Indeß schwamm die Hoffnung, von einem frischen Ostwinde getrieben, majestätisch mit geblähten Segeln die Elbe hinunter und nahm bei Cuxhafen die Lootsen ein. William schlief, von dem starken und ihm völlig ungewohnten Wein benebelt, als wolle er nie mehr erwachen: hatte er doch schon sonst einen festen gesunden Schlaf, wie er der lieben Jugend eigenthümlich ist, und mußte am Morgen stets von der guten Mutter mehrere Male geweckt werden, um die Schulstunden nicht zu versäumen. Das Geräusch auf dem Verdecke störte ihn nicht, da er es in seiner Vaterstadt gewohnt geworden war, bei einem solchen zu schlafen.

Hoch stand bereits, trotz der weit vorgerückten Jahreszeit, die liebe Sonne am östlichen Himmel, als er endlich erwachte. Er setzte sich über Erde, rieb sich die Augen, fühlte nach seinem Kopfe, der ihn sehr schmerzte, wie es nach einem gehabten Rausche der Fall zu sein pflegt, und sah mit verwirrten Augen umher. Alle ihn umgebenden Gegenstände waren ihm völlig unbekannt und schon wollte er sich wieder zum Schlafe niederlegen, weil er zu träumen glaubte, als er den Capitain zu sich eintreten sah.

»Nun, Jüngelchen,« sagte dieser lachend, »das nenne ich geschlafen!«

»Wo bin ich denn?« fragte William, indem er sich die Augen rieb.

»Wo Du bist?« fragte der Capitain gleichfalls. »Weißt Du denn nicht mehr, daß Du Dich an Bord der Hoffnung und schon mitten im Meere befindest?«

Bei diesen Worten sprang der arme Knabe vollends auf und sein eben noch vom Schlafe geröthetes Gesicht wurde todtenbleich.

»So habe ich die Zeit verschlafen und das Schiff ist mit mir fortgesegelt?« rief er mit dem Tone des höchsten Entsetzens aus. »Großer Gott! was soll jetzt aus mir armen Knaben, was aus meiner unglücklichen Mutter werden? und wird sie sich nicht gar zu Tode um mich grämen? Setzt mich, Herr Capitain, ich flehe Euch darum um Gotteswillen an, setzt mich sobald als möglich an's Land! Wenn es auch noch so weit ist, will ich gerne zu Fuße nach Hamburg zurücklaufen; gute Menschen werden mir schon den Weg dahin zeigen; denn es wäre doch gar zu traurig, wenn meine gute Mutter aus Kummer um mich und meinen vermeinten Ungehorsam stürbe, oder sich ihre lieben, ohnehin so kranken Augen blind weinte.«

»Närrchen,« versetzte der Capitain, dessen böses Herz sich an der Angst des armen Knaben ergötzte, »Närrchen, vom Festlande wird nicht eher die Rede sein, bis wir die Insel Java, bei Asien, erreicht haben: denn dahin steuern wir, und Du mußt Dich schon auf dem Wasser zufrieden geben. Was aber Deine Mutter anbetrifft, so wird sie sich schon bei meiner Frau nach Dir erkundigen und von der hören, wie die Sachen stehen; Du aber denke von nun an nur darauf, Deine Pflichten am Bord gehörig zu erfüllen, und mir keine Gelegenheit zur Unzufriedenheit zu geben, denn sonst würde es Dir nicht gut ergehen.«

Vergebens bat und beschwor William noch ferner den bösen Mann, ihn ans Land setzen zu lassen, da er nicht wußte, daß dies unter den gegenwärtigen Umständen völlig unmöglich sei; und wäre es auch möglich gewesen, so würde Capitain Hansen doch nie darein gewilligt haben, seine Beute wieder fahren zu lassen. Dem armen William blieb also nichts weiter übrig, als sich in sein Schicksal zu ergeben, was er nach vielen vergossenen heißen Thränen that.

Seiner Mutter wurde aber doch am folgenden Tage, als sie ihr Unglück den theilnehmenden Nachbarn klagte, ein großer Trost. Auf dem Wege zu dem Capitain war William nämlich einem seiner Schulgefährten, der gleichfalls in der Nachbarschaft wohnte, begegnet, und diesem hatte er erzählt, daß er zu dem Capitain Hansen gehe, um ihm im Namen seiner Mutter zu sagen, daß diese nicht in seine Entfernung willige, und bei dieser Gelegenheit hatte er gegen den Schulfreund geäußert: »Er würde um keinen Preis wider den Willen seiner Mutter mit dem Capitain gehen, denn das würde eine große Sünde sein.«