»Siehst du,« sagte er stolz und triumphierend, »daß ich recht hatte! Ich habe dir einen reizenden Sohn gegeben mit meinen Zaubereien, und du kannst mir dankbar sein.«

Also die Dankesschuld war meinerseits??! – Das beweist, daß jedes Ding auf Erden von zwei Gesichtspunkten aus gesehen werden kann und man nur zu wählen braucht, bis man den passenden findet.

Frau Ming Tse kam nun auch und in viele Seidentücher gehüllt, brachte sie meinen kleinen Sohn, der ohne mein Wissen »Sing« genannt worden war, dessen Horoskop aufgestellt wurde und der schon die Silberkette um den Körper gewickelt trug, die ich allein ihm hätte geben sollen. In der Tat, ich war Mutter nur in zweiter Linie in den Augen aller dieser Menschen.

Mit zitternden Händen griff ich begierig nach dem Bündel, das meinen Schatz enthielt, und nun fielen meine Augen zum erstenmal auf das Wesen, um dessentwillen ich so viel leiden mußte, das mir im fernen Land ein Trost und eine Stütze werden sollte, ein Band vielleicht, das mir helfen würde, wo alles andere mißlang, die Seele und das Herz meines chinesischen Gatten zu finden oder zu erwecken.

Vor mir lag ein kleines Geschöpfchen mit weißer Gesichtsfarbe aber ganz chinesischen Zügen. Die scharf geschlitzten Augen, die starken Backenknochen und die flache Nase ohne richtige Nasenwurzel, Li Bais etwas breite Lippen und sein straffes schwarzes Haar – ja, Klein-Sing war ganz und gar Chinese, trotz der Hautfarbe – das einzige, was er von seiner Mutter hatte. Würde seine Seele mir ähneln oder kalt und gefühllos wie die Herzen der Chinesen sein? Jetzt hoben sich langsam die wimpernlosen Lider und ein Paar nachtschwarze Aeuglein sahen mich verwundert an, dann verzog sich das kleine Schnäuzchen meines Sohnes und Erben, und ein lautes »Ä-ä« wurde hörbar. Ich hatte meine Mitmenschen, mein Vaterland, Li Bai und alles vergessen. Ich dachte nur an das kleine Wesen, das hier in meinen Armen lag und das so wunderschön – oder so schien es mir – »A-ä« sagte.

Die Schwiegermutter streckte ihre knochigen Hände nach der süßen Last aus, aber ich preßte Sing fester an mich. Er war mein, ganz mein eigen und niemand sollte ihn berühren.

Li Bai neigte sich über mich.

»Du wirst müde sein, Käthe, laß' Sing meiner Mutter. Sie hat ihn so lieb.«

»Ich habe ihn auch lieb,« erwiderte ich und meine Augen funkelten, »und Sing ist mein Kind!«

»Gewiß,« sagte er finster, »aber auch das meine.« Damit ergriff er das Bündel, das mir so viel Freude bereitete, wenn es mir auch nicht wie mein Kind vorkam, dieser kleine, komische Chinese, den ich doch so innig liebhaben wollte und so gern zu behalten wünschte, ergriff es und reichte es seiner Mutter, die damit verschwand.