Stumm wartend das Reich; hielt an wie ein Stier, dem ein Schlag bevorsteht. Sichtbar war eine Diktatur über dem Heiligen Römischen Reich errichtet, deren Gesicht und Ziele unkenntlich waren.

Leise begann ein Schaukeln in den Ländern: die verarmenden Bezirke, Städte wurden unruhig, die Erregung erforderte stärkere Truppenmassen, der Druck stieg, die sich herausfordernden Mächte klatschten leise aneinander. Geschützgießereien, Gewehrfabriken stiegen aus der Erde; mit Schrecken sahen die Bezirke langsam das Bild ihres Landes sich verändern.

Mehr und mehr wagten sich die Offiziere, Beamten des Heeres in die Städte, in die Stuben der Bürgermeistereien, auf die Rentämter, fragten mit ihren Kontributionszetteln nach Einkünften der Bezirke, rechneten, schickten Kontrolle in die Häuser, waren nicht zu vertreiben. Sie nahmen, ohne zu fragen, Einblick in die landesfürstlichen Bezüge, in Brandenburg, in Schwaben. Erst wurden große zusammenhängende Erhebungen in das friedländische Hauptquartier geschickt, von da nach Prag, Hamburg, an die Fachmänner weiter geleitet, dann stellte auf Wallensteins Befehl Michna eine Zahl geschulter, meist böhmischer, Vertrauensmänner auf, die aus ihren Wohnorten verreisten, in die fremden Verwaltungen eindrangen, nicht davongingen, von einem festen Standort die Gegend überblickten. Die reichen fränkischen Bistümer Bamberg Würzburg wurden kontrolliert, das Gebiet der freien Reichsstadt Nürnberg, Bayreuth, das Fürstentum Ansbach, der württembergische Herzog, der Mainzer Erzbischof. Da der Breisgau dem österreichischen Kreis angehörte, auch das Gebiet von Rottweil, so lag die Hand des Herzogs von Friedland über dem ganzen südlichen Deutschland außerhalb Bayerns. Das Gebiet des Kurbrandenburgers war von Besatzungen nicht verlassen worden, Pommern Mecklenburg Braunschweig-Lüneburg Kalenberg Grubenhagen Wolfenbüttel durchsetzt.

Und während die Truppenmassen abwanderten, ergänzt, verstärkt wurden, neue zufluteten, bildete sich nach den Leitsätzen des Generalissimus von Woche zu Woche schärfer die Konstitution des Heeres heraus, Hand in Hand mit einem System der Schutzmaßregeln für das Volk. Edikte verkündeten an Landstraßen Märkten Dörfern den Grundsatz gegenseitiger Achtung des kaiserlichen Heeres und des Volkes deutscher Nation; beiden Parteien war Sicherheit zugesagt, Lebensberechtigung; man hätte im Hinblick auf die Wohlfahrt des bedrohten Heiligen Römischen Reiches sich zu stützen. Das Maß der Leistungen war für die Bevölkerung auf das ausreichende Minimum beschränkt; Obersten und Intendanten hatten im Einvernehmen mit den Zivilbehörden die Sätze zu bestimmen. Eine Befragung der Landesbehörden war nicht vorgeschrieben. Die Zeit der wilden Plünderer und Exzedenten sollte vorbei sein; Prag spie mit der Unzahl der Erlasse, die das Kontributionssystem regelten, Feldgerichte Oberstschultheiß Regimentsschultheiß Weibel Schreiber Profoß über alle Musterplätze Quartiere. Lorenzo de Maestro als Generalquartiermeister inspizierte die Plätze; die wildesten Auswüchse wurden beseitigt. Aber weiter vegetierten die Ausbeutereien: Obersten, die ihren Stab auf drei Orte verteilten, Kontribution für drei volle Stäbe erhoben, Offiziere, die Wohnung an zwei Orten nahmen; immer wieder Salvaguarden, Schutzbriefe, die unnötig waren und den Inhabern gegen hohes Entgelt aufgedrängt wurden für jedes Tor, jeden Wagen, jede weidende Gänseherde. In zollreichen Gegenden begünstigten Gemeine und Offiziere den Schmuggel, übten ihn selber, indem sie ganze Schiffsladungen an Korn als Proviant durchbrachten. Die Stände hatten sich nicht dazu verstehen können, dem Kaiser und dem Reich Steuern zu zahlen; mußten jetzt neben sich, über sich Offiziere Generalkommissare der friedländischen Armada dulden.

