Die Mehrzahl der Darstellungen schliesst sich indes den Erzählungen des neuen Testamentes an, in welchem ja der Teufel und die Dämonen, wie wir gesehen haben, häufig erwähnt und mit dem Leben des Herrn oder seiner Apostel und Nachfolger in Beziehung gebracht werden. Aus diesen Scenen lernen wir die künstlerische Gestalt des Teufels am besten kennen.
Eine beliebte Illustration bilden die Versuchungen Christi,[107] welche jene Zeit, ohne zu grübeln, nach dem Texte des Evangelisten buchstäblich wiedergegeben hat. Die Versuchung erfolgte bekanntlich an drei Orten: in der Wüste, auf der Zinne des Tempels und auf einem hohen Berge. Sie äussert sich auf dreifache Art. In der ersten wird der Heiland durch Hunger gequält, in der zweiten ein Beweis seiner Allmacht verlangt, in der dritten an seine Herrschsucht appelliert. Diese feinen Unterschiede der Erzählung sind in den Kompositionen der drei Scenen vom VIII.–XII. Jhrdt. nirgends zum Ausdruck gekommen, offenbar weil die Kunstmittel dazu nicht ausreichten, sondern der Teufel, der im Texte als Repräsentant dreier Laster erscheint, der Genusssucht, des Stolzes und der Herrschbegierde, wird immer in gleicher Weise dargestellt. Welche Versuchung gemeint ist, kann man allein äusserlich aus der gewöhlich ziemlich bestimmt gezeichneten Örtlichkeit erkennen. Von den häufigen Illustrationen in Miniaturen dürfte die des Gregor v. Nazianz (IX. Jhrdt.) die frühste sein, welche wir kennen.[108] In dem byzantinischen Manuskript ist der Versucher in menschlicher Gestalt, schwarz, geflügelt, nackt bis auf den Lendenschurz dargestellt. In einer Handschrift Kaiser Otto’s in Aachen (X. s)[109] tritt der Teufel in den drei Bildern als fast nackter Mann auf. Er ist nur mit einer graublauen Binde bedeckt, welche um den Leib gewickelt ist, zum Halse aufsteigt, ihn umschliesst und von der rechten Schulter über die Brust herabhängt. Er stützt sich auf einen Stab. Als Teufel charakterisieren ihn Flammenhaare und grosse rote Flügel. In dem einen Bilde erscheint er als eine Kreatur von niedriger Gestalt, die vor Christus zu fliehen scheint, in einem andern ist er rein menschlich gebildet und zeigt mit lebhaftem Gestus auf die Steine. In der Handschrift No. 110 zu Berlin (X. Jhrdt.) ist er als geflügelter, stierköpfiger Mensch gebildet. Seine Farbe ist blass schwarz. An den Waden und Ellenbogen hat er spitze, hornartige Auswüchse.[110] In dem gleichzeitigen Wandgemälde von S. Angelo in Formis, das zweifellos von griechischen Künstlern ausgeführt ist, kommt Christus zwischen Palmen von links her geschritten. Vor ihm steht der Teufel in gebückter Haltung und nimmt aus einer Vase Steine, wobei er Christus ansieht, als wollte er sagen: »Bist Du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.« Der Teufel ist als hagerer Mann mit grossen Flügeln gebildet in ähnlicher Auffassung wie bei Gregor v. Nazianz und in Aachen.[111] In dem Višehrader Evangeliar (XII. Jhrdt.) trägt der Teufel, dessen Füsse hier in Krallen ausgehen, eine Hacke, welche die in Brot zu verwandelnden Steine aufzuheben bestimmt ist.[112] Eine interessante Darstellung findet man in dem psalterium cum figuris (XII. Jhrdt.) Christus steht auf dem Gipfel des Berges, vor ihm Satan ein Spruchband haltend mit der Inschrift: »Haec omnia tibi dabo, si cadens adoraveris me.« Hinter dem Herrn steht der Teufel noch einmal, um anzudeuten, dass er den Heiland auf den Berg getragen hat. Der Versucher hat Adlerklauen, eine Fratze auf dem Leibe und ein Schwänzchen.[113] Mit diesen Miniaturen stimmt auch inhaltlich das Relief auf der Bernwardsäule überein.[114] Der Versucher, ein nackter Mann ohne weitere Attribute, flieht entsetzt vor dem standhaft gebliebenen Erlöser.
