Ein trübes Gegensatzbild zum britischen Weltreich, wo nationale Kraft bis auf einen gewissen Grad trotz der verschiedenen Landesnatur, trotz der riesigen Entfernungen sich einheitlich und dadurch stark erhält, bietet Österreich-Ungarn. Eine mächtige Schlagader für die Einheit seines Wirtschaftslebens ist ihm durch den Donaustrom beschieden; an ihm liegen seine beiden prächtigen Großstädte, nach ihm gravitiert der Hauptverkehr, selbst der böhmische, denn offen liegen die Wege von Böhmen nach der mährischen Donauprovinz, somit nach Wien, wogegen nach Norddeutschland bloß der eine Engpaß des Elbthals als natürliche Verbindungsstraße führte, bis in den Beginn des 19. Jahrhunderts obendrein wenig benutzt. Indessen es stoßen hier unversöhnte Völkergegensätze in engem Gehege aufeinander. Ungarn haben wir so gut wie unabhängig werden sehen, und die Magyaren sind rüstig dabei, ziemlich schonungslos ihren Staat national auszubauen bis zum trefflich grenzenden Mauerbogen der Karpaten. In Österreich aber tobt der Unfriede zwischen Deutschen, Tschechen, Polen, Slowenen und Italienern weiter; die wie zum Spott sogenannte Versöhnungspolitik des verflossenen Ministeriums Taaffe hat einen wechselseitigen Völkerhaß dort ins Kraut schießen lassen, der die jetzt erhoffte Verknüpfung der Reichsteile auf der Grundlage realer, vornehmlich wirtschaftlicher Interessengemeinschaft recht fern rückt; und wie lose sind in der That an diesen Donaustaat angeschlossen Länder wie Galizien und Dalmatien!
Doch man behaupte ja nicht: da sieht man, wie Nationen wesentlich doch aus Blutsverwandtschaft hervorgehen! Nein: Österreich beweist nur, daß thörichte innere Politik und andere unglückliche Umstände, vor allem auch eine ungeographisch am grünen Tisch zurechtgeschmiedete Zusammenschweißung von Ländern die Verschmelzung verschiedenartigen Volkes hemmt, zumal wenn die Gemeinsamkeit der Wirtschaftsinteressen bei peripherischen Gliedern eine so geringe ist wie beim adriatischen Litoral und dem galizisch-bukowinischen Außenrand der Karpaten. Rußland war ethnisch noch viel buntscheckiger als das heutige Österreich, bis Peter der Große und Katharina II. dem ursprünglich nur im Centrum der großen osteuropäischen Niederung wohnenden Großrussenvolk die Herrschaft über die ringsum gelagerten Völker, die Küsten der Ostsee und des Schwarzen Meeres gewann, so daß nun der umfangreichste aller Nationalstaaten der östlichen Erdfeste sich ausgestalten konnte, alles Nichtrussische allmählich russifizierend, unterstützt durch die Österreich fehlende Bodenform des weiten Tieflands ohne jede Gebirgsscheide, was sich für Ausgleichen volkstümlicher Gegensätze, für Aufrichtung straffer Staatseinheit zufolge schrankenlosen Verkehrs stets so günstig erweist.
Wollen wir schlagende Beweise, daß nicht Blutsverwandtschaft, sondern Eigenart des Wohnraums in erster Linie nationaler Ausbildung die Wege weist, so brauchen wir gar nicht über Europas Grenzen hinauszublicken. Wie schwer würde es fallen, Siebenbürgen mit dem rumänischen Nachbarland unter einen Hut zu bringen, trotzdem doch beide Lande so gut wie allein von Rumänen bewohnt werden! Ganz wie von selbst haben wir es dagegen geschehen sehen, daß die Moldau und Walachei als linksseitiges Uferland der unteren Donau sich staatlich einten, während Siebenbürgen beim karpatischen Donaureich Ungarn verblieb. Portugal löste sich aus dem spanischen Nationalverband heraus wie die Niederlande aus dem deutschen einzig und allein auf der Grundlage litoraler Sonderinteressen; so wurden die Portugiesen eine eigene Nation, erhoben ihre spanische Mundart zur Schriftsprache, wurden früher seegewaltig als ihr spanisches Hinterland; und ganz dem entsprechend die Niederländer, deren Kolonialbesitz 280 Jahre älter ist als der deutsche. Die englische Nation entstand, wie jeder weiß, dadurch, daß deutsche Angeln, Sachsen und Friesen nach Britannien hinüberzogen, die norwegische dadurch, daß die dänischen Normannen an der ozeanischen Fjordenküste Skandinaviens heimisch wurden.
