Seit der ersten Auflage ist im In- und Auslande eine umfangreiche Literatur über die Kontinentalverschiebungen entstanden, deren Aufzählung mehrere Seiten füllen würde. Eine Reihe bekannter Fachgelehrter, allen voran Dacqué, hat sich trotz der Neuheit dieser Gedankengänge mit Interesse, ja teilweise mit vorbehaltloser Anerkennung dazu geäußert. Naturgemäß ist aber die Zahl der Zweifler noch immer groß, zumal die Theorie von verschiedenen Seiten, namentlich den Geologen Diener, Semper und Sörgel heftig angegriffen worden ist. Der teilweise verfehlte Ton dieser Angriffe ist bereits von anderer Seite getadelt worden[1]. Was an tatsächlichen Einwänden vorgebracht wurde, ist in der vorliegenden Neubearbeitung sorgfältig berücksichtigt. Leider beruht ein großer Teil der Einwände auf bloßen Mißverständnissen, ja sogar Versehen, die sich bei größerer Sorgfalt der Kritik leicht hätten vermeiden lassen. Obwohl auch hierauf bereits von anderer Seite hingewiesen worden ist[2], sind diese Mißverständnisse doch unerkannt in zahlreiche Referate übergegangen. Ich bin deshalb bestrebt gewesen, die betreffenden Fragen in der vorliegenden Darstellung möglichst unzweideutig zu behandeln.

Wie die erste Auflage durch die selbstlose geologische Beratung und Mitarbeit von Cloos gefördert, um nicht zu sagen, ermöglicht wurde, so ist die zweite gekennzeichnet durch die nicht minder wertvolle Mitarbeit eines Klimatologen; ihre Ausarbeitung geschah nämlich in täglichem Gedankenaustausch mit W. Köppen, und ich hatte die Genugtuung, daß dieser, anfangs kühl und zweifelnd, sich mit wachsender Wärme in die Ideenwelt der Verschiebungstheorie vertiefte und schließlich mit hoher Freude zu der Überzeugung hindurchdrang, daß hier der rote Faden im Labyrinth der Paläoklimatologie gefunden sei. Mehrere Kapitel entstanden in so engem Gedankenaustausch mit ihm, daß die Grenze des geistigen Eigentums nicht mehr feststellbar ist. Seine wichtigsten Ideen über diesen Gegenstand wird Köppen noch in zwei besonderen Abhandlungen in „Petermanns Mitteilungen“ veröffentlichen.

Von anderen Fachleuten bin ich namentlich den Herren Andree, Irmscher, Michaelsen und Tams für geistige Unterstützung dieser Arbeit zu Dank verpflichtet.

Der Leser sei nachdrücklichst darauf hingewiesen, daß eine große Zahl von Fragen — wenn man nicht auf eigenes Urteil verzichten will — durchaus die Benutzung eines Erdglobus erfordern. Ein Atlas reicht wegen der Verzerrung durch die Projektion nicht aus. Die Kritik der ersten Auflage krankt geradezu an der Nichtbenutzung des Globus.

Hamburg-Großborstel, im April 1920.

Alfred Wegener.


[Inhaltsverzeichnis.]