Die Übereinstimmung der Compositionen untereinander und mit den Vorschriften des Malerbuches vom Berge Athos[115] spricht nicht nur für den geistigen Zusammenhang der Illustratoren, sondern auch für die gemeinsame Provenienz des Stoffes, und die geringen Abweichungen, z. B. in den Attributen des Teufels fallen bei der gleichen Gesammtauffassung nicht in’s Gewicht. Wenn Dobbert sagt,[116] dass das Specifisch-Byzantinische der Versuchungsbilder in St. Angelo in Formis auf dem Gebiete der Gebärden- und Bewegungsmotive liegt, so gilt dies auch für die abendländischen Darstellungen.
In einer neuen Gruppe von Bildern, welche Heilungen von allerlei Besessenen darstellen, erscheint der Teufel als Urheber der Krankheit. Die bekannteste darunter ist das Wunder zu Gerasa,[117] ein, wie es scheint, schon früh, vielleicht im fünften Jahrhundert, behandeltes Thema; und wenn wir dieses erst jetzt betrachten, so geschieht es deshalb, weil die Darstellung ihrer Entstehung nach auf Byzanz weist, dazu das historische, nicht das symbolische Element betont. In allen Bildern dieser Art ist das von Christus vollzogene Wunder die Hauptsache. Um es begreiflich zu machen, entschweben dem Munde der Besessenen kleine Dämonen, welche sich auf eine Herde Schweine stürzen. Auf einer byzantinischen Elfenbeinarbeit aus dem fünften Jahrhundert[118] lässt der unbekannte Künstler den Dämon aus dem Munde des Besessenen entschweben, und eine Herde Schweine sich in das Wasser stürzen, um anzudeuten, dass der böse Geist in diese Tiere gefahren ist. Ähnlich ist ein Mosaikgemälde in St. Apollinare Nuovo zu Ravenna.[119] In späterer Zeit, vom IX. Jhrdt. an, wird die Scene reicher ausgeschmückt. Die Stadt Gerasa und ihre Einwohner erscheinen da im Hintergrunde und sind Zeugen des Wunders. Der Besessene ist dabei meist gefesselt, offenbar ein Zeichen, dass er sich noch in der Gewalt des Teufels befindet. Manchmal liegen die Fesseln gesprengt am Boden, um die erlangte Befreiung aus der Gewalt der Dämonen anzudeuten. Darstellungen dieses Inhalts kommen häufig in Miniaturen vor, so in dem Utrechter Evangelienbuch (X. Jhrdt.)[120] und auf den Wandgemälden der Insel Reichenau (X. Jhrdt.).[121] Auch in den Darstellungen des XI. und XII. Jhrdt. ist, was die Komposition anlangt, keine Änderung vorgenommen. Alle diese Darstellungen, besonders die beiden zuerst genannten, zeigen gleichfalls die traditionelle Abhängigkeit von Byzanz.
