1. Akt.

[Im Hintergrund der weiten Bühne sieht man mächtige Eisgebilde mit leuchtend weißen Oberflächen, während alle Unebenheiten, Spalten und Risse je nach ihrer Tiefe vom zartesten bis zum tiefsten Blau erscheinen. Etwas mehr gegen den Vordergrund ist ein kleiner Streifen des Polarmeeres sichtbar, in dem sich die tafelförmigen Eismassen und die zerklüfteten Eisberge spiegeln. Zur Rechten im Hintergrund steht ein vereistes und tiefverschneites, von den mächtigen Eisstücken teilweise über die Meeresfläche gehobenes Schiff, von dessen Masten die Eiszapfen herniederhängen. Zur Linken hängt ein riesiger, in der Mitte gespaltener Eisberg über die Bühne, aus dessen Innern ein herrliches bläuliches Licht fließt. Links und rechts im Vordergrund befinden sich kleinere Eisstücke, auf denen eine große Anzahl Pinguine in verschiedenen Stellungen sitzen. Mehr im Hintergrund liegen einige Seehunde am Rande des Meeres. Ganz im Vordergrund zur Linken steht ein tiefverschneites Zelt, in dessen Mitte ein kleiner Kochherd steht und sein rötliches Licht über die Zeltwände ergießt. Zur Rechten steht Hasselstein und blättert in seinem Notizbuch. Ein wunderbar schönes, bläuliches Licht erfüllt die ganze Szene, während da und dort der Schnee in allen Farben des Regenbogens glitzert. Vom leuchtendsten Tageslicht geht jedoch die Beleuchtung langsam während des ganzen Aktes immer mehr in ein mattes Dunkel über und als es vollkommen finster geworden, zeigt sich im Hintergrund die Aurora Borealis in flackernden Bändern und ewig wechselnden Lichteffekten. Die ganze Zeit hört man auch das Pfeifen des Windes – im Anfang ganz schwach, dann mit zunehmender Stärke.]

