So schwer es auch immer seyn mag, den allgemeinen Grad der Aufklärung eines grossen Staates zu bestimmen, so wird der aufmerksame Beobachter, der dem Wechsel der menschlichen Meinungen und herrschenden Begriffe nachspürt und die gegenwärtige Beschaffenheit derselben mit der vorhergegangenen zusammenhält, gleichwohl Data finden, aus denen sich, wo nicht die Stuffe der Aufklärung, doch sicher das Mehr oder Weniger derselben berechnen läßt. Gewiß ist es, daß die Toleranzedikte und kirchlichen Verordnungen unseres weisen Monarchen, die erweiterte Zensursfreyheit, und selbst die dadurch veranlaßte Menge von kleineren Gelegenheitsschriften vieles zur allgemeinen Aufklärung beytragen mußten.
Denn die Toleranzedikte hatten gleich diese Wirkung, daß sie einen grossen Theil unsers Volkes, wenn gleich nicht über alle, doch wenigstens über viele Gegenstände die althergebrachten Vorurtheile erkennen machten.
Die durch die Toleranzedikte veranlaßten Hirtenbriefe einiger – obschon weniger – wahrhaft eifriger Bischöfe waren ein näherer Schritt zur Verbannung dieser nämlichen Vorurtheile, die Jahrhunderte lang den Geist der Gläubigen eben so sehr, als die Religion selbst, abgewürdiget hatten. Freylich hatten diese Briefe den Klosterglauben – das ist, denjenigen Glauben, welchen der Mönchsgeist zur Beschäftigung seiner übervollen Musse, und zur Handhabung seiner Privatvortheile auszuhecken, und mit allen Auswüchsen einer gewaltsam verdrehten Phantasie zu durchweben für gut befunden hat – wider sich, und mußten ihn wider sich haben; allein was auch dieser Klosterglaube dagegen vorbringen mag, so ist doch gewiß, daß jeder nur halb gesunde Menschenverstand, wenn sich ihm am Scheideweg auf einer Seite die Religion, in dem vielfärbigen, mit Flitterwerk beladenen Gewande, womit sie der Mönch behänget, und diese Religion auf der andern Seite, wie der vortrefliche Salzburger Hirtenbrief sie schildert, in ihrem einfachen, weißen, makellosen Kleide zur Wahl darstellte, nicht einen Augenblick Anstand nehmen würde, von dem ersten Bild sich wegzuwenden, und das letzte mit Inbrunst zu umfangen. Ueberhaupt wäre nichts geschickter, um den Abstand gewisser mönchischer und leider! auch – nicht mönchischer – Lehren, jedem noch so trüben Blicke anschaulich zu machen, als wenn man die vortrefflichen Grundsätze dieses Hirtenbriefes jenen entgegensetzte, und es wäre zu wünschen, daß irgend ein aufgeklärter Theolog die Mühe auf sich nähme, den auffallenden Abstand beyder Lehren in einer ausführlichen Parallele zu zeigen.
Die kaiserlichen Verordnungen, welche die Bischöfe des Landes in ihre ursprünglichen Rechte wieder einsetzten, verschaften denselben alle nur mögliche Gelegenheit, sich um die allgemeine Aufklärung verdient zu machen. Sie haben nun Mittel, deren weiser Gebrauch sie an dem Geiste der Gläubigen ihres Kirchensprengels nothwendig zu Wohlthätern machen muß. Und wenn gleich viele Bedenken tragen, Gebrauch von Rechten zu machen, die ihren Vorfahren, einst so heilig, und mit ihrem Amte so wesentlich verflochten schienen, so läßt sich doch von dem Beyspiel der Wenigen, die bereits anfiengen, sich ihrer hergestellten Macht zum Wohl ihrer geistlichen Unterthanen zu bedienen, noch immer einige Wirksamkeit auf die Uebrigen hoffen, welche lieber Sachwalter einer fremden Gewalt, als Verwalter ihrer eigenen sind; und wird auch diese Erwartung vereitelt, so bleibt doch der tröstliche Gedanke zur Aussicht, daß jene Urkunden wiedererlangter Rechte, welche die gegenwärtigen Besitzer in ihren Archiven mit der Ueberschrift: ἀνέχου και ἀπέχου versiegelt und unberührt liegen liessen, ein zurückgelegter Schatz für ihre Nachfolger sind, welche nicht Anstand nehmen werden, mit diesen für das Wohl der Menschheit so wichtigen Geschenken zum Besten der Religion, des Staates und der allgemeinen Aufklärung zu wuchern.