Frankreichs wie Italiens nationale Einheit beruht mitnichten auf ursprünglicher Blutsverwandtschaft, sondern auf dem natürlichen Zusammenschluß jedes der beiden Länder, ihrem Abschluß nach außen durch Meer und Gebirge. Die Völkergruppe der Kelten, aus der die Franzosen hervorgingen, breitete sich auch über Hispanien, die britischen Inseln, West- und Süddeutschland, ja über Oberitalien aus; nur ein Teil dieser Völker hatte Frankreich inne und verschmolz daselbst mit ganz fremden Völkerschaften: Iberern und Ligurern, Römern und Griechen, Franken und Burgundern. Nicht anders wuchs die Nation Italiens aus den verschiedensten Bevölkerungselementen, auch deutschen, hellenischen und arabischen hervor; zweimal hat sie uns das fesselnde Schauspiel gewährt, daß sie genau innerhalb des nämlichen Raums von den Alpen bis nach Sizilien sich ausgestaltete: einmal im Altertum bis unter Augustus, dann wieder nach der Zerstörung durch die Stürme der Völkerwanderung.
So gleichen natürlich geschlossene Landräume Hohlformen, in welche die bildsame Masse verschiedenster Volksart sich einschmiegt, um zur nationalen Einheitsform zu verschmelzen. Die Masse kann wechseln, die Form bleibt. Flußthäler, die Schiffahrt längs den Küsten, offene Ebene, bequem überschreitbare Gebirge erzeugen in dem nämlichen Landraum immer wieder die nämlichen Verkehrs- und Handelslinien; größere Meeresflächen, höhere Gebirge schranken von der Fremde ab. Handel und Verkehr aber sind die einflußreichen Bildner der Völker; sie greifen nicht so geräuschvoll ein wie Naturkatastrophen oder Völkerschlachten, dafür sind sie alltäglich bei ihrem Werk, kleine Ursachen in milliardenhafter Summierung zu großen Wirkungen hinanführend.
Ernste Pflicht dünkt es uns, der Störung des Völkerfriedens entgegenzutreten, die da heuchlerisch einherschreitet unter der Lügenmaske eines Napoleon III. vom „Nationalitätsprincip“, nach dem die Staaten Europas sollten zurecht geschnitten werden. Der schlaue empereur zog mit dieser klangvollen Fanfare nach Italien, nur um Österreich zu demütigen und sich mit der Abtretung von Savoyen nebst Nizza ein gutes Trinkgeld von Italien zu holen, das französische prestige mit etwas neuer gloire zu vergolden. Am liebsten bekanntlich hätte er uns die linke Rheinseite nach der unendlich fadenscheinigen Anwendung des Nationalitätsgrundsatzes abgenommen, weil, wie er in seiner Vie de Jules César laut betont, die französischen Gallier einstmals bis an den deutschen Rhein heranreichten. Wenn dergleichen Weisheit genügen soll, den Länderbestand anzutasten, dann mag man der italienischen Irredenta nur gleich Südtirol ausantworten und Triest dazu. Mehr aber als die Thatsache, daß man in Triest italienisch redet, gilt doch das historische Recht, die Erinnerung daran, daß Triest, um im Wettbewerb gegen Venedig Hilfe zu erlangen, im 14. Jahrhundert freiwillig unter Habsburgs Schutz trat und alles, was es heute ist, Österreich verdankt; noch schwerer aber wiegt es, daß wohl Italien, jedoch nicht Österreich Triest entbehren kann, diese seine Weltmeerpforte, das österreichische Hamburg.
Es muß der Überzeugung Raum geschaffen werden, daß gesunde Staaten reale Interessengemeinschaft vertreten und in diesem Sinn, aber nicht im ethnologischen Nationalstaaten darstellen. Wahr also bleibt der Satz des verdienstvollen französischen Anthropologen Quatrefages: Toute repartition politique, fondée sur ethnologie, est absurde. Auch unser neues Reich ist zuerst als ein engerer Verkehrs- und Handelsbezirk aus dem alten Deutschland herausgetreten, denn es erscheint 1834 als Zollvereinsgebiet fast schon genau in seinen heutigen Grenzen. Ohne Blut und Eisen vermochte es freilich nicht seine Losgliederung von dem in ganz andere Interessenkreise hineingezogenen Österreich zu erringen und zuletzt im gerechtesten und herrlichsten aller Kriege die Kaiserkrone zu erwerben. Dafür steht es nun auch um so geachteter da, ein treuer Schutz und Schirm des echtesten Deutschtums, ein eherner Verband zwischen Nord und Süd, vom Fels der Alpen bis zum Meer, ein wohlbewahrtes Haus für friedliche Bewohner, die sich zusammenthaten, weil’s ihrer Arbeit frommte und weil sie auch zumeist sich rühmen können als Söhne und Töchter Germanias verschwistert zu sein, ja allesamt sich eins fühlen, da sie seit Jahrtausenden schon Freud und Leid miteinander geteilt haben. Doch vergessen wir es nicht: weder Blutsgenossenschaft noch geistiges Verwandtschaftsgefühl allein gewährleistet uns das Glück unserer Zukunft, einzig der thatenfeste Wille, die Brüderlichkeit fest und ehrlich zu wahren, erhält eine Nation.