So verlockend es auch erscheint, diese immer unsicherer werdenden Spuren weiter zu verfolgen, so müssen wir uns dies bei dem gegenwärtigen Stand unserer Kenntnisse doch versagen, da hierbei den Vermutungen ein ungebührlicher Raum zugewiesen werden müßte. Da bereits sichere Inlandeisspuren aus dem Algonkium (in Kanada) gefunden sind, so wird es zweifellos früher oder später gelingen, die Pollage auch für diese ältesten Zeiten zusammenhängend zu verfolgen. Gegenwärtig erscheint mir jedoch ein solcher Versuch als verfrüht, da unser Bild von den Konturen, ja sogar von der Größe der damaligen Urkontinentalscholle noch nicht deutlich genug ist. Es genügt auch wohl, bis zur Devonzeit zu zeigen, daß die Verschiebungstheorie auch in der Paläoklimatologie imstande ist, die grundsätzlichen Schwierigkeiten zu beseitigen.
Zum Schluß seien noch einmal die mittleren Lagen der Pole sowie Deutschlands seit dem Devon, bezogen auf Afrika in der heutigen Lage, zusammengestellt:
| Nordpol | Südpol | Deutschland | ||||||||||||
| Rezent | 90° | N, | — | 90° | S, | — | 50° | N | ||||||
| Quartär | 70 | N, | 10° | W | 70 | S, | 170° | O | 69 | N | ||||
| Pliozän | 90 | N, | — | 90 | S, | — | 54 | N | ||||||
| Miozän | 67 | N, | 172 | W | 67 | S, | 8 | O | 37 | N | ||||
| Oligozän | 58 | N, | etwa | 180 | W | 58 | S, | etwa | 0 | 29 | N | |||
| Eozän | 45 | N, | „ | 180 | W | 45 | S, | „ | 0 | 15 | N | |||
| Paleozän | 50 | N, | „ | 180 | W | 50 | S, | „ | 0 | 20 | N | |||
| Kreide | 48 | N, | 140 | W | 48 | S, | 40 | O | 19 | N | ||||
| Jura | 69 | N, | 170 | W | 69 | S, | 10 | O | 36 | N | ||||
| Trias | (Mittellage) | 50 | N, | 130 | W | 50 | S, | 50 | O | 26 | N | |||
| Perm | ||||||||||||||
| Karbon | 25 | N, | 155 | W | 25 | S, | 25 | O | 3 | S | ||||
| Devon | 30 | N, | 140 | W | 30 | S, | 40 | O | 15 | N | ||||
[Sechstes Kapitel.]
System, Ursachen und Wirkungen der Kontinentalverschiebungen.
System. Obwohl die Verschiebungen der Kontinente auf den ersten Blick ein recht buntes Bild verschiedenartiger Bewegungen bilden, so erkennt man doch ein großes System: Die Kontinentalschollen bewegen sich äquatorwärts und westwärts. Es empfiehlt sich, die beiden Komponenten dieser Bewegung gesondert zu betrachten.
Eine äquatorwärts gerichtete Bewegung, die „Polflucht“ der Kontinentalmassen, ist bereits von verschiedenen Autoren, so namentlich von Kreichgauer[125] und Taylor[126], angenommen worden. Sie ist wohl ganz allgemein zu erkennen, bei großen Schollen mehr, bei kleinen weniger, und am stärksten in mittleren Breiten. Insbesondere äußert sie sich bei Eurasien in der Anordnung des großen tertiären Faltengürtels des Himalaja und der Alpen, welcher auf dem damaligen Äquator entstand, sowie in den bauchigen Stauchungsformen der ostasiatischen Küste. Sehr deutlich ist ferner die Polflucht bei Australien, denn es bewegt sich nach Nordwesten, wie aus den Deformationen der Inselreihen des Sunda-Archipels, aus dem hohen jugendlichen Gebirge auf Neuguinea und aus dem südöstlichen Zurückbleiben der einstigen Girlande Neuseeland übereinstimmend hervorgeht. Bei Nordamerika macht sich die Polflucht geltend in der südwestlichen Verschiebung Grinnell-Lands gegenüber Grönland (oder auch Labradors gegenüber Südgrönland), ferner auch in der beginnenden Stauchung der sich ablösenden Randkette Kaliforniens und der damit in Verbindung stehenden Erdbebenverwerfung von San Franzisko. Sogar bei der kleinen Scholle Madagaskar ist die Polflucht noch erkennbar, da sie sich von ihrer Abrißstelle am afrikanischen Kontinent nach Nordosten bewegt hat. Afrika und Südamerika liegen heute auf dem Äquator und erfahren deshalb wohl nur geringe meridionale Verschiebungen. Die großen Verschiebungen, welche Südamerika im Tertiär erfuhr und die zur Auffaltung der südamerikanischen Anden führten, waren — unter Rücksicht auf die damalige Pollage — nach Nordwesten gerichtet, lassen also gleichfalls die Polflucht erkennen. Gleiches gilt wohl auch für Antarktika.