Das darauf eingetretene Schweigen war das Signal für Trautmannsdorf. Er knüpfte an diesen neulichen Besuch an, schilderte mit übertriebener Zaghaftigkeit die eigentümliche Situation des Kaiserhauses gegenüber Spanien und der Herzog möchte das angekündigte und nun erfolgte Heraufziehen des Spaniers auf den Kriegsschauplatz recht verstehen als eine Maßnahme, die ohne Zutun des Kaiserhauses erfolgt sei und die man auch nicht ohne schwere Komplikationen hätte verhindern können. Er fuhr dann fort: die Armee des Mailänders sei zwar leidlich stark und wohl bewaffnet, jedoch nicht stark genug, um jeder zu erwartenden Truppenmacht Trotz bieten zu können. Man möchte deshalb von vornherein jeden feindlichen Anschlag unmöglich machen, indem man die recht kleine Aldringische Schar auf eine entsprechende Größe brächte und ihr die vom Augenblick gebotene Beweglichkeit gäbe. Es möchte also des Herzogs Durchlaucht sich bequemen und bereit finden, solange er nicht die Winterquartiere verlassen könne, eine ausreichende Zahl von Regimentern dem von Aldringen zur Verstärkung und Verwendung zu gestatten.

„Es ist mir unmöglich“, erklärte freundlich der Herzog. Er wandte sich an den nachfolgenden Neumann, erbat sich ein Verzeichnis der Truppenstärke, wies, als es in Kürze kam, die Zahlen dem kleinen sehr ernsten, kaum hinblickenden Grafen: „Der Herr Graf wird sich selbst überzeugen. Zudem ist der Mailänder von mir angewiesen, rasch den Kriegsschauplatz zu verlassen oder nach Pilsen zu stoßen. Der Kurbayer muß Geduld haben; er wird nicht verlorengehen.“

Der Graf war nicht zu beruhigen; man müsse zunächst andere Dinge hintanstellen, die Notwendigkeiten des Kaiserhauses und so weiter. Trautmannsdorf, immer den Kopf vor der Brust, knaute und kam nicht heraus. Ruhig und sicher lachte der Herzog, der auf ein Trompetensignal gehorcht hatte; darum möge sich der Graf keine Sorgen machen; er erkenne sie wieder, den alten freundlichen Eggenberg und ihn, wie sie sich quälten, vielleicht wäre auch ein Finanzmann im Bunde, um sie zu vexieren; bei ihm läge der Kaiser und das Erzhaus wie in Abrahams Schoß. Er werde sich nicht verläppern. Der Friede sei näher als sie glaubten. Auch als Trautmannsdorf, der schwer beklommen war, ganz schwieg, blieb Wallensteins Ton freundlich; er stellte sich vor die beiden Herren, zog sie an den Gurten zusammen: „Nun wollen wir zusammen beraten, mein Herr Questenberg und Euer Liebden. Ich will mich wie ein rechtschaffener Angeklagter vor Euch, kaiserliche Vertreter, aufstellen und Ihr sollt schelten, was versehen ist.“ Questenberg nahm sich mit Gewalt zusammen: „Wir möchten Durchlaucht bitten, uns dies zu ersparen. Wir sind ja auch ganz und gar nicht als Ankläger hier.“ „Nun seht Ihr,“ unterbrach Wallenstein, der ihre Gürtel nicht losließ, „ernsthaft könnt Ihr nichts anklagen. Es soll euch auch bei Jesu schwer fallen. So gebt doch den Bayern frei. Was setzt man euch in die Ohren. Den Herren scheint es unbekannt zu sein, wie es der Bruder des bayrischen Kurfürsten, der Kölner, mit den Franzosen hält; Maximilian ist da nicht weit vom Schuß.“ Finster gab der Graf, der peinlich Wallensteins Hand am Gürtel fühlte, zu, daß man davon gehört hätte. „Nun,“ tönte der Herzog, seinen Stab schwingend, zurück, „das bedeutet nichts?“ Gezwungen lächelte der Graf, der ein paar Schritte machte, um den Herzog vom Fleck zu bewegen; schwerfällig folgte er auch; es schiene ja bald so, rang sich der Graf ab, daß nicht Wallenstein, sondern sie hier als Angeklagte ständen. „So nehmt doch Vernunft an, Herr Graf. Ihr seht meine Daten. Ihr antwortet nichts zur Sache. Greift mich an. Ihr gebt mir fast zu, was ich sage. Oder — seid Ihr nicht allein hier?“ „Was?“ warf Trautmannsdorf den Kopf herum. „Ich meine, Herr Graf, Ihr steht hier, ich kann Euch wohl sehen und sprechen hören. Aber hier sind noch einige mit Euch, die ich nicht sehen kann. Die sich vielleicht nicht — hergewagt haben.“ „Eure Durchlaucht kennen mich.“ „Ich weiß, es gibt schon Geister in Wien, die mich lieber am Morgen als am Mittag verspeisen möchten. Einige von ihnen tragen viereckige Hüte und schwarze Röcke. Es könnte auch sein, daß sie einen Mann wie den Trautmannsdorf zu Fall bringen.“

