Karlskirche in Wien
Original-Radierung von Alois Seibold
Unter maschinellen Mitteln verstehen wir Mittel, welche uns gestatten, über die Platte einen gleichmäßigen Ton von verschiedener Textur auszubreiten. Die Elemente können Punkte oder Striche sein, je nach der Entstehungsart des erzielten Effektes. Bei der Radierung in unserem Sinne beschränkten sich die dazu erforderlichen Arbeiten auf eine zweckmäßige Behandlung des auf der Platte befindlichen Ätzgrundes.
Eine der ältesten Arten in Ton zu arbeiten besteht darin, daß man auf die grundierte, heißgehaltene Platte mittelst eines Siebes Steinsalz streut. Die feinen Körnchen bleiben am weichen Ätzgrund kleben und sinken bei weiterer Erhitzung der Platte in der geschmolzenen Firnisschicht bis auf das blanke Kupfer. Die wieder erkaltete Platte gelangt nun in ein Gefäß mit Wasser. Die Salzkörnchen werden hierin ausgelaugt und lassen in der Firnisschicht feine Löcher zurück, welche bis aufs Kupfer reichen und dem Ätzwasser später Zutritt auf die blanke Platte gewähren. (»Aquatinta«).
Eine ähnliche Wirkung hat Schmirgelpapier, welches in der Art, wie wir unsre Probedrucke herstellen, mit dem Beinstab an die grundierte Platte gedrückt wird. ([Abb. 13]). Die scharfkantigen Körnchen durchlöchern in zahllosen Stichen den Ätzgrund und legen das Kupfer für die Ätzung bloß.
Wohl noch wenig bekannt ist das Tonen mit der Stahldrahtbürste. ([Abb. 16]).
Die grundierte, kalte Platte wird auf den Tisch gelegt und mit einer gestielten feinen Stahldrahtbürste (siehe [Abb. 16]) sachte geschlagen, wobei die Kupferplatte mit der linken Hand fortwährend zu drehen ist, damit die Wirkung gleichmäßig erfolge. Die Verletzungen des Ätzgrundes haben nämlich die Form zarter kurzer Strichelchen von bestimmter Richtung. Das Drehen der Platte mit der linken Hand soll also das Vorherrschen einer gewissen Richtung der Strichelchen verhüten.
Eine derart behandelte Platte kann nun eventuell noch vor der Ätzung auch mit der Nadel bearbeitet werden. Lichter sind selbstverständlich vorher mit Pinselfirnis zu decken (sogenannte »Reservagemethode«). Abgestuftes Ätzen mittelst Deckfirnis erlaubt dann noch einen Reichtum an Tonstärken zu entwickeln, doch soll auch hier ein gewisses Maß nicht überschritten werden, damit der Reiz der Kontraste dadurch nicht verschleiert werde.
Das fertige Blatt wird von manchem Radierer noch weiter »bearbeitet«. Die noch weiche, verwischbare Druckfarbe wird mit Wischern an gewissen Stellen vertrieben, verwischt, die Striche auseinandergeschmiert, um so etwas wie »Ton« zu erzielen; doch nicht genug damit: Mit dem Radiergummi werden auf dem fertigen Blatt lichte Wolken – hervorgezaubert. Was bleibt da noch übrig von der Schönheit dieser Technik? Dem Laien, der in die Geheimnisse dieser Kunstweise nicht eingeweiht, ist es nicht zur Last zu legen, daß solche Blätter mit Erfolg kursieren können. Wenn aber der Berufene selbst um eines groben Effektes willen die Reinheit des Stiles hingibt und an der Verwilderung einer Technik arbeitet, die in ihren echten Mitteln ohnehin so unerschöpflich reich und schön ist, so ist dies ein bedauernswerter, von vielen Kunsthändlern protegierter Tiefstand, dem der Einzelne durch konsequente Pflege des reinen Stiles entgegenarbeiten kann und muß.
10. Wege und Ziele.
Wie mannigfaltig sich das Arbeiten gestalten kann, das haben wir bei verschiedenen Gelegenheiten ersehen können, und je mehr der Radierer mit ernstem Fleiß alle Ausdrucksweisen sich zu eigen zu machen sucht, desto vielverzweigter sieht er die Wege sich auftun, die zum Ziele führen.