Die anderen Reisenden sahen vorwärts, weit hinweg über die schäumenden Wogen, ich aber blickte zurück auf die Küste, wo nicht nur mein Gatte einer, wie ich hoffte und wünschte, besseren Zukunft entgegenging, sondern wo unter Teakbäumen und gewaltigen Bambusstämmen die Reste eines Körperchens lagen, das ein Teil meines Ichs – vielleicht mein bester Teil – gewesen. Li Bai würde schnell verwinden und vergessen, aber ein Mutterherz vergißt nie – auch nicht ein gelbes Kind, das nur drei kurze Monate lang an der Mutterbrust gelegen!
»Schlaf' in Frieden, mein toter Sohn!«
XIX.
| Laissons gronder en bas cet orage irrité, |
| Qui toujours nous assiège; |
| Et gardons au-dessus notre tranquillité |
| Comme le mont sa neige. |
| Va, nul mortel ne brise avec passion |
| Vainement obstinée, |
| Cette âpre loi que l'un nomme Expiation |
| Et l'autre Destinée. |
| Victor Hugo. |
XIX.
Sechs Monate waren vergangen. Wochenlang hatte ich nur die glitzernden Wogen geschaut, die mächtig heranrollten, sich mit donnerndem Geräusche an den starken Planken des Schiffes brachen und in Schaum zerplatzten.
Wie sie, eilen wir alle auf das endlose Ziel zu, und wie sie vergehen wir, um vielleicht wiederzukommen, gerade wie die zerstäubten Wassermassen sich zu neuen Wogen, oft zu mächtigeren, formen.
Ueber mir hatte der blaue Himmel sich wolkenlos gewölbt, und diese Einförmigkeit der Umgebung, dieses matte Dahinträumen hatte nach und nach die Stürme meiner Seele eingeschläfert.
Ich hatte gelernt, was ich früher nie begreifen wollte, daß wir nur auf uns rechnen dürfen, nicht auf unsere Umgebung, daß wir den Frieden nur in der Ruhe finden, die oberhalb von Wünschen und Fürchten liegt. Ich kämpfe nicht mehr gegen den Strom des Lebens, ich lasse seine Wogen mich hinwegheben über alle Hindernisse, die guten wie die bösen, und gleite so ohne tiefe Schmerzen und aber auch ohne große Freuden dem Ziele zu. Einmal erklingt wohl selbst für mich das Aveläuten!