„Wie könnt Ihr schöne Briefe schreiben, Eggenberg. Schön stilisieren! Schlau setzen. Welcher Advokat ist an Euch verlorengegangen.“ „Unsere Not ist groß, gnädigster Herr, sie ist ungeheuerlich, kaum aussprechbar. Das Reich war noch nie in solcher Gefahr.“ „Und ist es nicht recht beschämend für uns, dem Heiligen Vater solchen Brief zu schreiben.“ „Nur eins bitte ich Eure Kaiserliche Majestät, mir diesmal willfahren zu wollen.“ „Warum so ernst, Eggenberg; will Euch ja gern willfahren.“ Und als Eggenberg ihm nur stumm die Feder hinhielt: „Sieh da, wie Ihr zittert!“ Steif hielt Eggenberg die Feder, wortlos schrieb Ferdinand nach einer Weile.

Und lautlos, als er unterschrieben hatte, stand Ferdinand, wie von einer Eingebung berührt, von seinem Stuhle auf; das rieselnde Gewimmel der geschnitzten Männer und Frauen an den Lehnen sank hinter ihm herunter, sein Gesicht gesenkt, von einem Lächeln der Spannung verzogen, seine Stimme hoch leise fragend: „Es ist gut, daß ich dies unterschrieb. Der Weg ist gut, Eggenberg. Ich billige ihn. Ich bin dabei. Ihr wollt den Heiligen Vater befragen. Es soll mir eine Freude sein ihn zu hören. Ich möchte eine Stimme von ihm hören.“ Und dann als Eggenberg dankbar antwortete: „Eggenberg, dies hat dir die Jungfrau eingegeben. Woher hast du das? Du willst den Heiligen Vater befragen. Siehe da, wir werden den Heiligen Vater sprechen hören. Wir werden ihn hören.“ „Er wird uns nicht im Stich lassen.“

Ferdinand hob den linken Arm, streckte den Zeigefinger in die Höhe: „Die Frage wird an ihn herantreten. Er wird ihr nicht aus dem Weg gehen können; sein Geist wird antworten müssen. Ein Versuch. Eine Versuchung.“ Mit den Händen rückwärts den Stuhl abtastend ließ er sich nieder; er lachte wieder gutmütig und zerstreut, den Kopf auf den Tisch über dem Schriftstück aufstützend: „Ich weiß, wie er antworten wird, Urban der Achte in Rom.“

Der große Pazmany hatte sich auf den Weg gemacht, den Heiligen Vater zum Schutz des alleinseligmachenden Glaubens im Römischen Reiche zu bewegen. Einen Monat reiste er aus Ungarn, während der schreckliche Schwede seine Verwüstungen weiter trug. Ehre erweisend kamen ihm römische Edle und Kardinäle vor Rom entgegen. Den Kardinalshut verlieh ihm der Papst, ehe er sprechen durfte. Dann suchte ihn der Papst zurückzuschrecken, indem er ihn warnte, sich zum Gesandten herzugeben, ein Kardinal, der im Rang eines Königs stände. Die Nachgiebigkeit Pazmanys ebnete alles; der Papst konnte nicht ausweichen.

Wohin der Heilige Vater es kommen lassen wolle in seiner Furcht vor Habsburg; ob die vielen Millionen frommer rechtgläubiger deutscher Seelen es bezahlen sollten mit ihrer Seligkeit, wenn der Ketzer über sie käme. Da verbat sich der Italiener, nervös die Zähne fletschend, die vulgäre Rhetorik. Pazmany gab nicht nach, obwohl ihn schauerte; er dachte an das, was ihm Lamormain vom Kaiser gesagt hatte; mühte sich für den Kaiser. Der Papst, starkknochig herumwandernd um den stehenden Ungarn, grollte heftiger, je mehr er fühlte, daß der Fremde ihn bloßlegen wollte; er schrie drohte höhnte wurde giftig. Bei der zweiten Begegnung kam es wie erwartet zu keiner Unterhaltung; Urban, seinen Schnauz- und Backenbart reibend, gab schmatzend und wohlgelaunt von sich, was er den Bescheid nannte; ein Zettelchen, auf dem er die Punkte notiert hatte. Den Franzosenkönig abziehen vom schwedischen Bündnis? Er hätte König Ludwig immer für einen frommen Katholiken gehalten, versehe sich von ihm nur Gutes für den Glauben, werde ihn ermahnen. Ein Bündnis mit Spanien und Habsburg? Nein; er kämpfe so wenig gegen Habsburg wie gegen Frankreich. Geldunterstützung? Er hätte kein Geld. „Genug; weiter kein Wort. Ihr seid als Kardinal hierher gekommen, ich habe genug von Euch als Gesandten gehört; entwürdigt Euch nicht, raubt Euch nicht selbst kostbare Zeit.“ Sitzungen, Feiern, Messen.

