Flammend blickte, beide Arme schräg über die Lehne legend, Eleonore den Kaiser an, dessen Gesicht klein in seiner Gequältheit erschien; etwas Drohendes in ihrer Stimme: man erzähle sich überall; es sei nicht der Kaiser, sondern der Bayer gewesen, der den Herzog abgesetzt habe. Durchbohrend Ferdinand vorgebeugt: „Denkst du das auch?“ Sie legte sich angstvoll zurück: „Ich fragte doch.“ Heiser Ferdinand: „Frage nicht, Eleonore. Du denkst zuviel an Mantua.“ Sein Ausdruck wechselte, wie er sie fixierte; dann sanfter: „Du weißt nicht, wie es zugegangen ist. Ich habe Italien nie übel gewollt. Friedland auch nicht. Ich hätte dir gern Freude gemacht, Eleonore.“ Sie hauchte, fast zärtlich, sich über ihren Schoß errötend breitend: „Ich weiß, Ferdinand. Verzeih mir.“
Sie schwiegen. Die Schloßwache marschierte mit langsamem Gesang über den Hof, das helle Winterlicht erfüllte bis in die Winkel den warmen weiten Raum. Eleonore anscheinend zuhörend: „Welche schönen weltlichen Lieder es gibt.“ Der Kaiser, der gebrütet hatte, auffahrend, als wenn er etwas abwürfe: „Also es sieht aus, als wenn ich schuld an der Lage bin. An den Verwicklungen. Vielleicht, nein, ich bin schuld an dem sogenannten Verrat Wallensteins. Das alles leuchtet mir nicht ein. Ich sage es zehnmal. Und wenn man mir zehnmal und zwanzigmal widerspricht.“ Nach einer Pause hitzig mit Gesten gegen Lamormain, der sich hochgesetzt hatte: „Und wenn ich Schuld habe. Wir reden jetzt nicht davon. Wie lange ist Regensburg her. Ich kann es schon gar nicht mehr denken. Regensburg ist schon fast nur eine Einbildung. Was kommt man mit Regensburg. Wenn ich den Herzog entlassen habe, dann ist alles wieder gutgemacht. Wenn er beleidigt war: er ist Feldhauptmann geworden; er hat, was er will. Was will er?“ Die Mantuanerin drückte ihren langen Fächer auf seinen fuchtelnden Arm; er solle sich nicht erregen, die Dinge würden bald wieder ausgeglichen sein. — „Ausgeglichen. Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was das Ganze soll. Was dahinter steckt.“ Eleonore behutsam: „Wohinter.“ „Nun versteh doch, Eleonore. Ihr versteht mich gewiß, Ehrwürden. Höre doch einmal. Es ist ja gar kein Grund für den Herzog vorhanden gegen mich zu sein. Ich habe ihm keinen Anlaß geboten. Er ist Haupt des Heeres mit der ungeheuersten Vollmacht. Wir bestreiten sie ihm nicht.“ Seufzend Eleonore: „Er will nicht.“ Bittend Ferdinand mit gespanntem Gesicht: „Was ist, Pater. Was wißt Ihr.“ Nichts, als daß dem Herzog nicht genug sei an den Vollmachten und an dem Heer; daß er nicht zufriedenzustellen sei. — Was er denn wolle. — Er vergißt nicht, daß man ihn bei Regensburg weggeschickt hat. Er läßt das nicht liegen, es ist ihm wichtig für sein Handeln wie irgend etwas. Und nun gibt es keine Ruhe. — „Wir haben ihn nicht besänftigt mit dem neuen Kommando?“ — „Den Herzog?“ „Nun?“ Lamormain lachte freundlich, tauschte Blicke mit der Kaiserin, die lächelte: „Kaiserliche Majestät. Ich will kein Beispiel geben. Es sollte mir auch schwer sein für den Herzog ein Beispiel zu finden. Im Grunde braucht man nur zu sehen, — wenn ein Stein auf einen Marmorboden geworfen wird — eine Kante von dem Stein bricht ab: diese Kante ist nun in alle Ewigkeit ab, sie kann nur durch einen Entschluß Gottes wieder am Stein befestigt werden.“ — „Nun?“ „Der Herzog weiß, wer er ist. Er hat es in Regensburg gemerkt. Es paßt ihm nicht. Er verzeiht es nicht, daß er so ist, unser, der Kaiserlichen Majestät Feldhauptmann, und weiter nichts.“ Ferdinand biß mit gerunzelter Stirn an seinem Handknöchel, er arbeitete mit dem Zeigefinger an seiner Unterlippe, brachte hervor: „Seht einmal, Lamormain. Ist es Euer Eindruck — hat man dem Herzog irgend etwas in den Weg gelegt.“ „Nicht doch“, lachte behaglich Lamormain. „O warum lacht Ihr denn,“ Ferdinand seufzend, flehend, „sagt mir doch, was ist.“ Mit großer Weiche der Jesuit: „Majestät wollen wissen, was man dem Herzog in den Weg gelegt hat. Nichts. Es hätte keiner wagen können. Er hat ja die ganze Macht allein.“ Erleichtert Ferdinand: „Nun also.“ Lamormain mußte ein anspielendes Lächeln unterdrücken: „Es genügt ihm nicht.“ Unsicher Ferdinand, an seinem Gesicht, an seinen Händen hängend, die ganze schwarze starke Gestalt des Jesuiten mit den Augen verschlingend: „Es ist ihm nicht genug.“
Und im Hintergrund fühlte er sich etwas regen, ganz unerwartet sich aus dem Grauen Tiefen schieben, etwas mit tausend Füßen, das lief, lief, das ihm entgegenlief, dem er entgegendrängte, gegen das er sich stemmte. „Puh, puh“, spie er. Das wieder. Dahin, dahin wieder.
