Seine nahe Umgebung aber fühlte längst, daß er sich veränderte, wilder und brutaler als je, daß er etwas Unklares leidenschaftlich betrieb. Er hatte kein Wort des Interesses oder Trauer über seine Güter verloren. Sie wußten auch, daß etwas Besonderes mit diesem Verlust an den Hans von Arnim war, der diese Güter und Schlösser wie seine eigenen schonte. Die Fremden an Wallensteins Hauptquartier schwankten zwischen Schrecken und Widerwillen; so arbeitete ein Größenwahnsinniger. Daß Wallenstein in den dänischen Feldzug mit zahllosen Karossen und Juchtenwagen gezogen war, war weltbekannt. Jetzt standen die Karossen und der Marstall verwahrlost in Prag, er kümmerte sich nicht um sie und um keinen anderen Prunk.
Die Sturmtruppen waren mit Piken und Bruststücken auszurüsten; in Pardubitz wurden ganze Straßen von Holzschuppen gebaut für die Unzahl der angeforderten Waffen. Es wurde bekannt, daß Wallenstein jede kalkulierte Zahl eines Bedürfnisses mit zwei und drei multiplizierte und dann noch unbefriedigt war und hinzuforderte. Abenteuerliche Mengen Pulver lagerten entlang der böhmischen Grenze; bei Pardubitz waren alle Brotfrüchte Böhmens aufgespeichert, die mit Steuerabschlag verrechnet wurden. Wallenstein hatte erklärt, das Heer auf eine begrenzte Zahl bringen zu wollen; er schien aber keine Grenze zu finden. Oberst auf Oberst wurde ernannt; auf die Frage des erschöpften Hauptquartiers, wieviel Patente annähernd noch ausgegeben würden, bekam man den Bescheid, soviel sich bis März vergeben ließen. Die Träger der Namen Fugger, Kolloredo, Holk, Merode, Chiesa erschienen wieder an einem Hauptquartier des Herzogs zu Friedland, der zuletzt in Memmingen furchtdrohend nach Italien und dem Elsaß residiert hatte und von ihnen gegangen war wie das Licht, das die Erde verläßt. Sie ritten selig zu ihm, der sie zu Merode, Chiesa, Kolloredo gemacht hatte, zu ihrem wahren Vater. Sie standen betroffen in seiner Nähe wie die anderen vor dem Prasseln und geradezu höllischen Verderb und Wachsen. Einige Vertreter der Börsen reisten Hals über Kopf ab, unfähig, diesen Weltuntergang, der sich um den Herzog vollzog, mit anzusehen. Michna konnte sie nicht beruhigen, sie verstanden das Lachen dieses klugen Mannes und gar Bassewis nicht, welche beteuerten, so sei es immer um den Friedländer. Die Obersten schwammen flossenschlagend in ihrem Element, schluckten, atmeten die besondere lichtbrechende Luft, die um den Herzog schwebte, erlebten die blitzartige Versengung und Verkohlung aller Besorgnis, die Verzauberung. Sie zogen nach sich Montard von Noyal, Pychowicz, Korpasz, Wiltberg, Lambry, Gissenberg, Filippi Corrasco.
Im frühen März, als Monate um waren, seit die ligistischen Scharen mit dem toten Tilly anrollten, hielt Friedland, mürrisch gegen den Wind die Augen kneifend, seine schärpenprunkenden Herren ignorierend, mit Ordonnanzen scheltend, bald in der Sänfte, bald zu Fuß, bald auf dem Pferde, Heerschau zu Rackonitz auf dem Hügel ab. Zweihundertvierzehn Reitergeschwader, hundertzwanzig Fußkompagnien, vierundvierzig Feldstücke, zweitausend Wagen mußten vorbei. Er hielt nur einige Stunden aus; nach fünf Tagen war man fertig.
Dann wollte er sich verabschieden. Und als die kaiserlichen Herren, Ognate und Eggenberg, ihm den Brief Ferdinands gaben, er möchte bleiben und den Oberbefehl im Kriege führen, nörgelte er erst, erhob dann das alte heisere Geschrei: ob sie ihm noch nicht genug getan hätten, von Ungarn ab bis Regensburg, ob sie ihn für einen Verurteilten oder Verrückten hielten; er wolle seiner Wege gehen, vor ihnen sicher sein. Er machte, wie er hinkte, am Stock durch das Zimmer in Rackonitz schlich, einen verbrauchten Eindruck.