Und dann in seinem Rücken der ausbrechende Jubel des Adels auf dem Kapitol: „Der Kaiserliche zieht ab! Gottes Rache! Gottes Rache! Gottes Barmherzigkeit hat sie ihr Ziel nicht erreichen lassen. Jetzt werden sie Rom nicht plündern.“

In Scham fuhr der große Lehrer Pazmany ab; der päpstliche Pomp begleitete ihn eine Strecke. Scham und Erschütterung; es war erwiesen, daß die Kirche nicht einte. Die Fahrt ging ihm zu schnell, er wollte zwei Monate drei Monate reisen. Und nach drei Monaten war nichts gebessert; er wollte schneller hin, alles ablegen, sich in die Bücher verstecken. Die Schmach vor den Ketzern.

Wie ein feuersprühender Drache stand der unscheinbare kleine so freundliche Eggenberg vor ihm: „Ihr braucht Euch nicht zu entschuldigen. Ich weiß, Ihr habt getan, was ein Mensch tun kann. Dieser da in Rom hat nicht getan wie ein Mensch. Das ist der Ruin. Das ist der Verrat am päpstlichen Stuhle. Wir in Not, unser Land mit Millionen Katholiken, und an Politik gedacht! Wir am treusten ihm anhängig, am reichsten der Kirche spendend, und er kann uns nicht unterstützen, hat keine Waffen und kein Geld.“ Trauervoll besänftigte ihn Pazmany; Eggenberg wurde bitterer, stand vernichtet. „Dies heißt, der Papst legt uns Wallenstein auf. Befiehlt uns, selber Hand an uns zu legen. Ein niederer, o so niederer falscher Zug. Das hat ihm Richelieu zugeflüstert; es ist so unmenschlich schlau, ich weiß nichts dagegen. Sie haben wohl schon alles beredet mit dem Friedländer, es läßt sich mit ihm leicht regieren. Sie werden sich täuschen. Wie er über das Reich und über Habsburg fallen wird, so über den Papst und Frankreich. Sie werden bereuen, was sie uns angetan haben. Daß sich die Waffe nicht gegen sie wende, daß sich das Verbrechen gegen sie selber richte.“ Stundenlang sprach Pazmany auf seinen verstörten kleinen Freund ein, dann Abschied mit verwirrten Worten, Hals über Kopf aus Wien; nach Ungarn.

Eggenberg zog sich mit Riemen am nächsten Tag vor Ferdinand, jeden Schritt bezahlte er mit einem Entschluß. Wie Ferdinand ihn kommen sah, richtete er sich mit demselben sonderbar gespannten Ausdruck aus dem Stuhl auf ihn, hauchend: „Seht, seht, da kommt Ihr.“ „Nun, was werdet Ihr mir berichten.“ Eggenberg berichtete, Pazmany sei erzürnt zurückgekehrt aus Rom, wo er den Papst gesprochen habe. Der Kaiser immer stehend: „Seht, er hat den Papst gesprochen. Und der Papst, ja, was hat er gesagt?“ „Er hat nichts Schriftliches mitgegeben. Hat auf einem Zettelchen sich drei Punkte notiert und das hat er dem Kardinal vorgelesen.“ „So ist es. Dies hat er vorgelesen.“ „Es soll nicht möglich sein mehr Geld zu steuern an uns wie jetzt; es ginge nicht an, den französischen König scharf zu verwarnen oder an unsere Seite zu verweisen, und uns anschließen könnte sich der Papst gar nicht.“ „Es ist nicht möglich Geld zu steuern und sich mit mir zu verbünden.“ „Er kann den König Ludwig nicht scharf verwarnen.“ „Seht Ihr! Seht Ihr!“

Fassungslos heulte der alte Eggenberg an seinem Kaiser, die Tränen liefen ihm in die breitgezogenen Mundwinkel; er weinte, ohne das Gesicht abzuwenden, wiegte in Schauder und Schmerz den Kopf hin und her. Gleichgültig spielte Ferdinand mit seiner Schärpe, schlenkerte das Goldene Vließ. Als wenn es nichts wäre, meinte er, Eggenberg möchte doch nicht weinen. „Weinen. Wer wird weinen. Was im Leben alles geschieht. Sind wir denn verlassen? Was einem begegnet.“