Er stand aus dem Sessel auf; das Kleid Eleonores rauschte neben ihm, es duftete stark neben ihm; sie war, wie der Ekel sein Gesicht entstellte, zu ihm gedrängt. Sie gingen nebeneinander Arm in Arm über die Teppiche der Galerie. Lamormain stellte sich an die Brüstung der Galerie. „Es ist ihm nicht genug“, flüsterte Ferdinand, als sie an Lamormain vorbeizogen, hielt etwas an. Sein ausgerenktes Gesicht. Er hielt Eleonore an beiden Armen vor sich fest. Die Mantuanerin halb weinend: „Er ist ein Teufel.“ Von der Seite Lamormain schwer traurig: „Kein Teufel. Ein armer Mensch.“
Er hielt noch die Mantuanerin umfaßt, stierte ihre Augen an wie Fremdkörper, ihre verkräuselten Haare, ihren auseinandergezogenen Mund, ihre abwärts gesenkten Mundwinkel, einen Finger hob er: „Dies ist es. So sind die Menschen. Der Pater hat es gesagt.“
Und wieder wimmelten über ihn die tausend kleinen krebsartigen Füßchen, der schuppentragende langgestreckte Leib; der Leib war so dicht über ihm, er hatte Neigung sich zu bücken.
„Was sagst du dazu?“ Sie mit tränenerfüllten Augen, gebrochener Stimme, ihn im Gehen fortziehend; sie suchte ihrer Stimme einen leichten Ton zu geben: „Es wird nicht schwer sein etwas gegen ihn zu tun. Wir brauchen darum nicht zu sorgen. Wir werden morgen den Fürsten Eggenberg und unseren lieben Schlick bitten. Sie werden uns erzählen, was zu tun ist.“
Der Kaiser ließ sich, ihren Arm ablösend, in seinen breiten Armstuhl nieder; die geschnitzten Menschen empfingen ihn, über die Lehne fließend, Männer Kinder Frauen, abgleitend, sich hebend, er fragte Lamormain: „Ehrwürden?“ Der trat seitlich, mit dem Stock stampfend, plump hervor, pflanzte sich hinter seinem Stuhl auf, die Lehne angeklammert: „Dies alles ist uns nichts Neues. Die Kirche kennt seit lange die Menschen. Wir rechnen mit diesen Menschen. Wir müssen sie brechen auf irgendeine Weise.“ Ein Zittern hatte den Kaiser befallen: „So sind die Menschen. Ihr habt recht. So bin ich wohl auch. Wir können es nur ändern, wenn wir uns der heiligen Kirche unterwerfen.“ Der Priester redete leise: „Die Menschen sind böse. Sie haben teil an der Erbsünde.“ An Eleonore wandte sich, zu ihr aus der Tiefe des Sessels die Arme ausstreckend, der Kaiser hauchend: „Siehst du. Wir sind davon befallen.“ „Ich weiß es, Ferdinand.“
Das schuppentragende lange Reptil schurrte, rauschte klapperte über ihn; Entsetzen lag auf Ferdinands Gesicht.
„Der Friedländer zahlt mir’s heim. Was bin ich anders. — Wir werden morgen den Fürsten Eggenberg zu uns bitten.“ Lamormain lächelnd, die schwere Faust hebend: „Wir brauchen keine Sorge haben. Er wird bewältigt werden, der verräterische Mann.“ „Seht Ihr, seht Ihr, wie gut“, hauchte zitternd, zaghaft zu ihm aufstehend der Kaiser, der ihn und Eleonore mit weißlichen Blicken übergoß. Dabei kaute er an seinem Schnurrbart. Durch ihn fuhr, er erlitt es, es machte seine Schultern schwach, füllte seinen Mund mit lauem Speichel: daß er die Worte eines andern sprach, daß ihn dies alles gar nichts anging. Er war durchkreuzt; der Friedländer war ein starker Feldherr; was tun solche Feldherrn: er konnte seine Gedanken nicht daran annageln. Halbe Minuten dachte er: die Kurfürsten werden sich zufrieden geben, ich werde den Friedland entlassen. Er war ja in Wien, in Wien. Er kaute wieder an seinem Schnurrbart.