Mama dankte ihm aus voller Seele, wenn auch mit einem Lächeln um die Lippen, Jenny aber warf sich auf das Bett, strampelte vor Vergnügen mit den Beinen und lachte, daß ihr die Tränen über die Wangen liefen. Für den Rest des Tages wich Li Bai nicht von meiner Seite, und ich fragte mich, wie es werden würde, wenn ich einmal in China sei. Seinem Versprechen gemäß sollte ich das Recht behalten, auszugehen, sooft ich dies wünschte, wenn er auch gänzlich abgeschlagen hatte, mich meinen Beruf dort weiter ausüben zu lassen. Wie nur alles enden würde? Vorläufig unterhielt mich sein Betragen nur.

Am zweiten Tage gegen Mittag kamen wir nach Samara, und von da an begann eigentlich erst so recht die Reise. Russen aller Arten standen in ihren etwas schmutzigen Kleidern auf dem Bahnhof und warteten auf den gewöhnlichen sibirischen Zug, der mit russischer Gleichgültigkeit gegen das Sprichwort »Zeit ist Geld« innerhalb der nächsten zwei bis drei Stunden eintreffen sollte. Auf allen Stationen hält der einfache sibirische Zug; die armen Auswanderer, denen es beinahe ebenso schlecht wie den Gefangenen geht, können aussteigen und sich heißes Wasser holen, womit sie ihre Teevorräte erneuern, und die Eisenbahnbeamten behandeln sie nicht viel besser als Tiere. Man erzählt sich, daß ein Zugführer einst einigen armen Russen, die auch auf einer solchen Station ausgestiegen waren, höflich sagte: »Meine Herren, es ist Zeit zum Einsteigen!« aber niemand nahm irgendwelche Notiz davon. Nach dem zweiten Glockenzeichen sagte er: »Einsteigen, bitte!« doch ganz ohne Erfolg. Diese Unglücklichen glaubten nicht, daß die Aufforderung an sie gerichtet war, und erst als er hinzutrat und sie anschrie: »Verdammtes Pack, seht zu, daß ihr augenblicklich in den Zug kommt,« verstanden sie, wer gemeint war, und eilten auf ihre Plätze.

Der Zug flog über die weite Ebene von Batraki, die mit ihrer Abwechslungslosigkeit ununterbrochen bis Kinel fortdauert und erst bei ihrer Kreuzung mit der Hügelkette unweit des Padowaflusses ein Ende nimmt, während wir in dem bequemen Zuge saßen, wo wir einen Lesesaal mit guter Bibliothek und vielen Zeitungen hatten, in dem man Schach spielen konnte und wo man so viele Briefe an kleinen Tischchen schreiben konnte, als man nur wollte. Da waren Badezimmer und Küche, der schöne Speisewagen und der elegant möblierte, mit vielen weichen Sitzgelegenheiten ausgestattete Salon, die netten Schlafzimmerchen und die langen Korridore, durch die man von einem Ende des Zuges zum andern gehen konnte. Da es schon ziemlich kühl war, wurde der Zug geheizt, was den Aufenthalt überall sehr angenehm gestaltete. Ming Tse und Jenny wanderten wie Kinder durch alle Räume, untersuchten alles, freuten sich über jede Entdeckung und waren ganz gleichgültig gegen die Gegenden und die Orte, die wir passierten. Der Zug fing in voller Fahrt das nötige Wasser aus der der Strecke angrenzenden Wasserleitung auf und brauste mit unverminderter Fahrt durch die Stationen, auf denen wir nur wie im Fluge Soldaten und Gefangene stehen sahen. Lange lagen am Morgen die Nebel über der Landschaft, und früh schon sank am Abend die Dunkelheit herab.

Am folgenden Tage erspähten meine Augen endlich den erwarteten schlichten Grenzobelisk, auf dem mit russischen Buchstaben »Europa – Asia« stand und an dem wohl manch' ein armer Verbannter mit Schaudern vorbeigegangen. Hier mußte man Abschied nehmen von der Zivilisation, nun waren wir in Asien, dem gefürchteten Sibirien. Ach, auch ich hatte Europa jetzt hinter mir gelassen – wie, wie würde ich Asien finden?

Li Bai kam gelaufen. »Mutter, Käthe, kommt, jetzt kommen die hängenden Brücken, die großen Schluchten!«

»Der Ural?« fragte ich lebhaft und war augenblicklich am Fenster, Mama gleichfalls.

»Es ist ja gleichgültig, wie der Berg heißt,« meinte Li Bai, »hübsch ist die Gegend.«

Ich vergab ihm gern seine Unwissenheit und Gleichgültigkeit, verriet er doch zum ersten Male, daß die Schönheit eines Gegenstandes (außer Kleidern) auf ihn wirkte. Es war auch großartig, was wir sahen. Vorüber ging die Fahrt an herrlichen Bergseen, in denen sich der Schnee der Berggipfel klar spiegelte, an Abhängen, über die Schwebebrücken führten, an Aushöhlungen vorbei, die majestätisch in ihrer Großartigkeit wirkten; Abgründe erblickten wir, die uns den Atem benahmen und in denen wir Gießbäche wild rauschen hörten; bald führte die Bahn durch einen künstlich gebildeten Unterbau dahin, bald bahnte sie sich den Weg durch einen endlosen Tunnel, immer wechselnd, immer Bewunderung erregend. Zwischen Zlatoust, »dem goldenen Mund«, und Urshumka erreicht sie endlich ihren Höhepunkt. Mächtige Kurven, wilde Wasserfälle und schroffe Felswände verleihen auch weiterhin der Strecke großen Reiz.

Jenny hatte einen großen Bewunderer gefunden, der ihr auf Tod und Leben den Hof machte und uns alle interessanten Punkte erklärte, nicht nur während wir sprachlos vor Staunen und Entzücken den Ural kreuzten, sondern auch später, als er uns auf die Aushöhlung des Dergatsch, ein wahres Meisterwerk, aufmerksam machte. Er belehrte uns, daß nur einundzwanzig Werst vom malerischen Orte Ssuleja, an dem wir wie der Wind vorbeisausten, das berühmte Bakalsche Grubenwerk liegt, welches überreich an Eisenerz – vielleicht das reichste Sibiriens – ist, und erzählte, daß in dem Museum von Zlatoust ein Nagel aufbewahrt werde, den Kaiser Alexander I. eigenhändig geschmiedet haben soll. Kurz, der Russe war ein sehr angenehmer Gesellschafter für Jenny und Mama. Ich durfte freilich nicht viel mit ihm sprechen, sonst sah Li Bai drein wie ein vierzehntägiges Regenwetter mit gelegentlichem Schauer und Donnerwetter.

Trotzdem der Russe gewiß nicht zehn Worte mit mir gewechselt und sein ganzes Herz – so schien es wenigstens – Jenny zu Füßen gelegt hatte, sah Li Bai ihn doch mit Vergnügen bei Tschelabinsk den Zug verlassen, um mit der Zweigbahn nach Jekaterinenburg zu fahren, wo er Geschäfte hatte. Es war der Vorabend meines Geburtstages, und als mir Ming Tse zum Abschied die Hand reichte, zog er mich plötzlich etwas von Mama und Jenny weg und flüsterte mir geheimnisvoll zu: