Als der Mensch erkannte, daß die Natur einfach gestellte Fragen (Experimente) unveränderlich nach ewigen Gesetzen beantwortet, als er erkannte, daß er selbst nicht außerhalb der Natur steht, unterwarf er auch den menschlichen Geist und das Gehirn dem wissenschaftlichen Versuch, auf dem die großen Ergebnisse der heutigen Gedächtnisforschung beruhen, deren Kenntnis für die Allgemeinheit von großem Nützlichkeitswert ist.
Auf dem Schaffen von Zusammenhängen beruht das Gedächtnis. Dieses Verbindungenschlagen, Verquicken und Durchdringen (bei Verschmelzung und Angleichung) geistiger Grundwerte bezeichnen wir (als Assoziation) als Vorstellbindung, wenn es von selbst geschieht. Ist Aufmerksamkeit und Wille daran beteiligt, so entstehen (Apperzeptionen): Beziehungen, Verknüpfungen, Verkettungen.
Obgleich sich unser Gedächtnis aus einer Vielheit, dem Zahlen-, Wort-, Ton-, Bewegungs-, Gleichgewichtsgedächtnis usw., zusammensetzt, gelten doch gewisse Regeln für sie alle.
So ist der Grad der Aufmerksamkeit bei der Auffassung eine grundlegende Kraft. Je mehr Aufmerksamkeit und innere Sammlung — desto größer ist der Erfolg des Lernens. Aber schon hier zeigen sich persönliche Unterschiede. Wir unterscheiden eine stetige oder festhaltende Anlage, die sich nur langsam einer Aufgabe anzupassen vermag, aber dann treu und zäh in der einmal eingeschlagenen Richtung beharrt, ferner eine unstete Form, die sich überraschend schnell einer umfangreichen Aufgabe anpaßt, sich aber leicht ablenken läßt. Zu erstreben ist aber ein drittes Gepräge, das die Vorzüge beider Formen in sich vereinigt, schnell umfangreich-oberflächlich, aber ebenso schnell beschränkt-kräftig und -tiefgehend sich dem einzelnen widmen kann. Durch Übung lassen sich fast alle angeborenen Unterschiede im Gedächtnisbereiche ausgleichen.
Genau so stark wie unser gesamter leiblich-geistiger Verband, z. B. Puls, Atmen, Gehen usw., rhythmisch veranlagt ist, kommt auch bei Aufmerksamkeit und Bewußtsein der Takt als ein jede leibliche und geistige Arbeit stark fördernder Antrieb vor. Er läßt uns Getrenntes zu Einheiten zusammenfassen und wird so zu einer bedeutsamen Gedächtnishilfe.
Was Gefühlswert für uns hat, was als eigenes oder fremdes Erlebnis (in Form einer Erzählung) an uns herantritt, begegnet einer starken Anteilnahme. Wirkt aber die Neigung mit, so ist die Arbeit schon zur Hälfte geleistet. Darum empfiehlt es sich, an dem, was wir treiben, den regsten Anteil zu nehmen, in hohem Grade tätig zu sein.
Das Gefühl der Sicherheit, des Könnens, dieses Kraftgefühl, ist, wie bei allen Erfolgen, so auch beim Gedächtniserfolg eine wichtige Voraussetzung. Nichts hindert unsre Fähigkeiten so sehr wie der lähmende Zweifel. Er muß mit aller Kraft unterdrückt werden, und läßt sich das erforderliche Selbstvertrauen auf keine andere Weise gewinnen, so nehme man ruhig die Einbildung (Autosuggestion) zu Hilfe. Der Erfolg ist hier das Entscheidende.
Schon daraus läßt sich schließen, daß der bewußte Wille auf den Gedächtnisvorgang nicht ohne Einfluß ist. Tatsächlich weist die Versuchs-Seelenkunde nach, daß der feste Vorsatz, sich etwas für immer einzuprägen, die Dauer der Bindungen fördert. Unbewußt steigert sich dabei die Aufmerksamkeit.
Auseinanderreißen des Lernstoffs führt meist zu geistloser Einprägung. Schon darum ist das Lernen im Ganzen vorteilhafter als Lernen in Teilen. Nur in jenem Falle wirkt der Sinn als starke Hilfe. Selbst bei großen Stoffen ist das Ganzlernen zu empfehlen. Nur schiebe man sinngemäß einige Pausen, in denen an nichts anderes gedacht werden darf, ein. Währenddessen kann sich die Aufmerksamkeit neu sammeln. So werden auch bei umfangreichen Stoffen die Gedankenfäden nur in einer Richtung geschlagen.
Das Merken arbeitet in zwei Formen. Das unmittelbare Behalten ist ein Benützen von Nachbildern, die wir noch eine kurze Zeit im Bewußtsein festhalten, bis wir etwa auf eine Frage die Antwort gefunden haben. Dagegen beruht das Merken für längere Zeit, das auch wieder in zwei Formen möglich ist, für einen bestimmten Zeitpunkt und für immer, auf dem wichtigen Vorgang der Bindung oder Verkettung (Assoziation oder der Apperzeption).