Als die Würfel immer schlecht für den Böhmen fielen, rang sich der Spanier das Wort ab: „Warum strengt sich Euer Liebden so an? Ihr seid im Nachteil.“ „Ich kann in Vorteil kommen.“ Ernst der Marquis: „Wie der Herr will.“ Wie die Einsätze Slawatas in die Tausende gingen, begann der Spanier zu zögern; er war in Brand, unsicher fragte er den andern: „Was ist mit Euch? Spielen wir oder nicht?“ Slawata hörte kaum, was er für Zahlen sagte; er beobachtete nur die Wirkung auf das Gesicht seines Gegners; entzückt lächelte er: „Ich hab’ noch mehr.“ Die Lippen sich leckend, zum Sprung gerüstet der Spanier: „Eure Sache, Herr Slawata. Ich bin nicht Euer Vormund.“ „Was denkt Ihr von Spanien?“ fing Slawata an. „Was ist mit Spanien?“ „Es muß schön bei Euch sein. Ich möchte spanischer Botschafter sein.“ „Slawata, Herr, was tätet Ihr da anderes als ich?“ „Was?“ „Spielen.“ „Das weiß ich nicht so genau. Also dreitausend.“ „Also dreitausend, Herr Slawata. Ihr verspielt Euren Kopf. Da, fünfzehn, Ihr habt verloren.“ „Was macht das. Ich verrate meinen Heiland darum nicht. Aber ich wüßte, was ich täte, wenn ich spanischer Botschafter wäre.“ „Wieviel?“ „Setzt Ihr.“ „Dreitausend.“ „Dreitausend. Marquis seid überzeugt, ich säße nicht hier. Keine Minute litte es mich hier.“ „Die Böhmen sind allesamt sonderbare Käuze.“ „Ich achtete hier auf den Hof.“ „Ich achte auf Euch schon gut.“ „Was ist auf mich zu achten. Ich verliere so tapfer an Euch. Nein seht, diesmal Ihr.“ „So hab’ ich doch recht.“ „Eine Ausnahme, Marquis. Also fünftausend.“ „Das nehm’ ich nicht an.“ „Spielt, Herr Ognate. Gerüttelt, geschüttelt.“ „Fünftausend!“ „Keinen Heller mehr. Ihr müßt auf den Hof achten, da werdet Ihr noch öfter staunen. Ihr werdet hier nicht mehr lange sitzen.“ „Graf Slawata wird nicht dafür sorgen, wo der spanische Botschafter sitzt, an den er selbst sein Geld verliert.“ „Fünftausend.“ „Ich spiele nicht fünftausend.“ „Also sechstausend, Marquis.“ „Ich spiele, Herr Graf, ich versichere, ich spiele.“ „Was seid Ihr erregt um meine Habe. Ich bin doch ein Bettler.“ „Was ist das?“ „Was, Herr Ognate?“ „Daß Ihr Bettler seid?“ Slawata lachte freundlich: „Ach Ihr meint, ich hätte schlechtes Gold, oder langes. Nein. Es kommt nur nicht drauf an, ob ich etwas noch habe.“ „Es bleibt bei sechstausend? Sechstausend Gulden?“ „Taler, Marquis.“ Ognate ließ den Würfelbecher aus der schlaffen linken Hand unter den Tisch fallen: „Nein.“ Ernst, melancholisch der Böhme: „Ich hab’ Euch zu verraten, daß ich spiele. Ich liebe meine Habe nicht wie ein Jüngling, der eine verschleierte Geiß für eine Jungfrau anspricht. Ich bin schon ein Bock zu meiner Geiß.“ Mit tiefer Stimme, sich vorbeugend der Spanier: „Ich bitte um Verzeihung, daß ich Euch so weit verlockt habe.“

Und wie Slawata ruhig ablehnte und weiterzuspielen begehrte, saß der Spanier sehr nachdenklich da, nahm zögernd den Becher wieder auf und fragte ganz heimlich, wieviel also der Herr setzen würde und worauf. Und würfelte dann, ohne den andern sehen zu lassen, auf einer Tischkante, rasch die Hohlhand über die Würfel deckend; stand momentan auf, mit einer traurigen Miene: „Wir wollen abbrechen.“