1. Auftritt.

Hasselstein [macht eben die letzten Aufzeichnungen in sein Notizbuch als der Vorhang aufgeht. Nach einigen Sekunden schließt er es und macht einige Schritte auf die Mitte der Bühne zu]. Das wäre getan! [Er zieht seine Uhr aus der Tasche.] Wie, schon so spät? Da heißt es frisch zulangen soll unser Depôt und Winterobservatorium fix und fertig sein, wenn die Kollegen von ihren Streifzügen heimkehren. [Er macht sich rechts an die Arbeit, schleppt von hinter den Kulissen große Eisblöcke herbei und beginnt sie aufeinander zu bauen und mit Schnee, den er zusammenfegt, zu befestigen. Während er eifrig arbeitet und das Schneehaus immer größer wird, spricht er, sich manchmal auf Augenblicke unterbrechend um auf die wechselnden Lichteffekte zu schauen.] Wie die Stunden fliehen und doch – wie weit von mir scheint die Vergangenheit! [er schüttelt wehmutsvoll das Haupt]. Zwei Jahre sind es nun, daß ich der Heimat den Rücken gekehrt [er baut schweigend einige Sekunden]. Wirklich nur zwei Jahre? Ist mir's doch, als seien Jahrzehnte seit dem Augenblick verflossen, wo – [er schleppt einige Eisstücke herbei]. Genug! Siebenhundertunddreißig Tage trennen mich von jener Stunde, in welcher mein Blick zum letztenmal in den ihren getaucht. Was wunder übrigens, daß die Zeit so lang mich deucht, denn die Zahl der Eindrücke und nicht der monotone Schlag der Stunden machen ja ein Menschenleben aus. Und ich – ich hatte Eindrücke – [er hält einen Augenblick inne und blickt, die Augen mit der Hand beschattend, forschend auf das Meer] – und was für Eindrücke, barmherziger Himmel! Erst die ungestümen Reisevorbereitungen, die ununterbrochenen Kämpfe, die feindselige Haltung der guten alten Seelen daheim – oh, die armen, entsetzten, aus dem Gleichgewicht gebrachten Kringhäusler! – [er lacht plötzlich laut auf] – wenig fehlte, daß man mich nicht mit Gewalt in eine Irrenanstalt sperren ließ, denn ein klardenkender Mensch – ein Individuum, mit vollem Gebrauch der fünf von Mutter Natur so gnädig verliehenen Sinne – kann sich nicht willig einer Südpolexpedition anschließen, das ist Wahnsinn, himmelschreiender erbarmenerweckender Wahnsinn! [er lacht wieder]. Arme Kringhäusler, sie müssen immer auf dem breiten, wohl ausgetretenen Pfad dahinhumpeln, – daß man sich eigene Pfade brechen kann, das verstehen sie nicht und billigen noch weniger. Wenn die ganze Gemeinde an Hinzens Kuhstall vorbei zur Kirche geht, warum sollte da ein Pfarrkind einen anderen Weg einschlagen? Das ist Ketzerei! [er baut eine Weile schweigend weiter]. Ach, dann kamen die Aufregungen des Abschieds, – von Berta – von Mama – von der lieben Heimat – ein Abschied, der möglicherweise Trennung auf immer bedeuten konnte, hierauf die lange eintönige Fahrt, ein schläfriges Rollen und behagliches Dahinträumen, geschaukelt von leise plätschernden, tiefblauen Wassermassen, unter einem heißen, wolkenlosen Himmel – [er schaufelt eifrig den Schnee zusammen]. Ja, wer noch einmal, ein einziges Mal solche Wärme empfinden dürfte. Und eines schönen Tages waren wir in Neuseeland mit seinen Geysirn, Wasserfällen, tropischen Wäldern, riesigen Eukalyptus, seinen flügellosen Vögeln, und den schneegekrönten und gleichzeitig feuerspeienden Bergen. Welche Pracht! [er bildet das Dach seiner Hütte]. Allzu kurze Rast gefolgt vom gefahrvollen Tummeln auf kalter, sturmgepeitschter See, das langsame Sichnähern der endlos scheinenden Eisbarrieren, schließlich ein kurzer Ausflug auf die verödeten Kerguelen und zuletzt [er blickt wieder sinnend auf das Meer] die eigentliche Antarktis, das Ueberwintern in eisstarren Zelten, während sich draußen die endlose, düstere Polarnacht, mit all' ihren Schrecken und Leiden auf uns herabsenkte und wir bei kümmerlichem Thranlicht ein mattes Scheinleben führten, hie und da unterbrochen von den Beobachtungen im Freien bei einer Temperatur von durchschnittlich 52 Grad Celsius unter Null! [er arbeitet einige Sekunden wieder schweigend, während das Licht langsam abnimmt, hierauf wieder frischerer, munterer]. Nichtsdestoweniger hat selbst das Leben hier seinen Zauber, so mitten in einem noch unerforschten Teile unserer Erdkugel, wo Tiere und Vögel im Menschen noch nicht ihren Feind zu sehen gelernt haben, wo er in ihr Tun und Lassen freien Einblick gewinnen kann, hier – wo seltene Lichteffekte das Auge stündlich entzücken, wo eine Entdeckung der anderen auf dem Fuße folgt, wo ungeahnte Horizonte sich dem begierigem Geiste offenbaren! [er verbessert sein Werk da und dort] Neue Horizonte! Ach, wenn diese mich nur auch großmütiger im Beurteilen anderer machen würden! Mutterl, du liebes, gewiß tat ich dir oft Unrecht, wenn unsere Anschauungen nicht harmonierten. In Zukunft, da muß unser Zusammenleben ein besseres sein, denn ich habe alles aufgeboten um alle kleinlichen einseitigen Begriffe, alles falsche Beurteilen loszuwerden. Das liebe Mütterchen wird wohl auch einsehen gelernt haben, daß man nicht nur als Gymnasialprofessor in Kringen sein Glück machen kann und die lange Trennung, die ja so leicht eine ewige werden kann, hat gewiß auch ihre Skrupel, meine Heirat mit Berta betreffend, gemildert. Sie hat Zeit gehabt Berta zu prüfen – meine Worte in Erwägung zu ziehen – ja, ja, die Mutterliebe wird, sie muß siegen [er verbessert das Innere der Schneehütte]. Alle lächerlichen Vorurteile, alles Hängen am Zopf wird mutig über Bord geworfen und da wollen wir drei – Mama, Berta und ich – ein Heim gründen, dessen Grundpfeiler gegenseitige Nachsicht und unbegrenzte Liebe sind. Alle meine Tage will ich der Verbreitung freisinnigerer Anschauungen, milderem Denkens widmen. Nieder mit allem kleinlichen Huldigen äußeren Scheins! Der Kern allein soll gelten, nicht die Schale. [Das Schneehaus ist nun ganz fertig, er betrachtet sein Werk und ruft jubelnd aus:] Hurra! Vollendet ist das große Meisterwerk! [ernster.] Möge es mir einst gelingen den Kampf gegen alle kleinlichen Vorurteile, gegen alle beschränkten, feindseligen Anschauungen daheim zu ebenso befriedigendem Abschluß zu bringen – da Berta, mein Liebling, soll dein Unglück dich nicht länger niederbeugen – nein, treues, edles Herz, kein Mensch soll länger scheu vor dir zurückweichen. An meiner Seite sollst du stolz erhobenen Hauptes dahinschreiten und zuversichtlich in eine sonnige Zukunft blicken. Und du, mein liebes Mutterl, du sollst in mir den zärtlichsten Sohn, in Berta die liebendste Tochter finden und dazu bedarf es nur eins: Die lieben Kringhäusler ein wenig – abzuschütteln!

2. Auftritt.

[Roden, Norry und Scharfen kommen von rechts.]

Roden [zu Scharfen]. Wir müssen die Messungen vor Einbruch der Nacht beendigen [er wirft eine Leine in das Meer und Scharfen hilft ihm dabei].

Scharfen [munter]. Holla, Hasselstein! Sie sind der reinste Baukünstler. Unser Depôt ist ja ein ganzes Wunderwerk.

Norry [indem er eifrig einige Apparate in dasselbe schleppt]. Vortrefflich! Man kann unmöglich alle Geräte auf dem Schiffe oder im Zelte bequem unterbringen. Hier wollen wir unsere Winterbeobachtungen machen – etwas wärmer als die windige Eisfläche wird diese Sternwarte sicher sein.

Roden [indem er langsam die Leine aufwickelt]. Es fehlt eine Oeffnung im Dach –