»Wohl weiß ich das, liebe Madame Robinson,« erwiederte ihr der Arzt, der ein vortrefflicher Mann und ein wahrer Menschenfreund war; »aber ich muß trotz dem bei meinem Ausspruche beharren und Sie dringend ermahnen, für die Folge ihres Lebens allen feinen, die Augen anstrengenden Arbeiten zu entsagen.«

»So würde mir nichts weiter übrig bleiben, als mein Kind an die Hand zu nehmen und von Haus zu Haus betteln zu gehen,« sagte sie, indem ein Strom von Thränen ihr über die bleichen Wangen schoß, »und das Herr Doktor, vermöchte ich nicht. Lieber sterben, als betteln!«

»Kommen Sie morgen um dieselbe Stunde wieder zu mir,« sagte der Arzt nach einem kurzen Nachdenken. »Ich will die Sache mit meiner Frau überlegen; sie ist wohlmeinend und verständig; ich hoffe, sie wird uns irgend einen Ausweg zeigen können, und was an mir liegt, so können Sie auf mich rechnen; so weit es meine Kräfte erlauben, will ich Ihnen beistehen. Ich bin leider noch ein junger Arzt und besitze kein eigenes Vermögen; auch ist meine Praxis noch klein, sonst würde ich gewiß mehr thun, als ich jetzt werde thun können. Sorgen Sie indeß weder für die Bezahlung meiner ärztlichen Bemühungen, noch für die Medicin und wenden Sie die Ihnen von mir verschriebenen Medicamente sorgfältig an.«

Er reichte ihr bei diesen Worten zum Abschiede die Hand und die arme, grambeladene Frau kehrte in ihre bescheidene Wohnung zurück. Am andern Morgen war sie wieder bei ihrem zur Hülfe willigen Freunde. Dieser schien sie schon erwartet zu haben und führte sie zu seiner Frau, die sie zu sich auf den Sopha lud und sie auf das Liebevollste und Zuvorkommendste empfing. Gute und gefühlvolle Menschen sind stets am höflichsten gegen Unglückliche; niedere Seelen dagegen kriechen vor Reichthum, Ansehen und Macht. Wenn ich Personen hart und unhöflich mit Leidenden, in ihrem Vermögen Heruntergekommenen umgehen sehe, dann habe ich gleich keine gute Meinung weder von ihrem Herzen, noch von ihrem Verstande.

»Meine liebe Madame Robinson,« sagte die treffliche Frau, indem sie ihr die Hand reichte, mit jener herzgewinnenden Freundlichkeit, die Leidenden so wohl thut, »mein guter Mann hat mir von Ihnen und Ihrem unverschuldeten Leiden erzählt, indem er mich zugleich aufforderte, Ihnen nach Kräften mit Rath und That zu Hülfe zu kommen. Nach längerem Nachsinnen ist mir ein Ausweg eingefallen. Da drüben,« – sie wies auf ein gegenüberliegendes Häuschen – »wohnte eine Frau, die sich lange Zeit hindurch anständig durch den Verkauf von Südfrüchten und allerlei Eingemachtem ernährte. Es war freilich bei dem kleinen Handel nicht viel übrig; allein er schützte die Frau gegen Mangel und Sorge. Seit wenigen Tagen ist sie gestorben und das Häuschen steht zur Miethe. Wenn Sie wollen, miethen wir es für Sie – der sehr geizige Hauswirth würde es wohl schwerlich ohne eine genügende Bürgschaft an Sie vermiethen – und strecken Ihnen ein Sümmchen zum Ankaufe der nöthigen Artikel vor. Auf diese Weise, so scheint es mir, würden Sie das Nothwendige erwerben können, ohne Ihre armen Augen noch ferner anzustrengen. Was sagen Sie zu diesem Vorschlage?«

Die gute Frau Robinson glaubte die Stimme eines Engels zu hören, als sie diese Worte vernahm. Es fehlte nicht viel, so wäre sie der trefflichen Frau zu Füßen gefallen, um ihr zu danken, wie es ihr Herz ihr gebot; sie hatte kaum Worte, nur Thränen.

»Nicht wahr,« fragte ihre Wohlthäterin gerührt, »nicht wahr, Sie gehen auf meinen Vorschlag ein und mein Mann macht noch heute die Sache mit dem Hauswirthe richtig, damit uns kein Anderer zuvorkomme?«

»O, wenn Sie die Güte haben wollten!« stammelte Frau Robinson, indem sie die Hände der Trefflichen ergriff. Sie wollte mehr sagen, vermochte es aber vor Rührung nicht.

»Die Sache ist so gut wie abgemacht,« entgegnete ihr diese, »und jetzt, ich bitte Sie, beruhigen Sie sich, regen Sie sich nicht zu sehr auf,« fügte sie liebevoll hinzu; »mein Mann behauptet, daß Sie solche Gemüthsbewegungen nicht gut ertragen können, und namentlich Ihren Augen dadurch schaden würden.«

Frau Robinson ging jetzt und schon nach acht Tagen bezog sie mit ihrem lieben William die neue Wohnung und trat ihr neues Geschäft an.