Nun bleibt aber noch ein großer Teil der Hirnrinde (nach Flechsig reichlich zwei Drittel) frei, wohin keine Nervenfasern von den Sinnesorganen verlaufen, und von wo sich auch keine Verbindung zu Muskeln nachweisen läßt.
Es liegt nahe, dorthin die Vorstellungs- und Gedankenverknüpfung (die Assoziations- und Apperzeptionstätigkeit) zu verlegen. So unterscheidet Flechsig auf Grund entwicklungsgeschichtlicher und reicher praktischer Erfahrung als Irrenarzt drei große Assoziationszonen, die aber noch nicht allgemein als solche anerkannt werden, gegen die sich sogar schärfster Widerspruch erhebt.
Die Mehrzahl der Forscher neigt nämlich zu der Annahme, daß die verbindende und verknüpfende Fähigkeit unseres Geistes nicht von genau zu umgrenzenden Zonen (Assoziationsherden) abhängt, sondern daß bei solchen Vorgängen größere oder geringere Teile der gesamten Hirnrinde mitarbeiten. Dieser Meinung ist z. B. Wundt.
Aber auch Flechsig behauptet nicht, daß die von ihm angegebenen Stellen des Gehirns unabhängig von andern arbeiten können. Er meint auch, daß wir Vorstellungen in tausend-, hunderttausend- und millionenzellige mit Rücksicht auf die dabei in Tätigkeit tretenden nervösen Elemente einteilen können. Wenn wir etwa das Wort Honig schreiben, so wird dem Schreibbezirk eine gewisse Führerschaft zukommen, aber es muß doch erst in einer andern Zone ein Vorstellen des Wortes Honig stattfinden. Da wir häufig während des Schreibens leise Sprechbewegungen vollziehen, die, durch Hebelvorrichtungen aufgezeichnet, sich nachweisen lassen, also auch deutlich oder undeutlich der Klang des Wortes im Bewußtsein anklingt, müssen jedenfalls auch die Sprech- und Hörzone mitarbeiten, ebenso die Sehzone; denn jedes Wort wird ja auch gesehen, meist sogar noch prüfend überflogen. Außerdem schreiben wir das Wort nicht geistlos hin, wir sind uns über seine Bedeutung klar. Dann arbeitet die Wortbedeutungszone mit. Dazu denken wir vielleicht an die gelbe Farbe des Honigs, die Vorstellung vom süßen Geschmack läßt uns das Wasser im Munde zusammenlaufen (Geschmacksbezirk). Denken wir nun noch an seinen Urheber, an die summende Biene (Gehör-Gesicht), an seinen Ursprung, den Blütenkelch, usw., so ist als sicher anzunehmen, daß bei diesem doch immerhin einfachen seelischen Erlebnis beinahe die ganze Gehirnrinde mitarbeitet.
In der Schläfengegend liegt die sogenannte Insel. Tiefe Erkrankungen der linken Insel führen bei Rechtshändern meist zu starken Sprachstörungen. Nach Flechsig ist sie schon durch ihre Lage und ihre Nervenverbindungen dazu berufen, besonders in der linken Gehirnhälfte die zerstreuten Bezirke der Sprache einheitlich zusammenzufassen. Aber schon gegen die Abgrenzung der Wortseh- (Lesen), Worthör-, Sprech- und Schreibbezirke hat sich starker Widerspruch bemerkbar gemacht. Daran ist allerdings nicht zu zweifeln, daß es diese 4 Bezirke gibt, daß die 4 verschiedenen Äußerungen der Sprache: Lesen, Worthören, Sprechen und Schreiben nicht einheitlich an einem Orte untergebracht sind. Das zeigen die Störungen bei Sprachlähmungen (Aphasie). Nur ob diese Bezirke einen besonderen Platz neben den Sinneszonen haben oder ob sie nicht vielmehr in den linken Sinneszonen mit drinstecken, das ist die Streitfrage.
1911 ist Nießl von Mayendorf in seiner großen Sonderarbeit „Die aphasischen Symptome und ihre kortikale (auf der Hirnrinde) Lokalisation“ auf Grund vieler Tatsachen zu der Überzeugung gelangt, daß die bisherige Abgrenzung der Sprachzonen nicht haltbar ist. Sie seien in die Sinneszonen zu verlegen.
Auf unserer Titelblattabbildung ist noch der von Dejerine vermutete Lesebezirk angegeben. Allein es gibt eine ganze Reihe Fälle, wo die graue Rinde (und nur in der grauen Rinde können Erinnerungen haften, nur sie hat Nervenzellen, die weißen Markfasern darunter sind nur Leitungsbahnen für die Erregungen der Rinde oder der Sinneswerkzeuge) dieser Gegend zerstört war durch Erweichungen oder gelähmt durch Blutergüsse — und die Kranken fröhlich weiterlasen. Nur wenn die linken Leitungsbahnen zur Stelle schärfsten Sehens, oder dieser linke Hirnbezirk schärfsten Sehens selbst zerstört war, dann war Leseblindheit immer vorhanden.
Nießl von Mayendorf hat weiter gezeigt, daß die Brocasche Sprechstörung von Erkrankungen der unteren linken vorderen Zentralwindung verursacht wird. Von dort gehen auch die sonstigen Bewegungsantriebe zu Zunge, Lippen, Schlund, Kehlkopf aus. Wiederum liegt die Sprechzone im Sinnesgebiet (und nicht außerhalb, nicht in der linken dritten Stirnwindung).
Für das Worthören (Wernicke) sollen auch nur die beiden Schläfenquerwindungen in Betracht kommen.
Die zweite große Hirnzone für geistiges Verknüpfen ist nach Flechsig das Stirnhirn, das sich beim Menschen durch eine besonders starke Entwicklung auszeichnet, wie auch bei den Tieren die geistige Entwicklung mit der Ausbildung des Vorderhirns gleichen Schritt hält. Kleinere anatomische Eingriffe oder Verletzungen bleiben in den höheren Teilen meist ohne nachweisbare Schädigung, d. h. es stellt sich keine Lähmung von Gliedmaßen ein, auch die Sinne arbeiten wie sonst. Es erfolgt auch keine merkliche Störung des Geisteslebens, vielleicht deshalb, weil gerade dort die große Vielseitigkeit der Faserverbindungen den angrenzenden Hirnteilen ermöglicht, stellvertretend für die verletzte Stelle zu wirken. Größere Verletzungen allerdings haben eine Abnahme des Gedächtnisses zur Folge, auch geringere, in gewissen Fällen sogar gänzliche Willenlosigkeit.