Niederklafternd.
Zusammengezogen lag er, auf die Seite gestoßen.
Verröchelte, die Arme schützend vor der Brust.
Da löste sich das Gespensterheer von dem warmen blutsickernden kleinen Körper. Zappelnde Rümpfe der gemetzelten Türken Franzosen Pfälzer, die jaulenden hängenden zertretenen Hunde, kletternden Pferde, die mit den Hufen sich an ihn hielten. Zwischen ihnen gezogen matt, noch naß, seine eigene erstickte Seele.
Verknäult flogen sie unaufhörlich rufend durch die verschneite Luft, ihrem dunklen Ort zu.
Hinter dem toten Tilly zog der Schwedenkönig, Torstenson auf dem linken Lechufer mit schwerem Geschütz deckend. Er stieß auf Nürnberg. In sein Lager zu Fürth schleppte man täglich sechsunddreißigtausend Pfund Brot und hundert Eimer Bier. Er klatschte sich den Leib vor Freude, als er durch das Laufertor ritt. Die Ratsherren boten ihm eine silberne Erd- und Himmelskugel, zwei Fuder Wein und zwei Fuder Hafer: „Ich hätte mich eher des jüngsten Gerichts versehen, als nach Nürnberg zu kommen.“ Nichts hielt mehr vor ihm. Aus seiner herrlichen Residenz scheuchte er den Bayernfürsten, der hinter sich ließ, woran er sein Leben über gebaut hatte. Der Schwede wußte, daß bei diesem Gedanken an München sich das Herz des Bayern in Todesschmerz zusammenziehen würde. Nach Freising waren ihm entgegengeritten der Münchener Bürgermeister Friedrich von Ligsalz, die Patrizier Barth und Parstorffer, ihm die Schlüssel ihrer Stadt zu bieten. Er hob auf der musikschallenden Landstraße den Degen: den Schlüssel habe er schon; was machten sie für Scherze; er werde sie mit einer halben Million Talern beschweren. Und so ritt er, eskortiert von drei Infanterie- und Kavallerieregimentern, an der Spitze von Dutzenden deutscher Fürsten in die Stadt ein, deren Kirchen er durch seinen Besuch schändete.
Es war warmes sprießendes Frühjahr geworden; die Jesuiten berief der König in den Garten ihrer Kirche zusammen, verächtlich grob sprach er zu ihnen: „Es ist Frühjahr geworden, die Macht der katholischen Kirche neigt ihrem Ende zu. Wie Strohhalme sind ihre Säulen geknickt, der Kaiser und der bayrische Kurfürst. Seid friedlich und besinnt euch. Ihr seht selbst, Gott ist nicht wider mich.“ Erst dachte das schwedische Heer an Plündern und der Kriegsrat kam stundenlang nicht zur Entscheidung; denn von hier war unermeßlicher Haß gegen den evangelischen Glauben in das Reich ausgegangen. Satt erklärte der König, man solle sich mit dem Betrag von dreihunderttausend Gulden begnügen. Einen kleinen Teil der Summe verehrte er den ihn begleitenden Fürsten, besonders dem Pfälzer Friedrich.
Der blonde Friedrich überwand seine Melancholie nicht. Er spazierte in der Stadt des anderen Wittelsbachers herum, dem er sein Unglück verdankte. Nicht einmal nach Prag zu gehen in das ihm entrissene Königreich hatte der Schwede den Pfälzer vermocht. Am Schönen Schrannenplatz residierte Gustaf. In einer verschwiegenen Resignation folgte der noch immer schöne stark gedunsene Mann dem König, folgte ihm wie seinem Schicksal, gesenkten Kopfes und ohne Widerstreben. Die unzerstörte Üppigkeit seiner Frau ging, erschreckend unberührbar, menschenunähnlich neben ihm, riß ihn manchmal zu Orgien mit. Rusdorf, der Kleine, lockte ihn, sich zu freuen. Zu freuen! zu freuen! Wo gab es auf dem Festland soviel Siege wie bei dem Schweden! Gingen sie nicht hinter dem König wie hinter einer Feuersäule.
Sporenklirrend wanderte, die Hände auf dem Rücken, der Pfälzer mit seinem Rat den langen runden Gang in der Neuen Feste entlang, dessen Wände mit den Bildnissen der Wittelsbacher tief behängt waren. Er sah das Gemälde Esthers, die verzweifelt Ahasver um Gnade für ihr Volk bat. Schweigend hörte er den Rat schwatzen. „Ihr habt recht, Rusdorf,“ brachte er heraus, sein schlaffes Gesicht mit den Händen bedeckend, „und ich bin verloren. Ich bin verloren. Ich muß mich gewiß freuen, wie Ihr sagt.“ Später: „Ich tadle Euch gewiß nicht. Ich will Euch in Eurem Eifer nicht lähmen, Rusdorf. Wahrscheinlich werden meine Nachfahren Euch wie einem Held danken. Ich? Wir verkommen alle samt und sonders. Ich wie der Kurfürst von Brandenburg und Sachsen. Wie der Maximilian von Bayern, der meinen Kurhut trägt. Wir werden zu nichts. Die schwedische Zeit bricht an für das Deutsche Reich. Ich — ertrag’ es nicht. Wie ich Euch sagte: ich bin verloren.“ Dann hielt er an einer Fensternische den kleinen Rat fest: „Eins sage ich, Rusdorf,“ dabei blitzten seine blauen großen Augen heiß, „wer mir das widerraten hat, den Kaiser in Regensburg um Verzeihung zu bitten, den Kniefall vor ihm zu tun, der hat nicht gut an mir getan. Wißt Ihr! Ich hätte gebüßt, es wäre mir manches verlorengegangen. Jetzt sitz’ ich in der Falle. Ich bin zum Bettler und zum Fremdenknecht, zu einem Verräter geworden: ja, so steh’ ich vor mir. Glaubt Ihr, ich könnte vor diesen Wittelsbachern meines Hauses gehen, ohne mich zu schämen, bis in meine Nächte?“ Die Beruhigungen des Rates nutzten nichts; Friedrich legte den Arm um die Schultern des kleinen tiefbedrückten Mannes, leise sprechend: „Die Welt ist noch nicht zu Ende. Glaubt Ihr nicht, daß der Schwede noch eines Tages geschlagen wird? Gott läßt die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Ich warte, ich weiß, was ich tue.“ „Was?“ „Der Kaiser ist ein gütiger Herr. Er wird mein Unglück mitfühlen. Meine Reue ist tief. Ich bin jung und kenntnislos gewesen. Er wird mir verzeihen.“ Und er wanderte leise weiter mit Rusdorf. Zwischen den hängenden Bildern der Wittelsbacher auf und ab.
Und Rusdorf erfuhr nicht und konnte nicht verhindern, daß Friedrich im größten Geheim einen eigenhändigen Brief an den flüchtigen Maximilian schickte, in dem er um Verzeihung bat, daß er sich ohne seine Einladung zum Besuch in München aufhielte. Nicht er hasse Maximilian; sie seien Wittelsbacher, von einem Blut; Max möge gewiß sein, daß nichts an seinen Bildern und Gebäuden zerstört würde. Nicht er hätte den Schweden in das Deutsche Reich geführt. Nein, er sei es nicht gewesen. Und fast demütig bat er ihn, bei Kaiserlicher Majestät zu versichern, daß er sich unverändert als des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation treu anhänglicher Sohn fühle.