Der Graf kühl: „Ich habe mir die Regeln meines Denkens in der guten Schule des Aristoteles geben lassen.“ „Ich weiß, ich weiß, aber so antwortet doch. Ihr seid weder bestechlich noch dumm.“ „Ich will Eure Durchlaucht nur bitten zu bedenken, für wen wir in diesem Augenblick sprechen. Questenberg und ich. Wir haben die Majestät zu vertreten oder Weisungen von ihr abzugeben. So wollten wir Eure Durchlaucht bitten, und ich besonders — denn Euer Durchlaucht weiß, wie ich Euch anhänge, wie ich Euch nach Vermögen am Hof alle Wege geebnet habe, und daß mich keiner zu Bosheiten gegen Euer Durchlaucht anzustoßen vermöchte — ich wollte Euch bitten, gebt uns einen Augenblick nach. Wenn wir auch keine Krone tragen, so sind doch unsere Weisungen da — und was sind wir alle? Vor der kaiserlichen Majestät?“ Hart der Herzog: „Braucht nicht einen darüber aufzuklären, der sein Leben lang für den Kaiser gefochten hat.“ „Der Kaiser weiß, was er Euch zu verdanken hat.“ „Es scheint aber, andere wissen es nicht.“ „O wir —“ „Macht mir nichts, ob Ihr es wißt. Macht nichts.“ „Wir sind allesamt —“ „Kommt nicht darauf an. Meinem Herrn diene ich billig und begehr’ es allezeit zu tun nach seinem Willen. Die anderen lassen die Finger von mir. Jeder Verständige kann begreifen, daß ich nicht geneigt bin von meinem Vertrag abzugehen. Soll keiner mit mir Schindluder treiben. Mein gnädiges Erbieten an Euch zu verhandeln wird verachtet und für nichts angesehen.“

Die Herren schwiegen.

„Ihr sollt mir antworten, Herr, was Ihr gegen meine Gründe zu sagen habt über das spanische und bayrische Ersuchen. Ich kann die kaiserliche Armee nicht schwächen lassen.“ Sie standen immer an einem Fleck; der Herzog wandte sich jetzt, winkte ihnen, ging in das Haus voran.

Und auf dem Weg tauschte der kleine Graf keinen Blick mit Questenberg, dessen Augen er trostlos an sich fühlte. Er hatte die schwere entscheidende Sache mit sich allein abzumachen; die Kiefer biß er zusammen, seine Stiefelspitzen stießen vor, blieben stehen, stießen vor, blieben stehen. Sand, eine Matte, die Schwelle kam. Es galt nicht nachzugeben, nichts hören — sprechen, ein Horn vorstrecken; er sagte sich: „Mach dich steif, du kleiner Trautmannsdorf, denk’ an nichts, dies muß geschehen, du neigst zu Späßen, dies muß geschehen, höre nichts, dies muß geschehen.“

Die niedrige stark geheizte Ritterstube, Wallenstein ohne Hut und Mantel, mit hoher Stirn, weißbärtig, Platz anweisend, selbst auf der Bank an dem kleinen bunten Fenster. Dem Trabanten, der den Mantel hinaustrug, schrie er nach: „Türen schließen.“ Trautmannsdorf, dem andern ein Schweigezeichen gebend, beruhigte sich und hielt sich mit den Blicken fest an einer nach rückabwärts ragenden Hirschgeweihspitze der Krone an der Decke. Sanft und ohne sich von den funkelnden starren Augen des Herzogs beirren zu lassen, setzte Trautmannsdorf auseinander, daß vor der Kaiserlichen Majestät, wenn man sich ihr nicht widersetzen wolle, wenigstens in einem Punkt alle Unterschiede verschwinden müßten: man sei vor ihr Untertan oder Privatperson. Er führte das bezwingend aus. Der Herzog ließ ihn reden. Er sei Reichsfürst, und dies sei das eine. Und dann sei sein geschriebener und gesiegelter Vertrag da. Man habe schon in einem Punkte seinen Vertrag ohne ausreichenden Einspruch durchlöchert: indem Feria in Deutschland erschien, ohne von ihm dahin beordert zu sein, dann indem sich derselbe Feria seiner vom Kaiser verliehenen Befehlsgewalt entzogen und einen ganz unnützen Posten bei der bayrischen Durchlaucht einnahm. Er werde nicht nachgeben und tun, was unsachverständige Leute, ohne ihn zu fragen, beschlössen. Heimtückische Hiebe gegen seine Friedensbemühungen werde er zu parieren verstehen.

Da löste Trautmannsdorf seine Augen von der Geweihspitze. Ihm gegenüber auf der Fensterbank saß ein kalter Mensch, stützte sich auf ein spanisches Rohr, redete entschieden und unwidersprechlich. Er konnte da ohne Schwierigkeit aus seiner Gürteltasche ein geschlossenes gefaltetes Schriftstück ziehen und daraus vorlesen, daß dem Herzog zu Friedland, Seiner Majestät getreuen Feldhauptmann, ernstlich vorzuhalten sei, daß er durch seine Maßnahmen im letzten Feldzug die Sicherheit des Kaiserhauses, der Erblande und des Reiches sehr gefährdet habe, und daß die Majestät sich nunmehr auf Rücksprache mit ihren erfahrenen Ratgebern veranlaßt gesehen habe, zwei ihrer vertrauten Räte, den von Trautmannsdorf und von Questenberg, dazu dem Feldhauptmann bekannt und zugetan, zu ihm zu schicken und sie zu ermahnen, mündlich mit ihm die bayrische und spanische Affäre zur Zufriedenheit des Kaisers beizulegen. Sollte aber der Humor der herzoglichen Durchlaucht einer friedlichen Beilegung auch weiter nicht geneigt sein, so müsse ihr bedeutet werden, daß die Kaiserliche Majestät ihrem Feldhauptmann diesen Befehl gebe und in Ansehung des Ernstes der Umstände über den Kopf des Generalissimus den Obersten Anweisungen geben werde.

Diese kaiserliche Instruktion gab Trautmannsdorf dem Herzog, der sie, ohne sie zu lesen, eine Weile schweigend in der Hand wog. Dann las er sie aufstehend; legte sie, zu ihnen tretend, auf den Tisch. Als die beiden aufstanden, drückte Wallenstein dem kleinen ihn scharf fixierenden Grafen die Hand: „Ihr seid besser als der da.“