Die Aufhebung einiger Ordensgemeinden, die Verminderung und Einschränkung der übrigen Mönche, die Verpflichtung derselben, ihre wissenschaftliche Ausbildung einer öffentlichen Aufsicht zu unterwerfen, sind eben so viele günstige Vorboten der Aufklärung, deren wohlthätigen Einfluß die kommenden Generationen mit Dankbarkeit segnen werden. Der Mönchsgeist war von jeher ein Melthau für die Blüthe der Wissenschaften, und der ungünstige Einfluß desselben benahm fast allen Zweigen der Gelehrsamkeit Saft, Fruchtbarkeit und Gedeihen. Unmöglich konnten auf einem so engumzäunten Boden die Sprößlinge der Wissenschaften zu Bäumen heranwachsen, und ihre Aeste in die Lüfte verbreiten, und wem ist nicht aus der Geschichte bekannt, zu was für verwachsenen, dornichten, und an der Erde hinkriechenden Gesträuchen Philosophie, Theologie und Kirchenrecht auf mönchischem Grund und Boden geworden sind? Es ist nicht nöthig die Ursache dieses allgemeinen Mißwachses in der bestimmten, kaum zu vermuthenden Absicht zu suchen, vermöge welcher die Mönche darum alle Keime der Aufklärung sollen erstickt haben, um die allgemeine Lichtmasse der Staaten in einer zu ihrem Vortheil verhältnißmässigen Dämmerung zu erhalten – eine Beschuldigung, die ihnen öfter gemacht, als erwiesen worden ist. – Genug, daß sich die Unmöglichkeit des Gedeihens der Wissenschaften aus der Natur der Klosterverfassungen ergiebt. Wie kann ein Mönch, dem gleich bey seinem Eintritt in den Orden das Selbstdenken zur Sünde, und die Verleugnung seines besseren Wissens zur Pflicht gemacht wird, der in dem größten Geisteszwang erzogen, und von strengen Asceten – seinen einzigen ersten Wegweisern – gelehrt wird, durch beständiges Abstumpfen seines Verstandes, und gänzliche Verachtung alles irdischen Wissens seine höchste Vollkommenheit zu erreichen, der in einer Lage lebt, die sich mit seinem Denk- und Empfindungsvermögen so wenig verträgt, der, wenn sein Geist was immer für eine Wahrheit verfolgt, alle Augenblicke Gefahr läuft, mit dem nächsten Schluß, den er daraus zieht, gegen ein Gelübd, eine Regel, oder eine Ordensmeinung anzustossen, der endlich, wenn er es auch wagt, sich aufzuklären, von seinen Mitbrüdern gehasset, verfolgt, und als ein Geistes-Apostat angesehen wird, wie kann so ein Mann Muth, und Thätigkeit genug behalten, das ganze weite Gebiet des menschlichen Wissens zu umfassen, und seinen Geist unaufgehalten über alle Zweige desselben zu verbreiten? All dieß zusammengenommen, ist meines Erachtens hinreichend, sich die Unbrauchbarkeit der Mönche zu vielen Zweigen der Gelehrsamkeit zu erklären, und den Grund anzugeben, warum die Sprossen der meisten Wissenschaften in ihren Händen entweder welken, oder verkrümmt und verbogen werden mußten, ohne daß man nöthig hat, zu einer Beschuldigung von vorsetzlicher Absicht seine Zuflucht zu nehmen, die vielleicht ihrem Herzen zu viel Schande, und ihrem Kopfe zu viel Ehre machen würde. Genug, daß weder die eine, noch ander Ursache in Zukunft mehr Statt haben wird, und daß die über das Mönchswesen ergangenen Verordnungen bereits ihre wohlthätigen Wirkungen äussern, und manchen fähigen Kopf, dem sonst vor allem irdischen Wissen graute, veranlassen, sich nun auch mit der in Klöstern sonst so sehr verabscheuten sapientia terrena, und prudentia carnis abzugeben, um sich auch durch solche Kenntnisse in Rücksicht seiner künftigen ungewissen Bestimmung sicher zu stellen.