Ein sonderbares Geschick fügte es, daß am nächsten Tag Slawata am selben Ebenholztisch im selben Maße Zug für Zug verlor, derart, daß er erschrak, wild und tief erschrak und zur Beschaffung von Geld aufbrach und am Hofe Urlaub nehmen mußte; er konnte nicht am Hofe erraten lassen, was er trieb. Auf der Fahrt erst kam dem Böhmen die Ungeheuerlichkeit seines Verlustes zu Bewußtsein und betäubte ihn; er mußte in Kürze seinen Stand verlieren. In trüben Gedanken ging er nach Prag und verschaffte sich Gelder; ziellos hing er einige Tage hier, grollte matt sich, dem Friedländer. Er lahmte einmal zu einem Konvent des Adels; wie er die Türklinke berührte, empfand er aber in sich einen Schlag, dunkel stand er vor der Schwelle, sein Kopf hing vor der Brust; er fühlte sich fortgetrieben, gestoßen von der Klinke. Hier war nicht seine Sache, er trieb sein eignes Spiel. Er ging, mußte seinen Wagen nehmen, reiste schon ab; es kam ihm vor, als ob er wieder zu sich käme; mußte seinen Körper nach Wien fahren. Und unterwegs erwachte er. Es erhob sich in ihm wieder, er fühlte sich gefüllt, ein Leben flutete über seine Brust und Arme. Es gab Kuttner, Ognate, den riesigen Herzog Friedland. Er langte in Wien beim Spieltisch des Marquis an. Er war glücklich dazusitzen und sich ganz zu finden. Als gleich die ersten Züge das Unglück des Grafen anzeigten, suchte der Marquis, zum erstenmal während eines Spiels aufstehend, den ruhigen anderen zu einem Spaziergang oder einer Fechtübung einzuladen.

Ognate setzte sich dann nicht wieder mit Slawata an den Ebenholztisch. Sie wechselten die Tische, die Plätze, er suchte ihn ganz vom Spiel abzubringen. Slawata duldete alles in einer eigentümlichen bittersüßen Beklommenheit. Er fühlte: er fuhr.

Er hatte es bald sehr leicht bei dem Spanier. Slawata sah sich wie ein Kranker behandelt und beschenkt. Er hatte sein halbes Vermögen an den Spanier verspielt, ein dunkles Geschick hatte das vollzogen. Lockenschüttelnd entzückt sah der Böhme den Spanier mit dem olivenfarbenen Gesicht vor sich stehen und über den Tisch aus seinem grünen Beutel klingelndes Gold schütteln, das er ihm aufdrängen wollte. Er konnte es sanft vom Tisch wischen mit dem Unterarm, hatte es nicht darauf abgesehen, der Spanier war schon im Begriff zurückzuzahlen.

Sie sprachen vom Friedländer; er entblößte sich, es war rasch geschehen. „Ihr haßt den Friedländer auch“, fragte mit aufleuchtenden Augen zähnefletschend der Spanier; und Ognate begann von dem schamlosen Bestechungsversuch vor Jahren zu reden, ihn auszuforschen. Er gestand lächelnd an einer Auffassung der Situation durch die Beteiligung Bayerns gehindert zu sein. Aber man müsse sich wohl auf die Sprünge machen, wenn es so stehe, und dabei pfiff er schon durch die Zähne. Er hatte mit dem ihm wohlgefallenden vornehmen Böhmen noch öfter Unterredungen; es freute ihn mit dem Böhmen übereinzustimmen, daß Friedland ein böses gefährliches Tier sei, dessen man sich vielleicht von Zeit zu Zeit mit Umsicht bedienen dürfe. Er war sehr begierig Slawata zu Diensten zu sein.