Seite
[Erstes Kapitel]. Landbrücken, Permanenz der Ozeane und Isostasie [1]
Die Schrumpfungshypothese [1]. — Betrag des Gebirgszusammenschubs [2]. — Flachseenatur der marinen Ablagerungen [3]. — Isostasie [4]. — Hebung der Strandlinien [4]. — Nachhinken des isostatischen Ausgleichs [5]. — Mächtigkeit der Sedimente in Geosynklinalen [5]. — Massendefizit unter Gebirgen [5]. — Schwerkraft auf den Ozeanen [5]. — Dicke der Lithosphäre nach der Isostasie [6]. — Keine Isostasie für kleine Dimensionen [6]. — Hypothese der Brückenkontinente [7]. — Schelfbrücken [8]. — Die Permanenzhypothese [9]. — Horizontale Verschiebungen der Kontinente [10]. — Geschichtliche Bemerkungen [11].
[Zweites Kapitel]. Die Natur der Tiefseeböden [13]
Barysphärische Natur der Tiefseeböden [13]. — Das doppelte Niveau der Erdrinde [14]. — Aufreißen der Lithosphäre als Kompensation der Gebirgszusammenschübe [16]. — Vulkanische Gesteinsfunde bei Dredschzügen [17]. — Größere Magnetisierbarkeit des Tiefseebodens [18]. — Schlichtheit des Tiefseebodens [19]. — Fehlen von Faltengebirgen am Meeresboden [19]. — Fortpflanzung von Erdbebenwellen in kontinentalen und in ozeanischen Gebieten [20].
[Drittes Kapitel]. Geophysikalische Erläuterungen [21]
Sial und Sima [22]. — Spezifische Gewichte [23]. — Schollenmächtigkeit nach Hayford und Helmert [24]. — Schmelztemperaturen [25]. — Starrheitsgrad der Erde [26]. — Zähflüssigkeit des Simas [27]. — Deformierbarkeit des Sials [28].
[Erscheinungen der Kontinentaltafeln] [29]
Schelfgebiete [29]. — Gebirgsfaltung [30]. — Größere Mächtigkeit der Sedimente in Gebirgen [30]. — Faltung unter Wahrung der Isostasie [31]. — Abschmelzung von unten [32]. — Vergleich des Zusammenschubs mit der Höhe der Gebirge [32]. — Staffelfalten [33]. — Abtragung unter Wahrung der Isostasie [33]. — Kräfte der Gebirgsfaltung [34]. — Faltung am Vorderrand triftender Schollen [35]. — Äquatorialer Faltungsgürtel [35]. — Spaltung [36]. — Die ostafrikanischen Brüche [36]. — Das Dreieck zwischen Abessinien und der Somalihalbinsel [37]. — Eindringen des Simas in die Spalte [38]. — Niederbruch größerer Gebiete durch Dehnung [39].
[Erscheinungen des Kontinentalrandes] [39]
Schwerestörung am Kontinentalrand [40]. — Druckverhältnisse am Kontinentalrand [41]. — Vulkanismus [42]. — Die ostasiatischen Inselgirlanden [42]. — Parallelerscheinungen dazu [47]. — Gleiten der Randketten [48]. — Atlantischer und pazifischer Küstentypus [51].
[Erscheinungen der Tiefseeböden] [52]
Entblößung des hochtemperierten Simas unter Wasser [52]. — Verschiedene Tiefe der Ozeane [53]. — Verteilung der Tiefsee-Sedimente [53]. — Erklärung der Tiefenunterschiede durch Temperaturunterschiede [54]. — Strömungen im Sima [54]. — Mittelatlantische Bodenschwelle [55]. — Tiefseerinnen [56].
[Viertes Kapitel]. Die Verschiebungen der Kontinentalschollen [58]
Die Panthalassa [58]. — Erstes Aufreißen und Zusammenschub der Lithosphäre [58]. — Hypsometrische Kurve der Erdoberfläche für die Vorzeit und die Zukunft [59]. — Allmähliche Abnahme der Faltungsvorgänge in der Erdgeschichte [60]. — Rekonstruktion der Kontinentalschollen für das Karbon [61]. — Landbrücken nach Arldt [64].
[Die atlantische Spalte] [66]
Rekonstruktion der atlantischen Gebiete für das Eozän [67]. — Parallelität der atlantischen Küsten [70]. — Früherer Landzusammenhang zwischen Nordamerika und Europa [71]. — Geologische und tektonische Brücken [73]. — Frühere Landverbindung zwischen Südamerika und Afrika [77]. — Streichrichtungen im Urgebirge [77]. — Karbonische Faltung in Südafrika und bei Buenos-Aires [79]. — Unwahrscheinlichkeit des Zufalls [80]. — Die amerikanische Landbrücke [80]. — Die nordpazifische Landbrücke [81].
[Lemurien] [82]
Frühere Landverbindung zwischen Madagaskar und Dekan [82]. — Betrag der Himalaja-Faltung [83]. — Randliche Spuren des großen Zusammenschubs [83]. — Ablösung Madagaskars von Afrika [84]. — Abspaltung Vorderindiens von Madagaskar [84].
[Gondwana-Land] [85]
Dreifache Beziehungen der australischen Lebewelt [86]. — Die gondwanische Brücke [86]. — Die antarktische Brücke [87]. — Die hinterindische Brücke [89]. — Die Tiefenkarte der Sunda-Inseln [89]. — Angliederung Australiens an Vorderindien [90]. — Die australischen Kordilleren und Neuseeland [91]. — Unsicherheit der Angliederung Australiens an Antarktika [91].
[Fünftes Kapitel]. Polwanderungen [92]
Theoretische Zulässigkeit großer Polwanderungen [92]. — Geologische Notwendigkeit der Annahme von Polwanderungen [96]. — Theorien von Reibisch und Kreichgauer [97]. — Methodische Vorbemerkungen [98]. — Kurve der Breitenänderungen [100]. — Pollage in der Eiszeit [102]. — Pollage im Pliozän [107]. — Im Miozän [107]. — Im Oligozän [108]. — Im Eozän [109]. — Im Paleozän [110]. — In der Kreide [110]. — Im Jura [112]. — In der Trias [113]. — Im Perm und Karbon [113]. — Im Devon [118]. — Tabellarische Übersicht der Pollagen [118].
[Sechstes Kapitel]. System, Ursachen und Wirkungen der Kontinentalverschiebungen [119]
Polflucht [119]. — Westwanderung [120]. — Ursache der Polflucht [121]. — Ursache der Westwanderung [122]. — Polwanderungen als Folge von Kontinentalverschiebungen [122]. — Meridionale Spaltungen [123]. — Entstehung der mittelmeerischen Bruchzone [124]. — Transgressionen als Folge von Polveränderungen [124].
[Siebentes Kapitel]. Nachweis der Kontinentalverschiebungen durch astronomische Ortsbestimmung [125]
Absolutes Zeitmaß der geologischen Abschnitte [126]. — Die nach der Verschiebungstheorie zu erwartenden Abstandsänderungen [127]. — Nachweis der Verschiebung Grönlands [127]. — Die Frage der Verschiebung Nordamerikas [129]. — Säkulare Breitenabnahme der europäischen und nordamerikanischen Sternwarten [130].