Wird diese Zeichnung mit Salpetersäure behandelt, so kann letztere ihre Wirkung nur an jenen Stellen ausüben, wo sie blankes Kupfer findet; es sind dies die Striche, welche die Radiernadel in den Firnisüberzug gerissen hat. Diese Striche haben in den meisten Fällen das Kupfer gar nicht geritzt, sondern es nur bloßgelegt. Jetzt löst sich dieses unter der Einwirkung der Salpetersäure auf, und das Niveau der blanken Kupferplatte wird dadurch an diesen Stellen vertieft; da die Einwirkung der Säure aber kontinuierlich ist, so wird diese Vertiefung umso größer, je länger der chemische Prozeß andauert. Diesen Vorgang nennt man den »Ätzprozeß« oder die »Ätzung«. Beendet wird dieser Prozeß dadurch, daß die Platte durch kräftiges Abbrausen mit Wasser von der letzten Spur der Säure befreit wird. Sobald die Platte trocken ist, wird der Firnis mit Terpentin heruntergewaschen. Die Platte zeigt nun, nachdem sie mit trockenen Lappen gereinigt wurde, wieder ihre blanke Oberfläche; aus den Strichen der Zeichnung aber sind infolge der Wirkung der Säure feine Rinnen geworden, die sich, wenn die Platte gegen das Licht gehalten wird, dunkel von der glänzenden Fläche abheben. Diese Rinnen nun sind weit verschieden von solchen, welche in die Platte mittelst einer Nadel etwa eingeritzt oder eingraviert worden wären; denn während die auf letzterem Wege erzeugte Furche infolge der glättenden Wirkung der Nadel eine dem entsprechend glatte Innenfläche zeigt, bewirkt die Ätzung nicht nur eine Vertiefung, sondern was sehr wichtig ist für die resultierende Bildwirkung, eine Aufrauhung der vertieften Rinne an ihren Wandungen und ihrer Bodenfläche.

Wird eine also behandelte Kupferplatte mit Kupferdruckschwärze eingerieben, so füllen sich die vertieften Striche mit Farbe, während diese über das blank gebliebene Kupfer hinweggleitet. Mit nicht allzuweichem, reinem Lappen kann sie von der Platte abgewischt werden, in den Strichen sitzt sie fest.

Also vorbereitet, wird die Platte mit einem Blatt gefeuchteten Papiers, dem sogenannten Kupferdruckpapier, belegt; auf dieses kommt noch ein Filztuch. Platte, Papier und Tuch werden nun zwischen zwei Stahlwalzen[1] unter großem Drucke durchgezogen, so daß das feuchte Papier mittelst des weichen Auflagetuches in die mit Farbe gefüllten Striche der Platte gepreßt wird. Beim Abziehen des Druckpapieres haftet die Farbe auf dem Papier und trocknet nach einiger Zeit darauf ein. Der Druck ist fertig und zeigt die ganze Zeichnung in tadelloser Schärfe, jedoch, wie ja leicht einzusehen, verkehrt, ein Umstand, der beim Entwerfen der Zeichnung auf der Platte bereits berücksichtigt werden muß, wenn das beabsichtigte Bild nicht in seitenverkehrter Form aus dem Druck hervorgehen soll.

[1] In früherer Zeit waren solche aus hartem Holz in Verwendung.

Das von der Platte gelieferte Bild heißt Abzug, Druck oder zur Spezifizierung der Art, in der es hergestellt wurde, »Radierung«. Das ganze Verfahren gehört zu der Gattung des »Tiefdruckes«, eine Bezeichnung für alle diejenigen graphischen Techniken, bei deren Ausübung die bilderzeugenden Elemente (Striche, Punkte und dergl.) in die Arbeitsfläche vertieft werden. Die maschinelle Vorrichtung zur Herstellung aller Arten des Tiefdruckes heißt »Kupferdruckpresse«, das handwerkliche Verfahren: »der Kupferdruck«. Den Gegensatz dazu bildet der »Hochdruck«. Obwohl er eigentlich in den Rahmen dieser Arbeit nicht gehört, so diene dessen Beschreibung doch dazu, das vorhin Gesagte noch näher zu erklären. Bei dieser Druckart bleiben die Striche der Zeichnung auf der Platte erhaben, während alles, was weiß bleiben soll, unter das Niveau der Arbeitsfläche bedeutend vertieft wird. Werden beim Tiefdruck alle Striche durch kräftiges Reiben mit Druckfarbe gefüllt, so genügt beim Hochdruck ein einmaliges Andrücken des Druckstockes auf ein ebenes Farbkissen, beziehungsweise ein Übergehen desselben mit einer Farbwalze, um alle Striche zu schwärzen.

Beim Drucken zeigt sich der Unterschied zwischen Tiefdruck und Hochdruck wieder deutlich: Während beim Tiefdruck das Papier in die Striche hineingepreßt werden muß, bewirkt beim Hochdruck ein einmaliges, starkes Andrücken des eingeschwärzten Druckstockes das Abfärben auf das Papier und somit die Bilderzeugung.

Zur ersten Gattung gehören: der Kupferstich, der Stahlstich in allen seinen Abarten, die Radierung und andere Verfahren, die jedoch mit unserer Aufgabe nichts zu tun haben, da sie auf den Mitteln der Photographie beruhen (Heliogravure) und sich von künstlerischen Fertigkeiten in den Mitteln wesentlich unterscheiden. (Zum »Hochdruck« gehören der Holzschnitt, der Linolschnitt, der Stempeldruck, die Zinkhochätzung, Autotypie – Zinkotypie – u. s. w.)[2].

[2] Allen Lesern, die sich auch dafür interessieren, sei Kampmann’s »Die Graphischen Künste« im Verlage Göschen auf das angelegentlichste empfohlen.

2. Vorbereitung zum Arbeiten.

a) Die Kupferplatte und ihre Zurichtung.