Der Sterbende vermochte ihm nicht zu antworten; aber er öffnete, zum Zeichen, daß er ihn verstanden habe, die Lippen, als begehre er zu trinken. William flößte ihm mit der größesten Vorsicht einige Tropfen Wasser ein. Diese brachten eine so große Wirkung auf den Capitain hervor, daß er schon nach wenigen Minuten die Augen aufschlug und seinen jungen Wohlthäter mit dankbaren Blicken ansah.
William, welcher bemerkte, daß der Leidende sehr schlecht und unbequem mit dem Kopfe lag, was ihm noch mehr Schmerzen verursachen mußte, sann auf Mittel, ihm eine bequemere Lage zu geben, ohne seinen armen zerschlagenen Körper zu bewegen. Bald hatte sein erfinderischer Geist das Nöthige erfunden: er erinnerte sich des hohen Grases, womit der Boden in einiger Entfernung vom Strande bedeckt war, eilte fort und schnitt mit seinem Taschenmesser so viel davon ab, als er mit beiden Armen zu fassen vermochte. Dies gab ein weiches, kühles und köstliches Kopfkissen ab, indem er es behutsam unter das Haupt des Verwundeten schob.
Dieser schien jetzt, nachdem er sich gehörig an dem köstlichen, krystallhellen Wasser gelabt, völlig wieder zur Besinnung gekommen zu sein. Reden konnte er zwar noch nicht; allein er schaute seinen jungen Wohlthäter mit liebevollen Blicken an und drückte ihm von Zeit zu Zeit die Hand, zum Zeichen seiner Dankbarkeit; William bemerkte, daß ihm dabei die hellen Thränen über die Wangen liefen.
Obgleich selbst entkräftet und fast todtmüde, dachte der gute Junge doch nicht an sich und seine eigenen Leiden und Entbehrungen, sondern allein an den armen Mann, der tausendmal größere Schmerzen zu erdulden hatte. Er dachte auch nicht daran, daß eben dieser sein Feind die Ursache seines gegenwärtigen Mißgeschicks war, sondern allein daran, wie er ihm helfen, auf welche Weise er seine Leiden lindern könne.
Nur einige wenige Minuten ruhte er aus, nachdem er ihm das weichere Lager für sein Haupt bereitet hatte, dann erhob er sich wieder, um einen Schutz gegen die sengenden Sonnenstrahlen für seinen lieben Kranken zu suchen. Auf diesem Wege fielen ihm die Bäume mit dem farrenkrautartigen Laube auf. Er eilte auf sie zu und schnitt eine Menge von den über eine Elle langen und halb so breiten Blättern ab, die er auf einen Haufen legte, bis er eine gehörige Menge von Stöcken geschnitten haben würde, von denen er eine Art von Hütte aufbauen und diese mit dem breiten Laube des Farrenkraut-Baumes bedecken wollte. Denn Ihr müßt wissen, geliebte Kinder, daß die Pflanze, welche bei uns an feuchten und schattigen Stellen niedrig am Boden wächst und kaum eine Höhe von einem Fuße erreicht, in Australien zum stattlichen, überaus schönen Baume gedeiht. Solche Farrenkraut-Bäume hatte nun unser William vor sich; da er aber von der Pflanzenkunde wenig oder gar nichts wußte, konnte er diese herrliche Pflanze nicht benennen; nur so viel sagte er sich, daß sie zu dem beabsichtigten Zwecke ganz vortrefflich passe.
Vermittelst seines starken und zum Glücke sehr scharfen Messers – es war ein Geschenk von dem armen alten Jakob, der wohl jetzt tief im Meeresgrunde lag und den ewigen Schlaf schlief – schnitt er eine Menge Stecken ab und trug sie zum Strande, wo er sie ziemlich tief in den sandigen Boden einsteckte und über dem Körper des Verwundeten eine Art von Gerüst davon aufbaute. Er hatte zwar weder Hammer, Bohrer noch Nägel, um die Stöcke aneinander zu befestigen; allein er wußte sich trotz dem zu helfen. Er hatte nämlich bemerkt, daß die Frucht tragenden Halme des Grases, wovon er für seinen lieben Kranken ein Lager für das Haupt gemacht hatte, sehr stark und zäh waren, und so bediente er sich derselben statt der Stricke, um die Stäbe aneinander zu binden. Dabei kam ihm wieder die Aufmerksamkeit zu statten, die er von jeher allen ihm begegnenden Dingen und Sachen schenkte. Seine Mutter war früher mehrere Male um die Erndtezeit mit ihm ins Feld gegangen und da hatte er bemerkt, daß die Garbenbinderinnen eine Handvoll Stroh zusammendrehten, um damit die Garben zu binden. Ebenso verfuhr er mit den ziemlich langen und sehr zähen Grashalmen, die auf solche Weise behandelt, die ihm fehlenden Stricke vollkommen ersetzten.
Als sein Gerüst aufgebaut war, holte er das Farrenkraut und bedeckte seinen Bau mit den breiten Blättern desselben. Es nahm sich fast so aus, wie die Lauberhütten der Israeliten und gewährte nicht nur dem Leidenden Schutz gegen die brennenden Sonnenstrahlen, sondern auch, als die Sonne untergegangen war, gegen die eintretende Kühle der Nacht.
Unter diesen liebevollen Bemühungen des guten Knaben war es Abend geworden. Die Sonne hatte bereits ihre Laufbahn vollendet und war am westlichen Rande des Horizonts ins Meer hinabgesunken. Der Verwundete lag in einer Art von Halbschlummer, aus dem er aber von Zeit zu Zeit erwachte, um Wasser zu fordern. Daß er dem Schmachtenden dieses immer geben könne, auch dafür hatte unser William auf eine sinnreiche Weise gesorgt, indem er an seiner Ledertasche einen Stiel befestigte; er hatte nämlich oben am Rande zwei Löcher hineingebohrt, durch die er einen ziemlich langen Stecken schob, und indem er das untere Ende des Steckens schräg in die Erde steckte, erhielt sich sein Wassergefäß schwebend, so daß kein Tropfen verloren ging.
Auf diese Weise hatte unser Freund nun freilich für das nächste Bedürfniß seines lieben Verwundeten gesorgt; allein wer sorgte für das seinige? Es meldete sich nämlich bald ein böser Gast bei ihm: der Hunger, und er hatte nichts, um ihn zu befriedigen. An einer reichlich besetzten Tafel ist der Hunger ein höchst willkommener Genosse, der alle Speisen würzt; allein in der Einöde, wo es an allen Mitteln fehlt, ihn zu befriedigen, da macht er sich nicht wenig unangenehm.
Dies empfand unser William jetzt, und er faßte oft an seinen armen Magen, der anfing, gewaltig zu knurren.