»Jenny wird bei dir bleiben,« sagte sie und sprach von sich wie ein kleines Kind in der dritten Person, indem sie ihr blondes Köpfchen an meine Schulter legte. »Der Doktor,« fuhr sie zögernd fort, »hat meine Haarlocke.«

Wir lachten beide, da wir beide uns augenblicklich bewußt waren, daß der arme Doktor nur wenig Trost aus einer Locke, und sei sie noch so schön, ziehen würde. Ich aber sehnte mich so sehr, wenigstens während der ersten Zeit jemanden aus meiner Heimat bei mir zu haben, daß ich Jenny nicht gern hätte reisen lassen. Auch dachte ich mir, daß es dem Kinde nicht schaden würde, etwas mehr von der Welt zu sehen, bevor sie sich für immer an den Doktor band, zu dem sie wie eine niedrige Sklavin zu ihrem Herrn und Gebieter aufschaute, was mir, die ich die Männer kannte, nicht gefiel. Die besten von ihnen sind herzlose Egoisten, die schlechtesten – least said, soonest mended!

Endlich hielt der Zug in Tientsin, dem Hafen Pekings, der berühmten Manufakturstadt, die wie ein Marmeladefleck auf einem riesigen Pfannkuchen dalag. Li Bai war da, um uns zu begrüßen und uns in das Haus eines Chinesen zu bringen, wo wir wohnen sollten, bis wir in das Haus des Mandarins übersiedelten, der stets über eine Anzahl Fremdenzimmer verfügte. Bis zur Trauung sollten wir indessen in dem genannten Hause bleiben.

Kaum hatten wir uns gewaschen und uns von der zweistündigen Fahrt etwas erholt, so kleideten wir uns in unsere besten europäischen Toiletten und bereiteten uns vor, dem gefürchteten Mandarin in seinem Bankkontor unsere Aufwartung zu machen. Li Bai, ebenfalls in tadelloser europäischer Kleidung, begleitete uns durch die Straßen Tientsins, das so gar nicht den Eindruck einer chinesischen Stadt machte. Da fuhren elektrische Wagen auf und ab, Telegraphendrähte spannten sich von einen Stange zur andern, die Häuser, in diesem Teile wenigstens, waren nach europäischem Muster gebaut und wiesen alle mehrere Stockwerke auf. Wir passierten den großen deutschen Klub, den wir am folgenden Tage besuchten, und wo man ausgezeichnetes Bier und unsere Würstel, die geliebten Würstel erhalten kann. Große Gärten, die jetzt allerdings öde dalagen, erstreckten sich vor vielen Bauten und alles machte einen freundlichen Eindruck, ganz anders als das schmutzige Peking, wenn auch hier die Reinlichkeit noch nicht ihren Höhepunkt erreicht hatte.

Wir durchkreuzten einige kleine Gassen, die sogleich das chinesische Gepräge trugen, sowohl was Reinlichkeit als auch Bauart und Geruch anbelangt. Aus manchen ebenerdigen Fenstern hingen Kinder. Man hatte ihnen eine Art Gängelband unter die Arme befestigt, so daß sie nun frei heraushingen, vieles sehen und sich nicht wehtun konnten. Nach unseren Ideen muß so ein aus dem Fensterhängen nicht sehr angenehm sein, aber Li Bai versicherte mir, daß alle ärmeren Chinesinnen ihre Kinder so vor dem Ueberfahrenwerden bewahrten, da sie nicht Zeit hatten, auf die Kleinen unausgesetzt achtzugeben. Das erinnerte mich an Japan, wo man den Kindern, wie bei uns den Hunden, ein Halsband mit Namen und Adresse umgibt, so daß das verlorene Kind früher oder später, tot oder lebendig, an den Besitzer zurückgelangt.

Wieder in eine breitere Gasse einbiegend und uns, so gut es ging, vor dem schaurigen Nordostwind schützend, indem wir uns immer fester in unsere Mäntel und Pelze hüllten, standen wir endlich vor einem Gebäude, auf dem auf englisch: »United Oriental and Tientsin Bank« mit großen Buchstaben geschrieben stand. Li Bai öffnete die Tür und ließ uns eintreten. Die Schwelle zum gefürchteten Mandarin, dem Bankdirektor und zukünftigen Schwiegervater, war überschritten.


A. F. Seebacher  

XII.

Jeg har drevet omkring uden Maal, uden Med,
Livets Guldkorn jeg spredte som Sand,
Jeg har tilsat min Tro, jeg har mistet min Fred,
Og nu staar jeg ved Afgrundens Rand.
Vilhelm Bergsöe.

XII.