Liechtensteins Ansicht, daß das Volk anfange, weich zu werden, schloß sich der kaiserliche Hofrat an, indem er befahl, nunmehr neue besondere Steuern auszuschreiben. Die Räte in Wien waren übler Stimmung über die Unordnung in Böhmen; die Schwierigkeiten waren nicht zu beheben. Auf Gurland, dem Schatzmeister, und dem Abt Anton lag das Entsetzen; die Schuldenlast verminderte sich nicht; dazu hing neuer Krieg in der Luft. Abt Anton wandte sich durch den Gouverneur an die reichen Herren des Landes; die schwiegen, taten, als ob sie ratlos wären. Sie wußten auch, daß neuer Druck gefährlich war, da sie nicht allein in Böhmen hausten; ringsum wohnten Bauern, in deren Schränken sich auffällig viel Morgensterne Schlaghämmer Sensen sammelten. Man fing Boten ab von Bethlen Gabor, dem protestantischen Fürsten von Siebenbürgen, geschickt an die böhmischen Brüder; sie sollten nicht verzagen, nicht verzagen.

Eine Getreidekontribution wurde ausgeschrieben. Michna, der Kammerrat, hob noch einmal die Sense zum Schnitt. Er hatte keine Furcht. Er fragte in Wien an, was man von ihm verlange, wenn er den Wert der ganzen Getreidekontribution erwerbe. Michna, nach Abtragung seiner Schuld an die Judenschaft wieder im Besitz ungeheurer Summen, ein blinder Eber, so stürzte er vorwärts, um die Distanz zu den übrigen auszugleichen. Bassewi Liechtenstein berechneten schon den Ertrag seines Nachlasses, denn er würde von den Bauern erschlagen oder von der Hofkammer entlarvt werden. Aber er war verzaubert, sein Herz verkrampft. In sein kleines ärmliches Haus in der Neustadt war eine geringe Wohlhabenheit gestiegen; er hielt sich einen Reiterjungen für sein Pferd, eine alte Kutsche für seinen schweren Leib. Seinen Eltern schickte er unbedeutende Summen, duldete nicht, daß sie ihn besuchten. Mit Vergnügen ging er in die Paläste seiner Geschäftsfreunde; das schien ihm alles kindisch und verächtlich. Eine schmerzartige Wut befiel ihn nur in dem Schlosse Wallensteins; von hier nahm er einen Stachel mit; dieser Oberst baute aus einem Überfluß heraus, so frech, so aufreizend, daß er vor seiner schönen heimwehkranken Frau schmähte: dieser Oberst sei eine Schande für das Land, es sei schon recht, wenn ihn die Bauern beseitigten; es sei ein Hohn auf alles, was unter Menschen billig sei. Der Anblick des Schlosses Wallensteins, der Grimm über die erlittene Gewalt, war es, der Michna kopfüber auf die Getreidekontribution stürzte. Sie fiel ihm zu um den Preis der Brotlieferung an sämtliche in Böhmen stehenden Truppen. Michna rannte vorwärts. In dem Staub hinter seinen rasenden Füßen ließ er seine Konsorten zurück. Er hatte sich nicht über die Größe der Kontribution und über seinen Gewinn auszuweisen; hatte nur das Brot zu einem niedrigen bestimmten Satz zu liefern. Michna gab sich nicht willenlos in die Hände der Bauern; er besaß Erfahrungen aus dem Silberhandel. So wie er im Beginn seiner Laufbahn über die Schlösser gezogen war, stellte er sich an die Spitze von Söldnertrupps; kalt und hart beaufsichtigte er Äcker und Saaten, ließ Widerwillige Säumige in Eisen legen, von ihren Gütern reißen, bewirtschaftete selbst. Er stieß sie morgens im Dämmer aus den Betten, schloß ihre Vorratskammern auf, prüfte die Güte des Saatkorns. Nie kam ein Tröpfchen Glück in ihn; gepeinigt vergrämt und gehetzt warf er sich, wo er sich fand, in einer Hütte neben Soldaten an den Boden; neidisch dachte er seiner stillen Frau in der Stadt. Ihn trieb nur die Lust, Menschen zu unterwerfen, in großem Besitz zu sein, die betrügerischen Bauern büßen zu lassen.

