»Gewiß ein Affe, vielleicht gar ein Urang-Utang!« sagte er bei sich. Er irrte aber in dieser Voraussetzung, denn auch Thiere dieser Gattung sind in Australien nicht zu Hause.

Sein Erstaunen erreichte aber den höchsten Grad, als er am Strande, unfern der von ihm geborgenen Sachen, ein Canot, oder indianisches Boot, erblickte. Es hatte die Gestalt eines großen Troges und war aus einem ausgehöhlten Baumstamme gemacht. Aus Vorsicht hatte der Besitzer desselben es auf den Strand gezogen, was sich seiner Leichtigkeit und Kleinheit wegen leicht bewerkstelligen ließ.

William, der sich jetzt vor einem vielleicht Menschen fressenden Wilden, wie zuvor vor Löwen und Tigern, fürchtete, ging nur langsam und mit großer Vorsicht auf den Wilden zu, der seinerseits so ämsig mit dem Aufschlagen der Kiste beschäftigt war, daß er die Ankunft unsers Freundes nicht eher bemerkte, als bis dieser ihm ganz nahe stand.

Ein Schrei des Entsetzens entfuhr dem armen Wilden, der ein Knabe von dreizehn bis vierzehn Jahren zu sein schien, krauses Haar und eine ziemlich dunkle Hautfarbe, aber im Uebrigen einen sehr wohlgebildeten Körper hatte, so bald er eines Menschen ansichtig wurde, wie er noch nie zuvor einen gesehen. Er glaubte ohne Zweifel den weißen Geist, eine Gottheit, die von diesen Wilden angebetet und sehr gefürchtet wird, vor sich zu haben und stürzte zur Erde nieder, das Gesicht gegen den Boden drückend und die Hände weit von sich streckend. Dabei stieß er so erbärmliche, seltsam klingende Töne aus, daß William sich kaum eines Lächelns erwehren konnte, so wenig ihm auch sonst darnach zu Muthe war. Der Augenblick, wo er einen Menschen wiederfand, war ja ein großer, überaus wichtiger für ihn.

Da William sah, daß er Furcht einflößte, schwand natürlich die seinige und das Mitleid mit dem armen, zitternden Wilden nahm die Stelle derselben ein. Er bückte sich zu dem armen Kolbi – dies war sein Name, wie er späterhin erfuhr – nieder und berührte seinen nackten Körper sanft mit der Hand, indem er ihm gute Worte gab und ihm Muth einzusprechen suchte. Aber Kolbi verstand ihn nicht und die sanfte Berührung von Seiten des vermeinten Geistes vermehrte dermaßen sein Entsetzen, daß sein armer Körper wie ein Espenlaub zitterte.

William, der nicht wußte, was er anfangen sollte, um den armen Knaben zu beruhigen, kniete neben ihm nieder, streichelte seinen Kopf und sprach in so sanften Tönen zu ihm, daß es dem armen Zitternden, obgleich er seine Worte nicht verstehen konnte, doch begreiflich wurde, daß er nichts Böses von ihm zu befürchten habe. Er erhob also das Haupt etwas vom Boden und sah unsern William von der Seite an; so wie er ihm aber in das Gesicht sah, schauderte er sichtbar zusammen und schloß die Augen wieder, ganz wie der Strauß es machen soll, der seinen Kopf in den Busch steckt und meint, sein Verfolger sehe ihn nicht, weil er diesen nicht mehr sieht.

Endlich gelang es unserm jungen Freunde doch, dem Wilden einiges Vertrauen einzuflößen; Kolbi erhob sich wenn gleich noch leise zitternd, und reichte dem weißen Manne sogar die Hand, als dieser ihm die seinige bot. Beide gingen jetzt wieder zu der Kiste, die William so sehr am Herzen lag. Kolbi hatte ihm die Mühe erspart, das Schloß vermittelst eines krumm gebogenen Nagels zu öffnen, indem er in seinem Unverstande den Deckel mit einem Stein zertrümmert hatte, so daß der Inhalt bereits zu Tage lag. Diesen bildeten, außer Wäsche und Kleidungsstücken, etwas Geld, das für William jetzt ohne allen Werth war, da er nichts dafür kaufen konnte, eine Menge sehr guter Handwerksgeräthe, als Sägen, Hobel, Bohrer, Hammer, ein Beil, Meissel u. dgl. m., einige Seecharten, ein Gebet- und Gesangbuch und endlich eine silberne Uhr, die zwar still stand, weil sie nicht aufgezogen war, aber durchaus nicht gelitten hatte, wie überhaupt die Sachen in der Kiste nicht. Denn der brave Zimmermann hatte seine Lade so tüchtig gearbeitet und sogar das Schlüsselloch mit einem so gut schließenden Schieber versehen, daß auch nicht ein Tropfen Seewasser in das Behältniß gedrungen war.

Der Anblick der Uhr machte William eine außerordentliche Freude, und da der Schlüssel an einer schweren silbernen Kette daran hing, zog er sie gleich auf; sie ging! Kolbi sah Alles, was er that, mit neugierigem Erstaunen an; als ihm William aber die Uhr vor das Ohr hielt, damit er sie picken höre, erschrack er nochmals so, daß er fast wieder zur Erde gefallen wäre, und die Uhr angebetet hätte, wie früher unsern Freund; ja, das lebhafteste Entsetzen spiegelte sich in seinen Blicken ab, als er William den vermeinten Gott in seine Tasche stecken sah.

Unser Schiffbrüchiger war durch das Auffinden der Kiste und der Trümmer des Schiffs, weit mehr aber noch durch das Begegnen Kolbis auf einmal zu einem Reichthum gelangt, den er nicht mehr zu hoffen gewagt hatte. Es gelang ihm auch, dem jungen Wilden ein so großes Vertrauen einzuflößen, daß dieser ihm, als er gegen Abend zu seiner geliebten Höhle zurückkehrte, willig dahin folgte. Kolbi war ihm von sehr großem Nutzen, indem er einen Theil dessen, was William gleich in Sicherheit bringen wollte, auf seine starken Schultern nahm, so daß, da Beide trugen, der werthvolle Inhalt der Kiste gleich in die Höhle geschafft wurde. Nicht wenig erstaunte Kolbi, als er William, so wie sie in derselben angelangt waren, vermittelst eines gleichfalls gefundenen Feuerstahls, Schwamms und Steines Feuer anmachen, und die Pataten daran legen sah. Als diese gehörig gebraten waren, theilte William sein einfaches Mahl mit seinem schwarzen Freunde, der vermuthlich lange keine so gute Kost genossen hatte, denn er ließ es sich vortrefflich schmecken und auch keine einzige Patate blieb übrig. Auch William hatte den besten Appetit von der Welt; in zwei Tagen waren es nur Kirschen gewesen, mit denen er ihn hatte stillen können, und so war ihm die derbere Nahrung jetzt sehr erwünscht.

Als Beide sich gehörig gesättigt und ihren Durst durch einen frischen Trunk aus der Quelle gestillt hatten, legten sie sich auf dem weichen Lager, einträchtig wie Brüder, neben einander nieder und schliefen bald ein; unser William jedoch erst, nachdem er die Pflicht des Dankes gegen seinen so gnädigen und gütigen Vater im Himmel erfüllt hatte, und o! für wie viel Gutes hatte er ihm nicht mit gerührter Seele am Abende dieses Tags zu danken!