Die Herren hatten nichts anderes erwartet; sie saßen, warteten. Fürst Eggenberg wußte, daß er als Geschlagener vor dem häßlichen Sieger saß und im Begriff war, die schrecklichen Bedingungen entgegenzunehmen. Es tat ihm wohl, an die früheren guten Zeiten erinnert zu werden; er wurde hart dabei, konnte sich wappnen. Es wurde klar, daß der Herzog vorhatte, an ihnen eine unerhörte Grausamkeit zu verüben; Eggenberg und Ognate wollten sich nicht wehren, der Herzog würde an ihnen erlahmen. Das Keifen zu Ende, fragte Wallenstein, gehässig und listig auf sie blickend, was sie ihm brächten; es klang: wie sie sich denn freikaufen wollten. Dies war der Augenblick, wo sich die beiden zum Abschied erheben konnten, um zu sagen, sie sähen in ihrem Quartier seinen schriftlichen Vorschlägen entgegen; er möge in aller Muße den Kreis seiner Wünsche aufzeichnen.
Sie nahmen dann ohne weiteres an, was Wallenstein in dem überbrachten Schreiben forderte, das Ungeheuerlichste, was ein Mensch von einem Kaiser des Heiligen Reiches verlangen konnte, ohne ihn zu töten: Absolutes Generalat, Bestallung als Generalissimus des Hauses Österreich und Spanien, Konfiskationsrecht im Reich ohne Einspruch des Hofrats, der Hofkammer und des Kammergerichts, Versicherung auf die Erblande als Rekompensation, Lieferung aller begehrten Unkosten; die Erblande stehen ihm zum Rückzug beliebig offen, er muß in die Friedensverhandlungen eingeschlossen werden. Dies unterschrieben schaudernd die beiden Unterhändler, nachdem sie es gelesen hatten, im Namen des Kaisers, von dem sie Blankovollmacht hatten. Waren dabei von einer wütenden Lust erfüllt: sie hatten ihn entlarvt, nun sah man, woran man war. Hier verhandelte kein Feldherr wegen seiner Anstellung, sondern ein Tyrann, der seine Rachsucht befriedigen wollte.
Auf der Rückfahrt erwogen sie: der Schwede wird in seinem Vormarsch aufgehalten werden, Böhmen befreit, Bayern befreit werden; dann kann sich die Liga erholen, ein spanisches Heer kann vom Elsaß erscheinen. „Wenn er sich nicht mit den Widersachern verbindet, mit Schweden und Sachsen“, murmelte der Spanier. „Er wagt nicht,“ dachte Eggenberg nach, „zunächst folgt ihm die Armada dazu nicht. Für den nächsten Augenblick haben wir das nicht zu fürchten.“ „Wer weiß“, murmelte Ognate. „Und dennoch! Und dennoch!“ jubelte Trautmannsdorf, als sie in Wien vor Wallensteins Kapitulation saßen und nichts sprachen. Er streichelte liebevoll tröstend dem alten Fürsten die Hände unter dem Tisch und drückte ihn an sich.
Sofort brach der Herzog die Verhandlungen mit Gustaf und dem Sachsen ab. Ohne Zeitversäumnis alarmierte er seine Armada, bat durch Eilboten Arnim zu sich, den Führer des sächsischen Heeres in Böhmen. Der Herzog war gegen seinen Freund in Znaim kalt und entschlossen: „Arnim, Ihr müßt aus Böhmen heraus mit Euren Sachsen. Ihr werdet das einsehen; es bleibt zu fragen, was soll dann geschehen.“ „Ich werde mich in Sachsen verteidigen.“ Darauf war der Herzog erregt; das sei eine trotzige verkehrte und verbohrte Denkweise. Was wollte er denn in Sachsen verteidigen? Wen? Ob sie Erzlappen seien, daß sie sich die Köpfe zerschmissen für nichts. Auf Arnims Frage, was denn weiter geschehen solle und ob Arnim etwa vor dem Herzog auf schimpfliche Weise samt seiner Armee das Gewehr ins Korn werfen sollte, schnitt Wallenstein die Unterhaltung ab: Arnim möchte sich überlegen, was er, der Herzog, eben gesagt habe; es sei ihm lieb, drüben bei den Widersachern ihn zu haben. Er werde begreifen, daß dieser Krieg nicht so weiter gehen könne, diese Schmach, diese Gaukelei für Affen. Verteidigung in Sachsen! Nach weiteren Schimpfworten auf den Schweden und auf die Wiener Politik verabschiedete der Herzog den andern, der fluchte, sich einen Tölpel nannte, über das Gespräch nicht ins klare kam.
Wallenstein gab ihm einige Wochen Zeit. Dann warf er das Heer, das sich an Ort und Stelle nicht mehr ernähren konnte, nach Böhmen, die Sachsen liefen auseinander. Friedland stürzte vom weißen Berg über Prag her. Die Stadt war wieder kaiserlich.
Arnim, noch zweifelnd, ob der Herzog wirklich etwas Ernstes vorhatte, suchte sich in Leitmeritz zu halten. Zu seinem Schrecken, der sich mit Widerwillen mischte, umzingelte ihn Friedland und schien ihn vom Heer abschneiden zu wollen. Da raffte er, was er an Truppen hatte, zusammen, bereitete den Friedländern Schaden rechts und links, schlug sich von Ort zu Ort. Böhmen mußte er ganz aufgeben.