Bassewi ging den harten Herzog an. Der gab zurück: „Jammere er nicht, Bassewi. Er hat keinen Grund, über diesen Tod zu klagen, wo kein Deutscher einen Finger aufheben würde, wenn sein ganzer Stamm an einem Tage weggerafft würde. Wir kommen von der Stelle. Oder zweifelt er?“ Der weißhaarige Jude schüttelte mit weiten starren Augen den Kopf: „Ich werde nicht zweifeln, daß dem Herzog von Friedland irgendein Erfolg ausbleiben wird. Ich werde nicht daran zweifeln. Ich würde glauben, wenn der Herzog von Friedland ein Jude wäre, würde die arme Judenschaft morgen nach Palästina wandern können und das Reich Salomos neu begründen.“ Wallenstein lachte kräftig: „Hinbringen könnte ich Euch schon; aber der Großherr in Konstantinopel würde Euch verspeisen. Es wäre kein so schlechter Gedanke eines Christen, Euch hinzubringen.“ Der Jude runzelte die Stirn: „Bewahre mich Gott. Ich bin zufrieden, daß Ihr uns wohlgesinnt seid.“

Zwischen seinen grellgeputzten Vogelhäusern und Fischteichen spazierte Friedland mit seiner schönen Frau, im Vergnügen über das milde Winterwetter.

Sein Vetter, der klobige Oberst Graf Max Wallenstein führte neben der Herzogin ein Bologneserhündchen an der Leine. Friedland stand auf dem Kies, seinen Stock vor sich am Boden einstampfend: „Hätt’ ich geglaubt, daß die Dinge bei Mantua solchen Verlauf nehmen. Der Mund wird denen im Reich gestopft. Schaff’ mir Leute heran, Max; die Deutschen gehören nach Italien. Hast du bemerkt, was der Franzose macht. Er will ein Feind Deutschlands sein. Der! Richelieu, der überfeine, glaubt, uns in der Tasche zu haben. Sein Pater Joseph, der Kapuziner, er und der Tölpel Ludwig haben uns schon. Eine Freude! Er bringt unsere Feinde um, jeden Tag hundert mehr; wie gut sich die Menschen eignen zu unserer Bedienung. Und wir — wir haben jeden Tag ein Stückchen Sorge weniger.“ Gepeinigt pfiff die Herzogin ihrem tanzenden Hündchen; sogar Graf Max sah betroffen an seinem Zobelpelz herunter. Wallenstein prahlte, mit seiner knöchernen Linken heftig gestikulierend: „Wir werden stärker; aber er kriegt den Kaiser nicht herunter. Er kann es anstellen, der besessene Seidenspinner, wie er will, er tut uns einen Dienst. Die Franzosen, Max — die haben mir gefehlt.“ Er zotete vor der erblassenden Herzogin von der vortrefflichen Franzosenkrankheit, die sein Heer befallen hätte. Sprudelnd zog er die Arme der zu Boden blickenden Frau an sich.

In dem kleinen astronomischen Kabinett, in einem Flügel seines Palastes, mußte bei Fackelschein der paduanische Astronom Argoli, mit seinem sanftmütigen schmeichelnden Schüler, dem Johann Baptist Zenno, die Aussichten des Feldzugs berechnen. Pläne auf Pläne legte er ihm vor, sie hatten die glückbringenden Tage anzugeben. Die unermeßliche Nacht blickte zu ihnen herein. Erregt, vor sich murmelnd, ging Friedland unter der Bronzetafel, in die sein eigenes Horoskop eingegraben war: „Tiefsinnige, melancholische Gedanken macht Saturn, die menschlichen Gebote werden verachtet. Jupiter folgt. Der Mond steht im Zeichen der Verworfenheit.“ Friedland stellte sich unter Knurren und Lachstößen neben Argolis Fernrohr: „Ich bin ein frommer Christ, Argoli. Du weißt, was ich gestiftet habe. Man wird mich nicht für teuflisch halten, weil du mir die Geheimnisse Gottes deuten sollst.“

Die unaufhaltsam über die Lombardei niederströmende Menge breitete sich aus. Von der Schweizer Grenze blühend Gebiet neben Gebiet, das Herzogtum Savoyen, Piemont, das spanische Mailand, die große Republik Venedig von Bergamo bis Belluno, Gradiska. Was geneigt war, sich aufzubäumen, bäumte sich auf. Im Süden der Staat des gewaltigen von Civitavechio bis zum Kastelfranko herrschenden Papstes Urban.

Er hatte mit Ruhe den deutschen Krieg toben sehen; jetzt brüllte er über das Vordringen der Männer aus dem fluchwürdigen Lande, das die Ketzerei geboren und großgezogen hatte. Der brutale spanische Botschafter Gasparo Borgia fuhr stolzgebläht zur Audienz beim Heiligen Vater, der ihn nicht zuließ; aber feierlich holte der Kardinalstaatssekretär Franzesko Barberini, der Nepot, die bayrische Kreatur Krivelli aus seinem Quartier ab zum Papst.

Der Papst schnob gegen ihn: das Haus Österreich ist der Kirche abtrünnig geworden, daß es keinen Fürsten mehr achte; maßlos übermütig, mischt es sich in die Verhältnisse Italiens ein, mit gräßlichen Massen des Abschaums aller Nationen bewirft es den blühenden Boden der Lombardei; die Züchtigung Gottes wird nicht ausbleiben; von solchem Treiben des Hochmuts wendet sich der Gerechte ab.

Mit donnernder Stimme warnte er vor Eingriffen in seinen Machtbereich; der Papst sei vom Heiligen Geist selbst auf den Stuhl gehoben, er habe die Pflicht, die Gerechtsame Gottes wahrzunehmen. Die Verbrecher würden es so lange treiben, bis das Breve der Verdammung an den Kirchentüren angeschlagen werde und er alle Kreatur gegen sie aufrufe.

Der Gesandte des Wiener Hofes wagte sich zum Protest in den Vatikan. Der achte Urban, auf seinem Stuhl sitzend, ein ungeschlachter graubärtiger bäurischer Mann in weißseidener Soutane, einen roten breitkrämpigen Filzhut auf dem glühenden Kopf, übergoß ihn mit ätzenden Worten: „Die höchste Richtergewalt liegt beim Kaiser. Wie aber kann ich richten, kommt nicht mein Amt und Richterspruch von Gott? Wie kann ich mich vergreifen, wie darf ich es an Gottes Geschöpfen? Denn diese Menschen sind vielleicht kaiserliche Untertanen oder kaiserliche Unterworfene, aber sie sind auch Gottes Geschöpfe. Und wir wissen doch, daß wir im letzten Augenblick gleich sind vor dem himmlischen Herrn, gleich die Richter und Gerichteten. Sie werden beide nicht leicht zu schleppen haben. Fürchten sich die Herren dieser Welt, daß sie sich nicht gar zu viel aufbürden! Der Triumph des Rechtes wird nicht ausbleiben.“

An das umstehende Kolleg wandte er sich, sich schüttelnd vor Abscheu, den Gesandten keines Blickes mehr würdigend: „Es gibt Menschen, die ihre Machtgelüste auf das schamloseste, auf das tiefste beleidigend maskieren. Sie wagen es mit dem Schein der Frömmigkeit sich zu schmücken. Es ist schwer zu verstehen, wodurch sich diese Menschen, wenn sie richten, von Mördern unterscheiden und von Dieben, von Räubern. Die lombardische Erde wird davon zeugen. Ich will nicht mehr davon sprechen, es ist uns ein grausiges Geschick, daß dies in die Zeit unseres Wirkens hineinschlägt.“