Die Sonne brannte mit mörderischer Glut auf den steilen, baumlosen Abhang. In das Platzen der Schrapnells, das Tacken der Maschinengewehre, das Aufbrüllen der eigenen Geschütze, mischte sich, jetzt schon immer näher, immer heller, das Heulen der herankommenden Geschosse. Und immer noch war die Kammlinie nicht erreicht! . . . Der Hauptmann fühlte seine Lunge versagen, blieb stehen, und hob den Arm. Die Leute sollten sich einen Augenblick verschnaufen; waren seit vier Uhr morgens schon unterwegs; hatten Tüchtiges geleistet mit ihren vierzigjährigen Beinen. Er merkte es an sich selbst.

Mitleidig blickte er auf die blauroten, schweißüberströmten Gesichter, und fuhr zusammen, als er Leutnant Weixler mit großen Schritten auf sich zukommen sah. Warum konnte er dieses Gesicht nicht mehr sehen, ohne sich wie angefallen zu fühlen, wie an der Kehle gepackt von einem Haß, der sich kaum noch zügeln ließ? Er hätte eigentlich froh sein müssen, ihn hier draußen an seiner Seite zu haben. Ein Blick in diese lauernden Augen mußte genügen, um jeder Rührung Herr zu werden.

— Bitt gehorsamst, Herr Hauptmann, — hörte er ihn schnarren — ich geh auf den linken Flügel hinüber. Da sind ein paar Kerle, die mir nit recht g’fallen. Besonders der Simmel, der rote Hund! Der zieht jetzt scho’ den Kopf ein, wann drüben ein Schrapnell platzt. —

Marschner schwieg. „Der rote Hund?“ — — „Der Simmel?“ — — Das war doch der rothaarige Flügelmann im zweiten Zug; der Tapezierer, der das entzückende, kleine Mäderl auf dem Arm getragen hatte, bis zum letzten Augenblick. Bis der Weixler ihn brutal in den Wagen gejagt . . . Dem Hauptmann war’s, als sähe er noch den erstaunten Aufblick der Kinder zu dem mächtigen Mann, der ihren Vater anzuschnauzen wagte.

— Laß ihn nur, er wird sich schon drann gewöhnen — sagte er mild. — Er hat halt noch seine Kinder im Kopf, und hat’s net eilig, sie zu Waisen zu machen. Die Leut können ja net alle Helden sein! Wann’s nur ihre Pflicht tun. —

Das Antlitz Weixlers wurde starr. Um die schmalen Lippen erschien wieder jener harte, verächtliche Zug, der den Hauptmann jedesmal wie ein Peitschenhieb traf.

— Er soll jetzt eben nicht mehr an seine Fratz’n denken, sondern an den Fahneneid, den er seinem allerhöchsten Kriegsherrn g’schworn hat! Hast es Ihnen ja eben erst g’sagt, Herr Hauptmann. —

— Ja, ja. Ich hab’s ihnen gesagt! — nickte Hauptmann Marschner geistesabwesend, und ließ sich langsam ins Gras nieder. Nicht daß dieser so sprach, wunderte ihn. Aber daß auch ihm einmal vor fünfundzwanzig Jahren, als er, durch und durch mit Begeisterung wattiert, aus der Kadettenschule kam, „Fahneneid“ und „allerhöchster Kriegsherr“ genau so erschöpfend geklungen hatten! Wie dieser, wäre damals auch er voll freudiger Begeisterung in einen Krieg gezogen. Wie aber sollte er heute, taub geworden für den Fanfarenklang solcher Worte, und hellsehend für das Gebälk, das sie trug, Schritt halten mit der Jugend, die für alles, was stehend und mit erhobener Stimme verkündet wurde, ein gläubiges Echo war? Wie sollte er von seinen braven, behäbigen Spießern, die das Leben schon so gründlich gebändigt hatte, daß sie daheim hungernd an Reichtümern vorbeigingen, die nur eine dünne Glaswand von ihnen schied, hier plötzlich ein wildes Draufgehen verlangen? Wie an den Tapezierermeister Simmel die gleichen Anforderungen stellen, als an den jungen Leutnant, der noch nie anderes erstrebt hatte, als im Fechten, Ringen und Mut zeigen unter den ersten genannt zu werden? Waren je Söldner für ihre Sitten, biedere Bürgersleute für ihre Unerschrockenheit berühmt, — je ein und dieselben Menschen zwanzig und fünfundvierzig Jahre alt zugleich gewesen? — — —

Zusammengekauert, den Kopf zwischen den Fäusten, war der Hauptmann so tief in seine Gedanken versunken, daß er Zeit und Ort vergaß, und alle Versuche Leutnant Weixlers, ihn durch wiederholtes Vorbeischleichen, lautes Umherhetzen der Mannschaft aufzuscheuchen, blieben erfolglos. Endlich brachte ihn nahes Pferdegetrappel wieder zu Bewußtsein. Auf dem Feldweg, der in halber Höhe um den Hügel lief, galoppierte ein Offizier, die hohe Generalstäblermütze auf dem Kopf. Er parierte sein Pferd, erkundigte sich verbindlich nach dem Marschziele der Kompagnie, und rümpfte die Nase, als Hauptmann Marschner die Nummer der Quote nannte.

— Dorthin geht’s Ihr! — rief er aus, und die Grimasse ging langsam in ein respektvolles Lächeln über. — Aa, da gratulier’ ich! Da kommt’s ja grad in die dickste Schweinerei hinein. Dort wollen die Herren Katzelmacher seit drei Tagen scho durch. Da will ich Euch net aufhalten! Die armen Teufln, die dort liegen, wern die Ablösung gut brauch’n können. Servus. Und viel Glück!