Die erweiterte Censursfreyheit, und das dadurch dem Widerspruche, und den Meinungen der Schriftsteller eröffnete Feld versprach der allgemeinen Aufklärung eine nicht minder gesegnete Erndte, und vielleicht ist diese zum Besten des menschlichen Verstandes gemachte Verordnung die erste, die, so neu sie noch ist, schon wirkliche Früchte aufzuweisen hat. Denn ausser den sichtbaren, schon oben bemerkten heilsamen Folgen, welche die Kämpfe so vieler eifrigen Gegner zum Besten der Wahrheit mit sich brachten, giebt es noch manche tröstliche Beobachtung, die sich über den Fortgang der allgemeinen Aufklärung machen läßt. Allerdings geht es mit der Zurechtweisung des menschlichen Geistes sehr langsam, und eine durchaus aufgeklärtere Denkungsart läßt sich höchstens erst von der zweyten Generation, wenn unsere itzigen Kinder Väter seyn werden, erwarten. Auch ist es in Bestimmung dieser Sache viel leichter, die zum Fortgang der Aufklärung gegebenen Ursachen und Anläße herzurechnen, als die Wirkung derselben zu bestimmen. Die entscheidendsten Data, um wie viel heller das Volk über gewisse Gegenstände denke, liessen sich unstreitig aus den Verkauflisten der Rosenkranzkrämer, Bilderilluminierer und Skapulierhändler, aus den Rechnungen der Wirthe an größeren Wahlfahrtsorten, aus den neuesten Bruderschaftslisten, und dem täglichen Absatz der wächsernen Opfer und der sogenannten Kerzelweiber herhohlen. Indessen giebt es für den aufmerksamen Beobachter noch andere Data, aus welchen er den höheren Grad der Aufklärung so ziemlich richtig berechnen kann. Es giebt unter dem Volke bey besonderen Anlässen und Erscheinungen gewisse Aeußerungen von dem – was ich aura popularis nennen würde, wenn es die römischen Sprachgesetzgeber nicht in einem andern Verstande gebraucht hätten – in denen immer der Grad des allgemeinen Vorurtheiles für gewisse Gegenstände sichtbar wird. Man erinnere sich des Aufsehens und der fast allgemeinen Empörung, welche die Schrift: über die Begräbnisse in bürgerlichen und adelichen Gesellschaften, in Schenken und Koffeehäusern erregte, und halte den unbefremdeten Blick und die Gleichgültigkeit dagegen, mit welcher das Volk itzt ungleich stärkere Doses von Wahrheit als bewährte Hausmittel in sich schlürft, und man wird finden, daß das Volk durch die kleineren Schriften dieser Art zu einer Bekanntschaft mit gewissen Gegenständen gelanget ist, die durch eine Reihe von Jahren kaum zu erwarten war. Das Lesen so vieler Schriften, das vielfältige Raisonniren darüber, mußte dasselbe nach und nach mit Ideen vertraut machen, die es sonst gar nicht, oder nur im Vorbeygehen zu denken gewohnt war. Und hätten die Schriftsteller nicht selbst so oft ihr Ziel aus dem Gesichte verloren, hätten sie ihre Begriffe nicht selbst verwirrt, und einer des anderen Arbeit vernichtet, so würde die Aufklärung ihr Gebiet noch weiter ausgedehnt, und ihre Macht selbst bis auf Handlungen erstreckt haben. Das Volk würde eingesehen haben, daß man ihm wohl will, daß man ihm nur die Schlacken, nicht das Gold nehmen, und seine Begriffe läutern, nicht umstürzen wolle, daß man ihm nichts nehme, ohne dafür etwas besseres zu geben, und daß der Zweck einer wahren Aufklärung nur darin bestehe, das eigne Wohl des Bürgers mit seinen Pflichten gegen Gott und den Staat in das engste und genaueste Verhältniß zu bringen.
Möchten doch alle, die sich berufen glauben, an der allgemeinen Aufklärung zu arbeiten, dieß beherzigen, möchten doch die hartnäckigen Zeloten und die zu hitzigen Neuerer den Mittelweg nicht verkennen, auf welchem die Wahrheit einhergeht, möchten sie doch ihre Geisteskräfte nicht an unnützem Privatgezänke versplittern, möchten doch die Schriftsteller unseres Landes ihre Mitbürger die Vortheile kennen und benützen lehren, welche ihnen die weisen Verordnungen ihres Monarchen bereiten, möchten doch alle, denen die Natur ein höheres Erkenntnißvermögen gab, mit vereinigten Kräften an dem Werke einer wahren Aufklärung arbeiten, und bedenken, was für ein grosser, seelenerhebender Gedanke das sey, der Wohlthäter eines Volkes und ganzer Generationen von Menschenaltern zu werden!
[(1)] Der würdige Herr Probst Anton Witola hat in seinem zweyten Schreiben über die Toleranz diesen katholischen Unterricht nach Verdienst kommentirt.
[(2)] Franz Isla, ein spanischer Jesuit, auf dem der Geist des Cervantes ruhte, stellte im Jahr 1758. in seinem Kanzeldonquischotte, den er Bruder Gerundio nannte, den Predigern seiner Zeit ihr eigenes Ebenbild zum Spektakel dar. Dieses vortrefliche Buch, welches Bertuch unter dem Titel: Geschichte des berühmten Predigers Bruder Gerundio von Campazas. Leipzig 1773. 2 Bände gr. 3. ins Deutsche übersetzt hat, ist die angenehmste und lehrreichste Lektüre für Prediger aller Nationen und Zeiten.