In diesem Jahre wurden zwei Millionen Gulden aus Böhmen erpreßt. Unruhig bewegte sich das Volk. Fester spannte sich die Hand um die Kehle Böhmens. Damals machten einige Leute den Versuch, sich der Krone entgegenzustellen. Es kamen eine kleine Zahl Landesoffiziere Oberbeamte Landrechtbeisitzer, vom jammernden Volk überlaufen, im Landschaftshaus zu Prag zusammen; im Sitzungssaal warf sich einer von ihnen in die Brust, schwor, sie seien Vertreter der böhmischen Stände; man schriebe Steuern aus, verkündige, ohne sie zu fragen; rechtlich ungültig sei solch Vorgehen. Andere ließen sich hinreißen; die Herren saßen in ihren Ämtern, sie hielten etwas von sich und ihren Ämtern, waren beleidigt. Manche erklärten scheu, man müsse sich des Volks erbarmen, das Land werde gänzlich ausgesogen. Nach zwei Zusammenkünften war man einer Meinung: wenn neue Steuern ausgeschrieben und verkündet würden, seien zuerst sie zu befragen; sie seien nicht gewillt, sich ihr Recht aus Händen winden zu lassen. Sie verfaßten ein Schreiben heimlich vor Liechtenstein und den militärischen Behörden, dahingehend, die neuerliche Publikation einer Weinsteuer und Ochsensteuer sei eine unerhörte Steuerung, sie verstoße gegen ständische Privilegien, sie legen Protest dagegen ein. Die Herren faßten die Sache von der formalen Seite; planten einen Kompetenzstreit auszufechten. Sie unterschrieben im Namen der böhmischen Stände.

Der Abend, an dem der Fürst Liechtenstein die Deputation der fremdblickenden Herren empfing, war der fröhlichste, der ihm in Böhmen beschieden war. Er sagte am Tage darauf zu dem Stadtobersten von Prag: „Die Herren sind nicht so im Unrecht. Man muß sich in ihre Gedanken hinein versetzen. Ich kann nicht umhin, das zu bemerken.“ Wie die Szene verlaufen wäre. „Ich habe ihnen sogleich gesagt, die Sache schiene mir so dringlich und so ernst, daß ich nicht werde umhin können, sie ohne weiteres der Hofkammer weiter zu reichen. Und sie stimmten mir zu.“ „Sie stimmten zu?“ „Sie baten dringend darum und unter energischen Hinweisen. Ich mußte den Sprecher beruhigen, daß dies auch wirklich geschehen sollte.“

Während der Gouverneur und der Oberst auf Schemeln nebeneinander an dem roten Kachelofen saßen, trat der schöne braunlockige Slavata ein, ein noch jugendlicher Mann mit kühner spitzer Nase, böhmischer Kammerrat und weitläufiger Verwandter des von Wallenstein, setzte sich unter dem Fenster auf eine Truhe. Er fragte, seine Handschuhe über das Knie spannend, mit sanfter Stimme, wie die Durchlaucht die Deputation der böhmischen Landesoffiziere gestern empfangen habe: „Wie beliebten Durchlaucht die Herren zu bescheiden?“ „Nicht, zunächst gar nicht. Dann las ich laut den Schluß des Schriftstücks durch, das übrigens gut verfaßt war, — ich glaube Euren Stil erkannt zu haben, Herr Slavata.“ Der bog sitzend den Kopf zurück, verneigte sich mit vieldeutigem Lächeln: „Man wandte sich an mich; ich redigierte ungern.“ Liechtenstein winkte ihm vom Schemel herüber: „Ich danke Euch für die Klarheit der Gesichtspunkte, die Schärfe des Ausdrucks. Besonders die Unterschrift ist von einer Exaktheit, die nichts zu wünschen übrig läßt.“

„Euer Durchlaucht haben mir empfohlen, in meiner Umgebung für Klarheit zu sorgen.“

„Und am Schluß des Schriftstücks, den ich laut vorlas, stand die Jahreszahl.“

„Nun?“ drängte Wallenstein händeklatschend.

„Die Jahreszahl war eine glänzende Pointe von Euch, Herr Slavata. Sie zuckten nicht mit der Wimper. Ich trieb es so weit, Herr Oberst, am Ende dreimal die Jahreszahl zu lesen. Sie standen nur ernst, im Wohlgefühl ihrer Sache da.“

„Ich kann mir gut vorstellen die Herren,“ kehlte der vergnügte Oberst, „sie hatten uns alle in der Tasche, saßen schon hier und beehrten unsern allergnädigsten Herrn mit Berichten über unsre schmähliche Wirtschaft.“