Unmerklich schlang sich eine kräftige Pflanze um ihren Stamm. Dies waren nicht mehr die verachteten verächtlichen Geschöpfe, der Abschaum Flanderns Böhmens Ungarns. Ein neuartiges herrisches hartes Wesen trugen alle diese Männer zur Schau, die als Offiziere der Armada durch die Städte und Landschaften ritten; gaben an Stolz den eingesessenen Patriziern nicht nach, hatten eine deutliche Nichtachtung gegen die Bürger, ehrten Besitz nicht. Setzten in Zweikämpfen Gefechten ihr Leben aufs Spiel; bewegten sich im Lande als Soldaten des Herzogs von Friedland, der als böhmischer Edelmann begonnen hatte, als reichsunmittelbarer Fürst vor der Römischen Majestät bedeckt bleiben konnte. Stärker strömten ihnen zu Söhne aus Patrizierhäusern, adligen Geschlechtern.

Im Lande wucherten Gerüchte über die Pläne des Herzogs; tolle Worte aus dem Munde von beliebigen Offizieren wurden kolportiert von Zunftstube zu Zunftstube, in die Ratshäuser, die Antikameren der Fürsten.

Von Zeit zu Zeit ließ der Herzog selbst über die hilflos fragenden Köpfe Gerüchte aufklingen von nahen Türkenkriegen. Plötzlich grellte durch die duldenden schlaffen Landschaften das Geschrei von Fortschritten, grausigen Siegen des Ofener Pascha; ängstlich, aufmerksamer sah man die sich sättigenden Söldner und Offiziere an, fürchtete für Kinder und Weiber, vielleicht mästete man die Armada dafür. Dann verhallte alles wieder; die Maschine zog straffer an.

In das Staunen Murren der Leute kamen andere Töne. Langsam übernahmen die Fiedler Schnurrer Bänkelsänger die ruhmredigen Lieder der Söldner. Sangen von der gebissenen halbaufgefressenen Ratte, dem Dänen, von Wallenstein, den der Kaiser schickte, der im Sieg zum Herzog aufstieg. Die Bürger gingen wie Mäuse an den Speck. Es gab geheime Dinge zu sprechen, gegen, die löbliche Ehrbarkeit Richter und Ratsmannen Geschlechter zu konspirieren, Korporäle Kornetts in den Trinkstuben zu empfangen. Es war eine dunkelgärende Rebellion, die wie eine Wolke über die Bezirke flog. Was bei Helmschmieden Pfeilschnitzern Plattnern Schwertfegern Ringlern Nadlern gepflogen wurde, blieb kein Geheimnis den Haffnern Mehlmessern Wildpretlern Wollschlägern Lebküchlern den Fellfärbern Mäntlern Joppern, in Reichsstädten, Bischofssitzen, Grafenresidenzen. Eben war es nur eine Belebung ihrer zünftlerischen Zusammenkünfte, bald eine unsicher tastende Bewegung, deren Stichwort noch nicht gesagt war.

Die stummen apathischen Massen der Edlen, die Patrizier, Gelehrten, katholische, protestantische. Sie bewegten sich. Was vorging, floß in sie wie ein elektrischer Schlag, der sie erzittern ließ. Der alte Barbarossatraum von dem freien großen deutschen Reiche lebte hier. Leidenschaftlich wollten einige wissen: Die Zeit sei erfüllt. Die Fiedler sangen so lieblich. Die Dinge aber enthüllten sich. Wallenstein zeigte sein grausiges Gesicht: „Ein einiges deutsches Reich, eine einige Knechtung.“ Söldner breitbeinig durch die Gassen, über die Märkte, Trommeln und Pauken hinterher. Die Sprache des neuen Herrschers Armut Entrechtung Versklavung. In Tierställe verwandelten sie das Heilige Reich. Aus ohnmächtiger Pein stiegen Bittschriften an den Kaiser. Die bezwungenen Landesherren schickten ihre Vertrauensmänner unkenntlich auf die Dörfer und Flecken, in die besetzten Städte, die Stimmung zu erforschen, Mut zu machen, aufzureizen. Da fanden sie wenig Liebe. Auf dem Lande wirtschafteten die Bauern, die Nachkommen jener stolzen, die vor hundert Jahren zu tausenden eingekesselt und niedergemetzelt waren von den Vorfahren der Edlen, die sie jetzt angingen. Sie fanden Grimm und Furcht nach beiden Seiten gegen Kaiserliche und Fürsten. Mißtrauisch, leidend sahen die Bauern auf die Musketiere und Reiter, mißtrauisch auf die flötenden bettelnden Abgesandten ihrer Herrschaften.

Nur ein Volk kicherte beim Anblick der finsteren Leiden Deutschlands: die Böhmen. Sie sahen die Rache sich vorbereiten, hörten das Knacken in dem Bogen des Kaisers, die Stücke der zerbrechenden Waffe würden ihm in Brust und Kopf eindringen. Sie jubelten, der Sieg konnte allein ihnen nicht entgehen. Wie ein Symbol über der Verderbnis des Herzog von Friedland, die Pest, in ihrem Lande geboren.