In den übrigen Scenen, welche sonst noch die Heilung von Besessenen behandeln, ist die Ausführung ähnlich.[122] Der Dämon entschwebt stets als kleines geflügeltes Männchen dem Munde.[123] Einmal in der Handschrift des neuen Testamentes im Vatikan ist er sogar als kleiner antiker Satyr mit Hörnern und Schwänzchen gebildet.[124]
Eine wichtige Rolle spielt der Teufel in dem Leben des Judas Ischarioth. Der Verrat Christi ist sein Werk; denn es heisst Ev. Joh. 13,27: »Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn.« Als wortgetreue Illustration zu diesem Text ist der Teufel als roter Vogel, der in den Mund des Verräters fliegt, auf mehreren Abendmahlsbildern bezeichnet. Judas sitzt gewöhnlich isoliert von den Jüngern, eine Anordnung, die schon in den ältesten Darstellungen des Abendmahles erscheint. So taucht z. Bspl. im Višehrader Evangelienbuch der allein sitzende Judas mit der Rechten in die Schüssel und führt mit der Linken den Bissen in den Mund, wobei zugleich der Teufel in Gestalt eines roten Vogels hineinschwebt.[125] Im Münchener Evangelienbuch fährt ein schwarzer Dämon in den Mund. Auf einem Wandgemälde der Portikus Hadrians zu Athen macht ein schwarzer Dämon am Ohr des Judas diesen als Verräter kenntlich.[126]
Der Teufel, welcher durch den Verrat des Judas ein Anrecht auf diesen hat, nimmt deshalb auch nach dem Tode des Verräters von diesem Besitz. Nach Math. 27,5 hat sich Judas erhängt. Nur zwei hierauf bezügliche Darstellungen sind anzuführen. Die erste befindet sich in einem byzantinischen Manuskript, welches Waagen beschreibt. Der schwarze Teufel zieht Judas an einer schwarzen Schlinge, die um seinen Hals geschlungen ist, empor, um ihn an einem Baume aufzuhängen.[127] Der Teufel knüpft also selbst den Verräter auf und wird so zum Strafvollstrecker, während in dem Bilde auf den Erzthüren von Benevent (XII. Jhrdt.) sich Judas bereits selbst erhängt hat. Ein kleiner nackter Teufel hat ihn umarmt, um seine Seele in Besitz zu nehmen.[128]
Schliesslich sei noch auf die Darstellung des Judas Ischarioth nach dem Tode in der Hölle hingewiesen, welche aber an anderer Stelle ausführlich besprochen werden soll. Aus allen diesen Scenen aber ist ersichtlich, dass zwar die künstlerische Darstellung des Teufels sich eng an die Bibel anschliesst, zugleich aber auch der Auffassung der Zeit entspricht, welche den Teufel als den intellektuellen Urheber der verräterischen That und den Strafvollstrecker hinstellt.
Mit diesen letzten Bildern dürften die Kompositionen, in denen der Teufel auftritt, erschöpft sein. Wir gehen nunmehr zur Betrachtung der Höllendarstellungen über, in denen zwei Auffassungen, die symbolische und reale, gleichzeitig und parallel miteinander auftreten. Eine Ableitung also der einen aus der andern, wie sie vielfach mit Glück für andere Stoffe aus der altchristlichen und späteren Kunst nachgewiesen ist, dürfte also hier ausgeschlossen sein.
Von der symbolischen Gattung hat Dr. Georg Voss[129] einige byzantinische Miniaturen erwähnt. Die Hölle ist als Hades in einer Gestalt, die teils an Silen,[130] teils an den dreiköpfigen Cerberus[131] erinnert, dargestellt. Für diese Bilder sind antike Motive klar. Eine ganz vereinzelte Darstellung, deren Ursprung ich nicht erklären kann, befindet sich in einer lateinischen Bibel in Paris (X. Jhrdt.). Zu einem kegelförmigen Hügel zieht spiralförmig ein Weg hinauf. Aus der trichterförmigen Spitze schaut ein missgestalteter Kopf heraus, welchen eine Inschrift als facies abyssi im Anschluss an Gen. 1,2 bezeichnet (eine merkwürdige Vorstufe zu Dantes Schöpfung).[132] In einer vatikanischen Handschrift aus dem XII. Jhrdt. wird die Hölle als schilfbekränzte, weibliche Gestalt dargestellt, welche Pharao in den Abgrund zieht.[133] Sonst wird sie noch häufig durch den weitgeöffneten Rachen eines drachenartigen Ungetüms angedeutet. So ist auf den Korsunschen Thüren zu Nowgorod (XII. Jhrdt.) als Thürklöpfel der geöffnete Rachen eines Löwen angebracht. Aus dem mit scharfen Zähnen besetzten Rachen schauen fünf Unglückliche heraus. Oberhalb des Kopfes steht: Die Hölle verzehrt die Sünder.[134]