Nun wurde er mit Leichtigkeit von den Jesuiten belauert, vom Grafen Schlick angegriffen. Der Mailänder Gouverneur erhielt mit einmal, wie er schon zögernd durch die Lombardei marschierte, die leidenschaftlich erregte Anweisung vom spanischen Geschäftsträger in Wien, seinen Weg so zu nehmen, wie ihm vom Grafen Schlick, als dem kaiserlichen Kriegsratpräsidenten, vorgeschrieben werde, insbesondere gute Verbindung mit dem stark gefährdeten bayrischen Kurfürsten zu suchen, auch jeglichen anderen Befehl abzuweisen. Große Beschleunigung der Reise wurde ihm ans Herz gelegt.

Die spanische Armee erklomm in wenigen Tagen das Vorgelände der Alpen, sie durchzog die Pässe bei strengem Frost; die angeworbenen Neapolitaner litten sehr. Nach drei Wochen hatten sie die Paßhöhen überwunden, stiegen nach Deutschland herunter.

Die schwarzrockigen Herren, die in den Kammern der Kaiserlichen Burg herumgingen und in deren Mündern die Namen Azorius Vitelleschi Bellarmin die entscheidenden waren, berieten viel über die äußerlichen Zeichen der Ketzerei. Ein Theologe namens Eymerckus hatte angegeben, bleiche Gesichtsfarbe kennzeichne den Ketzer, wilde Blicke den Zauberer. Man erwog die vorbildliche General- und Spezialinstruktion des bayrischen Kurfürsten für den Hexenprozeß: es dürfe keiner, der einmal bekannt hatte unter der Folter, zum Widerruf zugelassen werden; man fand nicht genug Worte für diese weise Verfügung. Denn wie sinnlos sei es, nachdem mit der Gewalt der Folter der Widerstand des Fleisches endlich überwunden sei, das besessene Fleisch mit dem Nachlaß des Drucks noch einmal reden und natürlich widerreden zu lassen. Wie würde der Teufel über solche Albernheit wiehern: das seien Kämpen, die ihm gegenüberstünden!

In ihrer Gesellschaft fanden sich jetzt mehr hohe Herren des Hofes; auch Eggenberg tastete um sie. Der alte Mann kam zu keinem Entschluß. Was der Graf Schlick berichtete aus Pilsen und Questenberg gezwungen bestätigte, stellte Habsburg vor eine gräßliche Aufgabe. Man hatte den Herzog zu Friedland großgezüchtet, hatte sich fast an ihm vergangen, als man ihm die übermenschlichen Vollmachten und Gewalten gab. Nun war die Krise da: die Ehrfurcht vor der Majestät hatte der Friedländer abgestreift, der Chronos sollte von seinen eigenen Kindern verschluckt werden. Müde war Eggenberg, viel grübelte er, dachte hoffnungslos an die Schreckenstage in Regensburg bei Wallensteins Absetzung. Damals war man mit Bangen und Zagen, er selbst fast verschlungen von Entsetzen, um das Schlimmste herumgekommen; Friedland hatte sich nicht gesträubt. Jetzt mußte man auch an dies heran. Müde war er; das bodenlos schwere Schicksal des Reiches, das immer erneute Heranrollen an den Abgrund ermattete ihn. Wie lange würde man sich hinschleppen. Hinter den Jesuvätern schlich er. Hier war Optimismus und Tatkraft; er wollte sich ein wenig von ihnen tragen lassen. Trautmannsdorf suchte er in seiner Unsicherheit mit sich zu ziehen. Sie verhandelten lange zusammen. Der verwachsene Graf erklärte; seitdem der Friedländer den neuen fürchterlichen Vertrag aufgestellt habe, wüßte man woran man mit ihm sei; jetzt käme unerbittlich die Krise. Eggenberg gestand: er hätte manchmal seit der Musterung des Heeres bei Rakonitz mit Wallenstein daran gedacht, aber er hätte auch gedacht, es käme vielleicht alles ganz anders; vielleicht stürbe Wallenstein, vielleicht stürbe er, Eggenberg, selber, und nun gibt das Geschick erbarmenlos nicht nach.