Besonders ist das Lernen im Ganzen natürlich bei sinnvollem Stoff zu empfehlen, der sich ja förmlich dagegen wehrt, durch ein Lernen in Teilen zerstückelt zu werden. Hier unterstützt der Denkzusammenhang ganz außerordentlich das Verknüpfen; denn es wird uns der Sinn fortwährend und weiterlaufend zum Bewußtsein gebracht. Die Aufmerksamkeit bleibt dadurch fortwährend besser gefesselt als beim Lernen in Teilen, wo die Versuchung gar zu groß ist, achtlos zu lernen und einen wichtigen Vorteil aus der Hand zu geben: Sinnvolles Lernen hat meist eine etwa zehnfach bessere Wirkung als geistloses Einpauken. Darum wird beim Lernen im Ganzen eher ein gedankenloses Hersagen vermieden, das für das Einprägen fast wirkungslos ist.

Nun gibt es aber doch ganz große Gedichte. Die in einem Zuge einzuprägen, dürfte schon aus dem Grunde nicht ratsam sein, weil die Aufmerksamkeit gar nicht so lange angespannt zu arbeiten vermag. Am Anfang und gegen das Ende hin spannt sich die Aufmerksamkeit an, während in der Mitte deutlich ein Nachlassen nachzuweisen ist.

Und doch ist das Lernen im Ganzen auch hier zu empfehlen, aber mit einer Änderung, die Meumann vorgeschlagen hat. Man teilt ein großes Gedicht, etwa Schillers „Lied von der Glocke“, dem Inhalte nach in mehrere Teile und zieht dort trennende Bleistiftstriche.

Nun wird im Ganzen gelernt, aber bei den Bleistiftstrichen ist zu warten, damit sich die Vorstellbindungen und -verknüpfungen festigen können, die Aufmerksamkeit sich neu sammelt und man dann mit aller Frische und Sammlung nach jedem Striche wieder fortfahren kann.

So bilden sich die Bindungen nur in einer Richtung. Und die beim Lernen in Teilen entstehenden, an den Anfang zurückführenden Verbindungen werden vermieden.

Das gilt besonders für gleichartigen, überall gleich schweren Lernstoff. Finden sich mehrere schwere Stellen, wird es ohne Zweifel vorteilhafter sein, sie mit einigen Mehr-Lesungen gesondert einzuprägen während des Ganzlernens.

(Wer da glaubt, mit dem Teil-Lernen bessere Erfolge zu erzielen, der vergesse wenigstens nie, den Teil am Anfang und Ende in natürlichen Zusammenhang zu bringen. Stets wird es sich empfehlen, dem gesonderten Lernen einige Ganz-Lesungen vorauszuschicken.)

Verteilung der Wiederholungen auf mehrere Tage.

Es ist nicht zweckmäßig, etwas durch unsinnige Häufung von Wiederholungen in einem Atem einprägen zu wollen. Größere Unterbrechungen und Verteilung auf eine längere Zeitstrecke sind unter allen Umständen vorteilhaft. (Also zeitig beginnen!) Ebbinghaus fand zum Beispiel, daß 68 Wiederholungen an einem Tage nicht den Einprägungswert haben, wie insgesamt 38 Wiederholungen, auf drei Tage verteilt. Auch Adolf Jost fand, daß besonders bei den Stoffen, die eine große Zahl von Wiederholungen brauchen, die ausgedehnteste Verteilung am wirksamsten ist. Er stellte ein schnelleres Lernen und besseres Behalten fest.

Schließlich kommt es gar nicht darauf an, daß wir etwas so schnell als möglich lernen. Die Hauptsache ist, daß sich feine Fäden in alle möglichen Gedankenbereiche spinnen, damit das Gelernte nicht als toter Ballast, sondern lebendig in uns wirkt, eng mit unsrer Persönlichkeit verknüpft wird, damit Schätze des Schönen, etwa Dichterworte, Einfluß auf unser Leben gewinnen, nach allen Richtungen hin mit ihren Strahlen erwärmend, bereichernd und vergoldend wirken. Und das wird durch eine Verteilung der Wiederholungen viel besser erreicht als durch ihre Häufung.