich doch nur angenehm sein, vielleicht nicht dem Spanier. Die sächsischen Vertreter stießen täglich und und unter zunehmendem Tumult Drohungen aus, die Übertragung der Kur sei kein Mittel zum Frieden im Reich; der Kaiser hätte nicht ohne ordentlichen Prozeß Acht zu verhängen. Die Brandenburger standen ihnen bei. Das ganze Kolleg zuletzt, von Kurmainz geführt, erhob sich, schloß sich den Sachsen an: es würden sich bösartige Kriege an diese Tat anreihen, der Kaiser könne nicht dies verantworten. Der Erzbischof Kanzler beschwor persönlich den Kaiser; schwere Stunden durchlebten die Räte, die aufs innigste hofften, Ferdinand werde Gebrauch von der Stimmung des Kollegs machen. Aber Ferdinand blieb unbeweglich; bei vollkommener Liebenswürdigkeit antwortete er, die Sache sei zwischen ihm und Maximilian längst geregelt, die Kur vergeben. Es bedurfte der hingebungsvollen Diplomatie der Räte, die voll Bitterkeit erkannten, daß dem Kaiser keine Wahl geblieben war, und der Konzilianz des Mainzers, um die andern katholischen Stimmen zu besänftigen. Sie erkannten alle den ungeheuren Fortschritt der katholischen Sache. Die katholischen Herren gingen nur widerwillig an die Entscheidung heran und stimmten zu; sie sahen in dem Vorgang einen bedrohlichen kaiserlichen Übergriff, der sich auch einmal gegen sie richten könne. Dazu war das böse sehr törichte Wort aus der Kanzlei der Wiener gekommen: Daß die Aberkennung und Neuübertragung der Kur der kaiserlichen Wahlkapitulation widerspreche, sei sonnenklar; aber keine menschlichen Gesetze seien so ewig und beständig, daß sie alle Fälle der Notwendigkeit ausschlössen. Als Maximilian selbst, blaß erregt in Regensburg eintreffend, sich bei Ferdinand nach den Aussichten erkundigte, bekam er den kalten fast befremdeten Bescheid, die Sache sei doch abgemacht.
Ohne daß außer den anwesenden Kurfürsten irgendwer formell benachrichtigt wäre, erfolgte dann eines Tages, vor einem Auditorium von nur Jesuiten Mönchen Beamten, die Belehnung des Bayern in der Ritterstube des Rathauses zu Regensburg. Knieend empfing der Bayer den Kurhut aus der Hand des Kaisers. Zwei Stunden darauf versah er zum erstenmal das Amt als Truchseß an der Tafel des Kaisers, trug die erste Schüssel auf, wurde zum Mahl geladen. Ein Eilbote lief zugleich nach Rom, um in Maximilians Auftrag dem Papst die freudige Kunde zu bringen; die Kanonen donnerten auf der Engelsburg; zum Tedeum zog der Papst Gregor in die Peterskirche.
Die Regensburger hatten dem kaiserlichen Paar ein besonderes Prachtschiff gebaut. Das Kolleg löste sich auf.
Der Franzose hatte gekämpft, um den Bayern in seinem Spiel zu haben, wenn es gegen Spanien ging oder gegen den Kaiser.
Der Spanier hatte gekämpft, um sich England freundlich zu erhalten, den Verwandten des geächteten Mannes.